Mirna Funk - Winternähe - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 04.08.2015


Mirna Funk - Winternähe
Magdalena Herzog

Berlin-Mitte. Angesagte Gegend mit angesagten Menschen. Lola, 34, Fotografin, arbeitet in einer Agentur, ist (Ost)Deutsche, Jüdin und hat den Hals von ihrem antisemitischen Umfeld gestrichen voll.




Erster Teil: Das makellose Berlin-Mitte wird politisch

Berlin-Mitte in all seiner stereotypen Vorstellung stellt das Bühnenbild dar, vor dem sich der erste Teil des Debütromans von Mirna Funk abspielt. Der Roman eröffnet mit einem Skandal: Die Protagonistin Lola erkennt sich auf Facebook auf einem Bild wieder, auf dem sie ein Hitlerbärtchen trägt. Ihre Freund_innen haben es ihr aufgemalt und stoßen auf großen Gefallen und Abneigung – warum solch ein Schabernack alles andere als banal, geschweige denn witzig ist, können sie nicht nachvollziehen. Lola klagt gegen diese antisemitische Performanz. Ihr Anwalt verliert den Prozess, weil die Klägerin gemäß der Halacha keine Jüdin ist – denn: nur Lolas Vater ist Jude. Schachmatt. Nun hat Lola in ihrem Leben erstmalig handfesten Antisemitismus erlebt.

Die Spannung, welche die deutsche und jüdische Identität für Lola stets bedeutete, ist kaum mehr auszuhalten. Der Prozess und weitere antisemitische Attacken reißen Lola aus ihrer Welt. Die Bekannte, die sie jetzt und im Verlauf der Handlung trifft, repräsentiert eine weitere Position im so brisanten und zu oft antisemitisch aufgeladenen deutschen Diskurs über die Shoah und den israelisch-palästinensischen Konflikt. Die Attacken und die Gespräche haben sie politisiert, sie möchte Eindeutigkeit in ihrer Zugehörigkeit zum Judentum haben und der Ambivalenz der Identitäten zumindest dahingehend entfliehen, dass es nicht Nichtjuden sind, die über ihr Jüdisch-Sein bestimmen können. Der Versuch einer Konversion scheitert: Während die anderen im Judaistik-Kurs entschlossen sind, religiös und damit unzweifelhaft jüdisch zu werden, wird es Lola klar, dass Ambivalenz Teil ihrer Persönlichkeit ist.

Ein neuer Bezugspunkt in diesem Berlin, in dem Lola sich nun nicht mehr wohlfühlt, bietet Shlomo. Ihm erlaubt Lola, sie als Liebhaber bei ihrem Weg stückweise zu begleiten. Er ist ein radikal linker Israeli, der konservative Israelis als Hitler-Juden bezeichnet und sich für seine politische Haltung aktiv einsetzt. Er wiederum ist damit beschäftigt, wie es der israelischen Linken und den Palästinenser_innen ergeht und mit dem, was er in seiner Zeit in der Armee erlebt hat. Während sie auf persönlicher Ebene emotional hier und da zueinander finden, bleibt ihnen später in Tel Aviv der Anschluss an das, was sie jeweils in ihrer Identität umtreibt, verschlossen.

Zweiter Teil: Tel Aviv – wo Ambivalenz und Komplexität sich nicht auflösen müssen, sondern Teil des Lebens sind

Lola folgt Shlomos Einladung nach Tel Aviv. Hier bricht der Gaza-Krieg 2014 aus und Lola lernt kennen, was für viele Israelis normal ist: Raketenalarm, In-den-Luftschutzkeller-Rennen und das Boom-Geräusch, welches das Zerschmettern der Raketen durch das Raketenabwehrsystem Iron-Dome markiert. Diese Erlebnisse sind zuviel für Lola, sie ist erschöpft und merkt immer deutlicher, dass sie auch hier keine neue Perspektive auf ihre jüdische und deutsche Identität findet.

In diesem Erzählstrang mäandert zusätzlich Lolas Familiengeschichte: der Vater war DDR-Flüchtling, immer abwesend, die Mutter ebenfalls und so wächst sie bei den Großeltern auf. Die dauernde emotionale Auseinandersetzung mit dem abwesenden Vater ist für die Protagonistin gerade deshalb so wichtig, weil dieser den Bezug zum Jüdischen darstellt und versucht hat, das "Oxymoron-Dasein" als deutsche Jüdin zu leben. Als ihr Großvater in Israel stirbt, ist Lola plötzlich eine mit Frau, die kein Familienmitglied mehr hat, mit dem sie in einem engen emotionalen Austausch steht.

Dritter Teil: Bangkok – Die Auflösung der emotionalen Zerrissenheit

Auf These und Antithese folgt Synthese. Lola findet keine emotionale Ruhe zur Trauer, und flüchtet, wie damals aus Berlin, nun nach Thailand, zieht sich zurück und findet die Ruhe, die sie sucht. Der Krieg, die Nähe zu Shlomo und der Verlust von Gerhsom müssen verarbeitet werden. Gleichzeitig beginnt sie einen Brief zu lesen, den ihr ihre Großmutter hinterlassen. Und dieser krempelt ihre Familiengeschichte um.

Resümee

Mirna Funk ist es gelungen, den hitzig geführten Diskurs über das Themenfeld Deutsche, Juden/Jüdinnen, Israel, Shoa, Antisemitismus und das Leben als deutsche Jüdin in einen Roman zu betten. Angesiedelt ist er in einem Milieu, das durch apolitische und hochpolitische Personen gekennzeichnet ist und in dieser Hinsicht teilweise stereotyp anmutet. Lola ist eine emotionale Frau, die beneidenswert frei agiert und kosmopolitisch lebt. Sie vereinigt die Perspektiven der Dritten Generation als Jüdin und als Nichtjüdin und damit die Traumata der Opfer und die Verleugnungen der Täter_innen. Die Verortung in die Metropolen Berlin und Tel Aviv neben dem sprachlich journalistischen Zugang macht "Winternähe" zu einem Roman, bei dem sich die Kenner_innen des Diskurses verstanden fühlen können, nicht aber überrascht werden. Für Neueinsteigende gibt es neue Perspektiven kennenzulernen, was "Winternähe" zu einem politisch sehr wichtigen Buch macht.

Ein Kommentar zur Resonanz auf den Roman

Die Reaktionen auf den Roman geben eine weitere Perspektive preis. So findet sich in der Rezension in theeuropean, die Aussage, die antisemitischen Ereignisse seien "in einer ersten Abwehrreaktion zu stark verdichtet" und im Gespräch im NDR bekennt der Rezensent Alexander Solloch sich selbstreflektierend als "naiv", wenn er zunächst annimmt, die von der Autorin genannten Antisemitismen seien überzeichnet und klärt zugleich auf, dass die Autorin dies alles erlebt hat. So bitter und schmerzhaft es ist: was Mirna Funk beschreibt, dürfte zwar schockierend, jedoch für keine/n überraschend sein, der in den letzten Jahren den gesellschaftlichen Diskurs verfolgt hat. Insofern trifft der Roman den Puls des Feuilletons und hat offensichtlich per se einen aufweckenden Charakter. Indem die Autorin neben den scharfen Analysen ihrer Protagonistin auch zentrale Autor_innen und Kunstproduktionen des Themenfeldes nennt, kann ihr Erstlingswerk als Einführung zu einem differenzierteren Verständnis des Themas verstanden werden.

Zur Autorin: Mirna Funk wurde 1981 in Ostberlin geboren und studierte Philosophie sowie Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin, unter anderem für "Der Freitag" und das "Zeit Magazin", und schreibt über Kultur, Lifestyle und Kunst. Sie lebt in Berlin und Tel Aviv. Im Sommer 2014 berichtete sie für das Berliner Magazin "Interview.de" aus Israel und von ihrem Leben im Ausnahmezustand, über die Kunstszene Israels, über Künstler_innen, Galerien und Museen in Tel Aviv und Haifa.
Für "Winternähe" hat Mirna Funk den Uwe-Johnson-Förderpreis erhalten.

Weitere Infos unter: www.mirnafunk.com, www.fischerverlage.de und im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung

AVIVA-Tipp: "Winternähe" ist ein Roman, dessen zentraler Handlungsstrang sich in den gegenwärtigen deutschen Diskurs um das jüdisch-nichtjüdische Verhältnis webt. Gleichzeitig geht es um die DDR, und darum, ohne emotional erreichbare Eltern aufzuwachsen. Nicht weniger geht es um eine Frau, die ein angenehm ungezwungenes Leben führt und einen Umgang mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation und ihrer Verortung darin sucht.
Die schmerzhafte Aushandlung von Politik, Geschichte und die Freuden der Lifestylewelt werden hier zusammengebracht.

Mirna Funk
Winternähe

S. Fischerverlag, erschienen im Juli 2015
245 Seiten, Hardcover mit Banderole und Lesebändchen
19,99 Euro
ISBN 978-3-10-002419-0
Auch als E-Book erhältlich.
www.fischerverlage.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Katja Petrowskaja - Vielleicht Esther




Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 04.08.2015

Magdalena Herzog 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Rebekka Reinhard - Wach denken

. . . . PR . . . .

Wach denken von Rebekka Reinhards
Entschlossen sollen wir sein, lösungsorientiert, erfolgreich. Aber immer nur Erwartungen zu erfüllen, macht unfrei und unglücklich. Rebekka Reinhard gelingt ein philosophischer Befreiungsschlag: Leidenschaftlich, pointiert und schlau argumentiert sie für ein waches Denken.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-koerber.de

Daniela Schenk - Mein Herz ist wie das Meer

. . . . PR . . . .

Daniela Schenk - Mein Herz ist wie das Meer
Amelies fester Vorsatz, sich von der Liebe fernzuhalten, gerät ins Wanken, als sie auf einer Zugfahrt der zauberhaften Zazou begegnet … Ein Buch, das die komplizierte Krankheit Bipolarität nicht beschönigt, aber Hoffnung macht. Und uns manches Mal befreiend lachen lässt.
Mehr zum Buch und Bestellinfos: www.krugschadenberg.de

Herrin ihrer selbst. Zahnkunst, Wahlrecht und Vegetarismus. Margarete Herz und ihr Freundinnen-Netzwerk

. . . . PR . . . .

Margarete Herz
Ingeborg Boxhammers lebendige Biographie zeichnet die Möglichkeiten nach, die jüdische Frauen im Deutschen Kaiserreich hatten, ihre eigenen Wege zu gehen, wirtschaftlich unabhängig zu sein und sich selbst zu verwirklichen.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Martina Bitunjac - Lea Deutsch. Ein Kind des Schauspiels, der Musik und des Tanzes

. . . . PR . . . .

Lea Deutsch
Sie galt als das Zagreber Wunderkind der 1930er: Als hochtalentierte jüdisch-kroatische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin hielt sie eine ganze Kulturwelt in Atem. 1943 wurde die 16jährige von den Nazis ermordet.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Victor Margueritte - La Garçonne

. . . . PR . . . .

Victor Margueritte - La Garçonne
Der in zwölf Sprachen übersetzte Kult-Bestseller zeigt die Geburtsstunde der »neuen Frau« und bietet eine faszinierende Zeitreise ins Paris der wilden Zwanzigerjahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de

Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell

. . . . PR . . . .

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell
Der Roman erzählt von der 17-jährigen Charlotte, die Ende 1944 zum "Reichsarbeitsdienst" (RAD) nach Oberschlesien eingezogen wird, wo sie Ruth kennenlernt, die Tochter eines Widerstandskämpfers...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

Liv Strömquist - I´m every woman

. . . . PR . . . .

Liv Strömquist - I´m every woman
In ihrem feministischen Comic setzt sich die schwedische Politikwissenschaftlerin, Comiczeichnerin und Radiomoderatorin mit dem Mythos vom männlichen Genie auseinander, indem sie die Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Es war einmal ein Töpfchen

. . . . PR . . . .

Es war einmal ein Töpfchen
Alona Frankels "Sir haSirim" (Hebr., der Topf der Töpfe) gilt als erstes Kleinkinderbuch zum Thema "Töpfchentraining". Der israelische Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1975 ist jetzt auf Deutsch erschienen!
Mehr Infos zu den Büchern und zum Ariella Verlag unter:
www.ariella-verlag.de

Nanna Johansson – Natürliche Schönheit

. . . . PR . . . .

Nanna Johansson - Natürliche Schönheit
Die schwedische Comiczeichnerin und Radiomoderatorin hinterfragt in ihrem feministisch-satirischen Comicband gängige Schönheitsideale und gibt mit ihren Comics intelligente Anleitungen zur Selbstliebe.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
bücherfrauen - women in publishing
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur