Judith Mackrell – Der unvollendete Palazzo – Liebe, Leidenschaft und Kunst in Venedig - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

DER GEHEIME ROMAN DES MONSIEUR PICK AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur > Biographien AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   Gewinnspiele
   Frauennetze
   E-cards
   About us
 


AVIVA – Literatur live




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2020







 



AVIVA-BERLIN.de im Januar 2020 - Beitrag vom 20.12.2019


Judith Mackrell – Der unvollendete Palazzo – Liebe, Leidenschaft und Kunst in Venedig
Silvy Pommerenke

Beleuchtet wird die Geschichte des sagenumwobenen Gebäudes, das Peggy Guggenheim Mitte des letzten Jahrhunderts zum Museum ausbaute, und das in den 1910er Jahren von der Millionenerbin und Mode-Ikone Luisa Casati und von der Kurtisane Doris Castlerosse zu einem Treffpunkt der internationalen Künstler*innen und der High Society gemacht wurde. Eine Spurensuche auf AVIVA-Berlin.



Der Palazzo

Der Palazzo Venier dei Leoni in Venedig wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebaut, aber nie vollendet. Er liegt am Canal Grande im Sestiere Dorsoduroin der Nähe der Kirche Santa Maria della Salute und beherbergt heute die Peggy Guggenheim Collection. Der Bau wurde im Auftrag der venezianischen Familie Venier, die zu den bedeutendsten Dynastien Venedigs zählten, von dem Architekten Lorenzo Boschetti geplant. Sie wollten damit den größten Palazzo in Venedig bauen, aber 1780 wurden die Bauarbeiten abgebrochen. Die Gründe dafür sind unklar. Es könnte sein, dass die finanziellen Mittel nicht ausreichten, oder aber, dass sie wegen eines Rechtsstreits nicht weitergeführt werden konnte. Das Ergebnis war der "palazzo non finito", der unvollendete Palast, der statt der geplanten drei Stockwerke nur einstöckig wurde. Als Luisa Casati, Kunstmäzenin und langjährige Geliebte des Schriftstellers Gabriele D´Annunzio, 1910 das Gebäude zum ersten Mal besichtigte, war die Bausubstanz völlig heruntergekommen, und im Grundbuch Venedigs war der Palazzo nicht mehr als Wohngebäude, sondern als "Garten mit den Fundamenten eines Palazzos" geführt. Sie restaurierte das Gebäude ganz individuell nach ihren Vorstellungen und veranstaltete dort legendäre Feste, verkaufte ihn aber bald wieder aufgrund von Liquiditätsproblemen.

Die gesellschaftliche Aufsteigerin Doris Castlerosse erwarb den Palazzo im Herbst 1936. Ihr Gastspiel dort war aber nur von kurzer Dauer, da sie als Engländerin durch das Bündnis zwischen Hitler und Mussolini und wegen des Eintritts Großbritanniens in den Zweiten Weltkrieg Castlerosse zur Feindin, und ihr somit der Aufenthalt in Venedig unmöglich wurde. Letztendlich musste auch sie das Gebäude aufgrund von Geldschwierigkeiten verkaufen. 1949 wurde schließlich der Palazzo von Peggy Guggenheim erworben, die ihre umfangreiche Kunstsammlung darin unterbrachte und bis zu ihrem Tode 1979 darin wohnte. Sammlung und Palazzo vermachte sie der Solomon R. Guggenheim Foundation, die das Gebäude 1980 als Museum für das Publikum öffnete. Im Garten befinden sich die Gräber der letzten Besitzerin und die ihrer Haustiere. Das Resümee der Journalistin und Autorin Judith Mackrell über die drei Frauen und ihr Verhältnis zum im Volksmund genannten "Palazzo Nonfinito": "Luisa machte ihn einschlägig bekannt, Doris machte ihn schick, und Peggy verwandelte ihn nicht nur in eines der bedeutendsten Museen der Welt, sondern auch in eines der beliebtesten und meistbesuchten Gebäude Venedigs".

Luisa Casati

Die Italienerin Luisa Casati (1881 bis 1957) verfügte als Vollwaise über ein enormes Vermögen, war aber äußerst menschenscheu und introvertiert. Mackrell vermutet ein Asperger Syndrom bei ihr, da viele ihrer Verhaltensweisen dafür sprächen. Im Laufe der Jahre gewann Luisa immer mehr an Selbstbewusstsein, und durch die Heirat mit dem Aristokraten Camillo Casati kam sie in Kontakt mit der High Society. Als sie den Schriftsteller Gabriele D´Annunzio kennen lernte (und später eine langjährige Affäre mit ihm einging), erweiterte sich ihr Kreis um Künstler*innen und Intellektuelle. Dazu gehörten u.a. die Tänzerin Isadora Duncan, der Pianist Arthur Rubinstein, der Schriftsteller Jean Cocteau, der Schriftsteller Ezra Pound oder die Tänzerin Ida Rubinstein.

Casati fand Geschmack an der Selbstinszenierung und wurde aufgrund ihres extravaganten Kleidungsstils und ihres außergewöhnlich designten Hauses europaweit bekannt. Da sie eine große Leidenschaft für Venedig hatte, beschloss sie, nicht nur zu Besuch in der Lagunenstadt zu verweilen, sondern wollte sich dort am Canal Grande Eigentum kaufen. Der unvollendete Palazzo war der Inbegriff ihrer Wünsche, dessen morbider Charme es ihr angetan hatte. Anfänglich mietete sie ihn, ein paar Jahre später kaufte sie ihn von Isabelle de la Baume-Pluvinel. Die umfangreichen zweijährigen Restaurationsarbeiten beschränkte Luisa auf die Innenräume und beließ die äußere, verfallene Fassade, die mit Efeu überwuchert war, im Originalzustand. Die romantische Ruine zog in den Sommermonaten unzählige Gäste an - wenn sie denn in den Genuss kamen, von der mittlerweile legendären Marchesa eingeladen zu werden. Ihre Feste hoben sich von denen anderer insofern ab, dass sie Unsummen für die Verpflegung und Unterhaltung ihrer Gäste ausgab, und sie jede Party unter ein Motto stellte, das sie mit theatralischen Einlagen begleitete. Für ihre Gäste war das nichts weniger als "großartige Schockwellen". Die Stadt Venedig profitierte enorm von der Marchesa, da sie für zahlreiche Arbeitsplätze sorgte und die Wirtschaft und Dienstleistungsbetriebe ankurbelte. Bald schon wurde sie zur Tourist*innenattraktion und die Gondolieri erzählten ihren Fahrgäst*innen von sagenhaften Geschichten, die sich im Palazzo Nonfinito abspielten.

Im Laufe der Jahre stilisierte sich Luisa immer mehr zum Kunstwerk. Sie ließ Wachsfiguren und Portraits von sich anfertigen und beauftragte den Kostümbildner Léon Bakst, ausgefallene Kleider für sich anzufertigen. Neben diesen kunstvollen Extravaganzen gehörte auch ein zahmer Gepard (der aber auch nur so zahm war, weil er mit leichten Opiaten sediert wurde), weitere exotische Haustiere und eine Diener*innenschaft aus "Schwarzen" (was dem rassistischen, kolonialen Zeitgeist entsprach) zu ihrem legendären Lebensstil. Legendär waren aber auch ihre ungezügelten Wutausbrüche und Ausraster und zahllos ihre Affären zu Männern und Frauen. All das passte aber ganz wunderbar zu Venedig. Eine Stadt, die für ihren "nudistischen Exhibitionismus, hedonistische Exzesse, karnevalesken Grillen und prätentiöse Eleganz" berüchtigt war.

Während des Ersten Weltkriegs mied Luisa Venedig. Sie war zwar ab 1921 in den Sommermonaten wieder in ihrem Palazzo, verlegte aber ihre exzentrischen Auftritte nach Paris. Ihr verschwenderischer Lebensstil blieb nicht ohne Folgen. Ende 1923 stand sie am Rande einer Insolvenz. Damit ging der Verlust ihres venezianischen Palastes einher. Auch wenn sie sich finanziell etwas erholte, so war sie in Paris "nur noch eine Randerscheinung des kulturellen Mainstreams". Ende der 1920er Jahre war sie erneut bankrott und hatte umgerechnet auf die heutige Zeit etwa 30 Millionen Dollar Schulden. Etwa 1939 ging sie nach London, wo sie völlig verarmt 1957 starb.

Doris Castlerosse

Castlerosse wurde 1900 in England als Jessie Doris Delevingne geboren, und ihre Familie war durch den Import von Seiden und Spitzen aus Frankreich gut situiert. Mit 19 zog sie nach London und verdiente sich ihr Geld als Model für ein Modehaus. Mit anderen jungen Frauen machte sie das Londoner Nachtleben unsicher, auf der Jagd nach gut betuchten Männern und Luxus. Durch die Freundschaft zu der Schauspielerin Gertrude Lawrence gelang ihr das auch. Ihr Lebensziel war "einen Lord zu heiraten". Dafür kündigte sie ihren Job im Modehaus und wurde zur "professionellen Geliebten". Dadurch kam sie zu einem eigenen Haus in Mayfair, einem Rolls Royce, einem Chauffeur und einer Bediensteten. Sie nahm ihre Liebhaber aus, verteilte aber auch großzügig Geschenke an weniger betuchte Freund*innen. Ein hartnäckiger Verehrer, Valentine Castlerosse, machte ihr schließlich einen Antrag, und trotz aller Vorbehalte nahm sie den Antrag an und wurde 1928 zur Viscountess Castlerosse, einem Adelstitel, der zwischen Baronin und Gräfin angesiedelt ist. Sie heirateten heimlich, denn sowohl seine Familie als auch ihre Freund*innen waren strikt gegen diese Verbindung, und Doris wurde zur "persona non grata" für die Familie ihres Gatten. Valentine Castlerosse war ein bekannter und wohlhabender Kolumnist, der aber auch für seine Undiszipliniertheit und seine Exzesse bekannt. Ihr Argument für die Heirat: "ein paar glückliche Monate mit einem Verschwender sind besser als vierzig Jahre Trübsal und Langeweile". Monogamie war nicht Bestandteil ihrer Ehe, und die beiden warfen das Geld zum Fenster heraus, wodurch sie bald Schuldenberge aufbauten. Die Ehe der beiden wurde zum ewigen Kampfplatz, sie lebten den größten Teil der Zeit getrennt, und schließlich ließen sie sich 1938 scheiden. Doris hatte zahllose Affären, vermutlich auch mit Winston Churchill. Verbrieft ist dies allerdings nicht, schürte aber Mitte der 1930er Jahre die Gerüchteküche. Auch eine lesbische Affäre hatte sie, mit Margot Liddon Flick Hoffman, einer amerikanischen Erbin, mit der sie 1936 den Palazzo Venier die Leoni kaufte und somit zur Nachfolgerin von Luisa Casati in Venedig wurde. 1938 waren die Renovierungsarbeiten abgeschlossen, und Doris gab ihren Einstand als venezianische Gastgeberin. Margot blieb allerdings dem Palazzo die meiste Zeit fern, da sie Venedig nicht sonderlich schätzte. Doris´ Zeit in Venedig war aber nur von kurzer Dauer, da der Zweite Weltkrieg ihr dort einen Aufenthalt unmöglich machte. Sie floh 1940 vor dem Krieg in die USA, hatte aber niemanden mehr, der sie aushielt, so musste sie ihre Juwelen veräußern und lebte nur noch ein Schattendasein ihres ehemaligen luxuriösen Lebens. Im November 1942 kehrte sie trotz der deutschen Bombardements auf London zurück in ihr Heimatland. Die katastrophalen Zustände vor Ort übertrafen allerdings ihre Vorstellungen und sie wurde wegen ihrer vermeintlich unpatriotischen Flucht von den meisten Engländer*innen gemieden. Depressionen und Erschöpfung kamen zu ihrem gesellschaftlichen Abstieg hinzu, die sie mit Alkohol und Barbituraten zu bekämpfen versuchte. Eine Überdosis führte schließlich im Dezember 1942 zum Tod.

Peggy Guggenheim

Die New Yorkerin Peggy Guggenheim kaufte 1948 vom Bruder Doris Castlerosse´s den Palazzo, da dieser ihn aus finanziellen Gründen nicht mehr tragen konnte. Für sie erfüllte sich damit ein Traum, da sie schon lange verzaubert war von Venedig, ihrer "Wunderstadt".

1898 in die jüdische Familie Seligman-Guggenheim geboren, hatte sie eine unglückliche Kindheit, da sie die Welt, in der sie lebte, als "klaustrophobisch, beklemmend und unterdrückend" empfand. Zudem gab es permanente Spannungen zwischen ihren Eltern, in die die kleine Peggy mit hineingezogen wurde. Besonders schwer litt sie aber an dem plötzlichen Tod ihres Vaters, der bei dem Untergang der Titanic sein Leben ließ und die Familie in finanzielle Engpässe führte. Zwar waren sie relativ gesehen immer noch gut betucht, aber im Vergleich zu den restlichen Guggenheims galten sie als die "armen Verwandten".

Aus Peggy wurde ein rebellischer Teenager, die statt des Hausunterrichts nun in eine öffentliche Schule ging. Dort bekam sie Zugang zu fortschrittlichen Frauen, die ihr Italienisch beibrachten und sie u.a. mit den Schriften von Gabriele D´Annunzio (der Langzeitaffäre von Luisa Cassati) vertraut machten. Nach dem Ersten Weltkrieg, und als sie offiziell ihr Erbe antreten konnte, quälte sie erst die Langeweile, bis sie, mehr durch Zufall, anfing in der Buchhandlung "Sunrise Turn" von Madge Caroline Jenison und Mary Horgan Mowbray-Clarke zu arbeiten. Diese neue Welt der Bohemiens faszinierte sie, und sie fing an, sich als Mäzenin zu betätigen. Zu dieser Zeit lernte sie den französischen Dadaisten und Schriftsteller Laurence Vail kennen, den "König der Boheme". Die beiden heirateten 1922, aber die Ehe stand unter keinem guten Stern, und Laurence war unverhohlen antisemitisch. Dennoch bekamen sie zwei gemeinsame Kinder. Sie lebten in London, Paris und Südfrankreich, und Peggy pflegte Freundschaften zu Natalie Barney, Gertrude Stein, Djuna Barnes, Man Ray und zu zahllosen anderen, die sie stellenweise auch finanziell unterstützte. Aber im Gegensatz zu Luisa Casati und Doris Castlerosse behielt sie den Überblick über ihre Finanzen und ging bei aller Großzügigkeit ökonomisch vor. 1930 wurde die Ehe zwischen Peggy und Laurence geschieden, und trotz aller Vorbehalte überließ sie ihrem Ex das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn, behielt aber die Tochter bei sich. Es folgte eine Beziehung zu dem britischen Schriftsteller John Holms, aber auch hier kam es zu riesigen Auseinandersetzungen, Erniedrigungen und Gewalttätigkeiten. Der plötzliche Tod Johns während einer ambulanten Operation beendete 1932 diese Beziehung, und Peggy verklärte ihn danach - trotz all der Streitigkeiten - zu ihrer großen Liebe. Nach einer weiteren Beziehung und Trennung entschloss sich Peggy, der bildenden Kunst zuzuwenden, um der Langeweile in ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie eröffnete 1937 in London die Galerie "Guggenheim Jeune" und stellte dort zeitgenössische Kunst aus, was vor allem daran lag, dass ihr Geldbeutel für die klassische Kunst zu klein war. Da sie kaum Erfahrung mit Kunst hatte, holte sie sich Rat und Inspiration von dem Maler Marcel Duchamp, der ihr den Surrealismus und die abstrakte Malerei näherbrachte. Ihre Galerie bekam viel Beifall vom Publikum und von der Kritik, rechnete sich aber finanziell nicht, so dass sie sich entschloss, ein Museum für Moderne Kunst zu eröffnen. Der Zweite Weltkrieg verhinderte dies, aber sie beschloss einstweilen in Paris zu bleiben und "jeden Tag ein Bild zu kaufen", um wenigstens die Kunstwerke zu retten. Aufgrund der Kriegswirren gelang ihr das scheinbar mühelos, denn Hitler hatte moderne Kunst als entartet gebrandmarkt und die Künstler*innen mussten möglichst schnell ihre Werke verkaufen, um ihr Leben zu retten. Nach einem halben Jahr hatte sie rund 150 Werke gekauft, viele davon waren regelrechte Schätze. Ihre "Kriegskinder", wie sie die Werke nannte, vereinten Künstler wie Dalí, Klee, Miró, Kandinsky oder Man Ray. In ihrem Kaufrausch mangelte es Peggy allerdings an Empathie, denn sie nahm die Notlage der Künstler*innen nicht wahr. Und für sich selbst ignorierte sie die Kriegsgefahr in Paris. Fünf Tage vor der deutschen Invasion gelang ihr die Flucht aus Paris in den Osten Frankreichs. Von dort aus verschiffte sie ihre Kunstwerke in die USA. Zudem musste sie ihre eigene Flucht und die ihrer Kinder vor den Nazis über Lissabon in die USA betreiben und half dabei auch André Breton und Max Ernst ins sichere Exil zu kommen. Letzteren heiratete sie, aber auch diese Ehe stand unter keinem guten Stern. Unabhängig davon kaufte Peggy weiterhin Kunstwerke, unter anderem von Leonora Carrington.

Während der unglücklichen Ehe mit Max Ernst hatte Peggy eine neue Vision: sie wollte eine Art Kunstzentrum erschaffen, in dem die Funktionen eines Museums mit denen einer kommerziellen Galerie verbunden werden sollten. Im Oktober 1942 wurde aus dieser Vision Realität, und sie eröffnete in New York die Galerie "Art of this Century", die den konventionellen Rahmen sprengte und Begeisterungsstürme hervorrief. Zudem leistete Peggy Guggenheim Pionierarbeit, indem sie eine ganze Ausstellung nur mit Werken von Frauen präsentierte, zu denen Leonora Carrington, Meret Oppenheim und Frida Kahlo gehörten. Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss Peggy, zurück nach Europa zu gehen. Da ihr Paris mittlerweile missfiel, entschied sie sich für ihre eigentliche Liebe: Venedig.

Da die Kunstszene in Venedig klein war, hatte Peggy dort "eine Bühne, auf der sie leicht brillieren konnte". Als sie 1948 zu der ersten Nachkriegsbiennale eingeladen wurde, war das eine glückliche Fügung. Ihr Pavillon wurde zum Besuchsmagneten und Ende des Jahres wurde Peggy endlich auch fündig, was ihr neues Domizil betraf: sie kaufte den (völlig heruntergenommenen) Palazzo Venier. Es dauerte aber noch knapp drei Jahre, bis sie im Sommer 1951 ihre "Peggy Guggenheim Collection" im Palazzo eröffnete. An drei Tagen in der Woche konnten sich Besucher*innen die Kunstwerke anschauen, aber die waren nicht nur an den Bildern interessiert, sondern auch an Peggy selbst, die sich im Laufe der Jahre zur eigenständigen Tourist*innenattraktion entwickelte.

Das frühere ausufernde Liebesleben von Peggy wandelte sich in ein nahezu sexuell asketisches Leben. Während sie in den Sommermonaten ganz in Venedig und für ihre Galerie aufging, so machte sie in den Wintermonaten mehrwöchige Fernreisen und erforschte die Kunst des Landes oder besuchte Freund*innen im Rest Europas und in den USA. In den letzten Jahren ihres Lebens war ihre Hauptbeschäftigung, sich um das Erbe des Palazzos und ihrer Kunstsammlung zu kümmern. Die hatte mittlerweile einen Wert von 250 Millionen Dollar erreicht - tausendmal mehr, als Peggy einst für die Kunstwerke bezahlte. Letztendlich hat sie ihre Kunst und den Palazzo dem Familienkonzern überschrieben, unter der Bedingung, dass die Sammlung in Venedig bleiben würde. Als Peggy mit 80 Jahren an einem Schlaganfall stirbt, erscheinen nur eine Handvoll Menschen zu ihrer Beerdigung.

AVIVA-Tipp: Judith Mackrells Spurensuche nach Luisa Casati, Doris Castlerosse und Peggy Guggenheim ist ungemein spannend und zugleich ein Sittengemälde von Anfang bis Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Das Bindeglied der drei Frauen ist der Palazzo Venier dei Leoni in Venedig. Dieses eigentümliche Gebäude, das nie vollendetet wurde, war für eine Zeitlang im Besitz der außergewöhnlichen Frauen, die es als Erholungsort, als Partylocation und nicht zuletzt als Museum nutzten. Auf fünfhundert Seiten entblättert Mackrell drei faszinierende Lebensläufe, die klug miteinander verknüpft, in das politische und gesellschaftliche Zeitgeschehen eingebunden und durch zahlreiche Abbildungen ergänzt werden.

Zur Autorin: Judith Mackrell studierte an der Universität Englische Literatur und ist eine der wichtigsten Tanzkritikerinnen Großbritanniens (für The Independent, The Observer und für The Guardian) und Autorin mehrerer Bücher. Darunter die Biographie der russischen Ballerina Lydia Lopokova und deren Ehe zu John Maynard Keynes, die 2008 für den Costa Biography Award auf der Shortlist stand. Außerdem schrieb sie "Flappers: Six Women of a Dangerous Generation", die die Biographien von sechs Frauen vereint, deren gemeinsames Leben die Geschichte der "Flapper-Ära" verkörpert. Diese bezeichnete in den 1920er Jahren junge Frauen, die kurze Röcke und kurzes Haar trugen, Jazz hörten und sich gegen die Konventionen stellten. Wozu u.a. gehörte, dass sie sich schminkten, hochprozentigen Alkohol tranken und rauchten. Mackrell ist auch im Fernsehen und im Radio aufgetreten und Mitautorin des Oxford Dictionary of Dance. Sie lebt mit ihrer Familie in London.

Judith Mackrell im Netz:
Auf Twitter und auf Instagram

Judith Mackrell – Der unvollendete Palazzo – Liebe, Leidenschaft und Kunst in Venedig
Originaltitel: The Unfinished Palazzo. Life, Love and Art in Venice
Übersetzung: Susanne Hornfeck und Andrea Ott
Insel Verlag, Erscheinungstermin 09/2019
Gebunden, 525 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-3-458-17820-0
Euro 25,00
Mehr zum Buch unter: www.suhrkamp.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Madge Jenison – Sunwise Turn. Zwei Buchhändlerinnen in New York
Im Jahr 1916 erfüllten sich zwei Frauen in New York einen Traum. Madge Caroline Jenison und Mary Horgan Mowbray-Clarke gründeten eine Buchhandlung, die durch ihre Kreativität, Unkonventionalität und großem Spaß schnell zum Hotspot des kulturellen Manhattans wurde: die KundInnen kamen zum Lesen, zum Reden und manchmal sogar zum Übernachten. (2019)

Lauren Elkin – Flâneuse. Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokio, Venedig und London
Fast hätte sie eine Arbeit über Prostituierte geschrieben, denn die Essayistin und Autorin Lauren Elkin fand nichts anderes über die Stadtwanderin. Emsige Recherche aber zeigte: es gibt und gab sie, die Flâneuse, die Frau, die sich die Stadt erläuft und sie sich so mit den Füßen einprägt. George Sand, Virginia Woolf, Agnès Varda und viele andere gingen ihr voraus. (2019)

Annette Seemann - Ich bin eine befreite Frau. Peggy Guggenheim
Eine Femmage zum 120. Geburtstag am 26. August 2018. Die Autorin und Übersetzerin Annette Seemann ("Anna Amalia. Herzogin von Weimar") zeichnet das aufregende Leben dieser außergewöhnlichen Frau lebendig auf und gibt einen gelungenen Einblick in die viele Facetten der Kunstikone, Mäzenin und Galeristin Peggy (Marguerite) Guggenheim, die einst bekannte: "Ich habe alles gelebt/Out of This Century". Ihr Leben und ihre Sammlung sind bis heute legendär. (2018)

Stefan Moses - Begegnungen mit Peggy Guggenheim
Zweimal kam es zu Begegnungen zwischen dem Fotografen Stefan Moses und der Kunstsammlerin Peggy Guggenheim. 1969 und 1974. Beide Male reiste Moses nach Venedig, wo Guggenheim ihren berühmt-berüchtigten Palazzo Venier dei Leoni hatte, der ihr Wohnraum und öffentliches Museum zugleich war. (2017)

Ruth Landshoff-Yorck - Die Schatzsucher von Venedig
In einer einzigen Nacht im Venedig der späten zwanziger Jahre nimmt das Schicksal von sechs Menschen eine entscheidende Wendung. Ein Typoskript im Nachlass der deutsch-jüdischen Schriftstellerin war die Grundlage für die vom AvivA Verlag herausgegebene Erstedition des 1932 verfassten Romans. (2013)

Katja von der Bey - Hilla von Rebay. Die Erfinderin des Guggenheim Museums
Der Ausstellungsort in New York ist ein Symbol der modernen Kunst. Dagegen ist die Frau, die maßgeblich zur Entstehung der Sammlung Guggenheims und zur Idee eines "Tempels für die Kunst" beigetragen hat, weitgehend unbekannt. (2013)

Kunstsammlerinnen. Peggy Guggenheim bis Ingvild Goetz
Private Kunstsammlungen erhalten in Zeiten der Finanzkrise an Bedeutung. 15 AutorInnen geben einen ausführlichen Einblick in das Kunstengagement von Sammlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. (2009)






Literatur > Biographien Beitrag vom 20.12.2019 Silvy Pommerenke 





  © AVIVA-Berlin 2020 
zum Seitenanfang   suche   sitemap   impressum   datenschutz   home   Seite weiterempfehlenSeite drucken