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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2019 - Beitrag vom 14.11.2019


Madge Jenison – Sunwise Turn. Zwei Buchhändlerinnen in New York
Bärbel Gerdes

Im Jahr 1916 erfüllten sich zwei Frauen in New York einen Traum. Madge Caroline Jenison und Mary Horgan Mowbray-Clarke gründeten eine Buchhandlung, die durch ihre Kreativität, Unkonventionalität und großem Spaß schnell zum Hotspot des kulturellen Manhattans wurde: die KundInnen kamen zum Lesen, zum Reden und manchmal sogar zum Übernachten.



Die Flaute vor der Great Depression, die große US-amerikanische Wirtschaftskrise, wirft schon ihre Schatten voraus. Die Jahre der Hochkonjunktur schwächen sich ab, und doch beschließen die Autorin und Frauenrechtlerin Madge Caroline Jenison (1874-1960) und die Kunstkritikerin und Landschaftsarchitektin Mary Horgan Mowbray-Clarke (1874–1962) eine Buchhandlung zu eröffnen. Eine ganz neue Art von Buchhandlung sollte es werden, eine, die alle Facetten des modernen Lebens, die durch die Türen eines solchen Ladens hinein- und hinausströmen, aufgreift und sie den Menschen zugänglich macht. Eine Philosophie dieses Bücherladens ist schnell erstellt, imaginierte Regale schnell errichtet, doch fehlt es den beiden Frauen vollkommen an geschäftlichem Knowhow. Beratung diesbezüglich erhofft sich Madge Jenison durch unterschiedliche Menschen in der Buchbranche, doch die winken ab. Mit Büchern könne frau kein Geld machen, Buchhandlungen ließen sich nicht rentabel betreiben. Überleben ließe sich nur durch den Verkauf von Schreibwaren.

Und doch beginnen sie zu planen, errechnen, dass sie zumindest 46 Bücher täglich verkaufen müssten, gründen eine Aktiengesellschaft und eröffnen bereits zwei Monate später ihre Buchhandlung in der Thirty-First-Street, Ecke Fifth Avenue.
Eigenhändig bauten sie die Regale, adressierten und frankierten 7000 Werbebriefe, rissen Wände heraus und entwarfen ein Firmensignet. Die Farbgebung der Räume sollte eine wichtige Rolle spielen. Die Buchhandlung sollte ein Ort sein, an dem man gerne liest. Die beiden Frauen wollten neben Büchern auch die Inspiration zur Lesefreude verkaufen. Als sie erfahren, dass es Glück bringe, dem Lauf der Sonne zu folgen, steht auch der Name fest: Sunwise Turn.

Madge Jenison besichtigt andere Buchhandlungen, um zu sehen, wie die es machen. Sie trifft auf aufgeräumte Läden, effiziente Menschen und wird von einem Frösteln befallen. Wie sollte es dort möglich sein, irgendwelche leidenschaftlichen Gefühle zu entwickeln, ja, überhaupt Bücher zu mögen?, fragt sie sich und kehrt zurück in ihr Geschäft, in dem ein Hund an einem Tischbein gebunden ist, ein Kaminfeuer brennt und Menschen lesend an den Regalen lehnen.

Sie arbeiten rund um die Uhr. Für KundInnen stellen sie persönliche Bücherlisten zusammen und verschicken sie – eine detektivische und zeitraubende Tätigkeit vor der Erfindung des Computers -, sie schreiben Tausende handgeschriebener Werbebriefe und sie reden mit den KundInnen. Die meistgehandelte Ware sei das Gespräch gewesen, resümiert Jenison.
Selbstverständlich ist für beide, dass sie die Bücher, die sie verkaufen, auch gelesen haben müssen, allein schon, damit ihr Ladentisch nicht mit schlechter Literatur und die Lagerräume nicht mit unverkauften Exemplaren überschwemmt werden.

Durch diesen unglaublichen und auch selbstausbeuterischen Einsatz wird die Buchhandlung zu einem Treffpunkt, einem Hotspot des kulturellen Manhattans, in dem Leute anfragen, ob sie kostenlos mitarbeiten dürften und in dem die Kunstmäzenin und Galeristin Peggy Guggenheim im bodenlangen, mit rosa Chiffon gefütterten Mantel aus Maulwurfsfell Botengänge verrichtete. Im Winter 1919/20 arbeiteten acht unbezahlte Frauen bei ihnen, allesamt aus gehobenen Kreisen, die Rechnungen sortierten, Bücher verkauften und den Boden schrubbten.

Tatsächlich gelang es den beiden Frauen aber nicht nur KünstlerInnen und Intellektuelle anzusprechen, auch Angehörige der Mittelschicht sowie ArbeiterInnen besuchten den Laden.

Doch natürlich sorgte die finanzielle Situation des Geschäftes auch für schlaflose Nächte. Deprimierende Tage, an denen sie nur 2,50 Dollar einnehmen, werden ausgeglichen durch große Bestellungen. Wenn man so etwas anfängt, lässt man es nicht scheitern. Es ist zu wichtig.
Mindestens genauso wichtig ist die gute Zusammenarbeit der beiden Frauen. Mary Mowbray-Clarke und Madge Jenison sind davon überzeugt, dass sie es nur dadurch packten, weil sie so gute Kampfgefährtinnen waren. Stets ermutigten sie einander. Jenison lobt den Heldinnenmut, die unermüdliche Antriebskraft und sogar die Schönheit Mowbray-Clarkes, bei deren Anblick es ihr gleich besser ginge.

Wodurch aber verkaufen sich Bücher? Jenison ist davon überzeugt, dass sich jedes Buch durch Eloquenz verkaufen lässt. Auch Klassiker können frisch beworben werden, als seien sie brandneu. Menschenkenntnis gehört dazu – welches Buch passt zu wem? Und natürlich Leidenschaft.

Während des Ersten Weltkrieges stellen die beiden Frauen von The Sunwise Turn eine sechzehnbändige Bibliothek unter der Überschrift Den Krieg verstehen zusammen, in der sie über Rüstungsproduktion, Geheimdiplomatie, Bildungswesen, Propaganda und die beteiligten Länder informieren. Der Buchhandel und die Bibliotheken haben immer auch eine politische, vor allem eine demokratische und demokratisierende Aufgabe.

Gehen wir heute durch die Buchhandlungen entsprechen sie eher jenen, in denen Jenison von einem Kälteschauer ergriffen wurde. Gute Beratung findet fast nicht statt. In fast jeder Buchhandlung steht dieselbe Bücherauswahl. Die Aufenthaltsqualität ist gleich null. Das trifft vor allem auf die großen Buchhandelsketten zu. Stöbern, entdecken, sich zwischen den Regalen treiben lassen, ist verloren gegangen. In ihrem Manifest Bibliodiversität beschreibt Susan Hawthorne das Artensterben der Bücher, der Buchhandlungen und Verlage.
Dabei sind Buchhandlungen und auch Bibliotheken nach wie vor Sehnsuchtsorte. Es sind zumeist die kleinen, inhaberInnengeführten Buchläden, die diese Sehnsucht mit Fantasie und Kreativität stillen. Die LeserInnen werden zum Bleiben angeregt, essen Torte neben Tokarczuk und trinken Kaffee mit Krechel.

The Sunwise Turn schloss 1927 seine Türen, nachdem die Buchhandlung 1920 gegenüber der Great Central Station umgezogen war. Sie war insolvent. Jension sieht Buchhandlungen als Schritt in der Erziehung zur Reife. Und so hofft sie in ihrem Schlusskapitel darauf, dass diese staatliche Unterstützung erhalten werden, dass sie subventioniert werden wie die Handelsmarine oder zumindest Buchhandelsstiftungen eingerichtet werden. Die Spielregeln müssten angepasst werden, aber auch die Einstellung müsse sich ändern. Wir brauchen etwas von der Aufbruchstimmung, aus der heraus Völkerwanderungen entstehen.

AVIVA-Tipp: Mit viel Humor und kristallklarem Verstand erzählt Madge Jenison vom Leben ihrer Buchhandlung The Sunwise Turn und erweckt in der Leserin große Sehnsucht nach diesem magischen Ort des Lesens, des Begegnens und der Entdeckungen.

Zur Autorin: Madge Caroline Jenison (1874 – 1960) wuchs als Tochter von Caroline M. Spooner und dem Architekten Edward Spencer Jenison in Chicago auf. Madge Janison arbeitete nach dem Besuch eines Colleges für einige Jahre als Lehrerin in New York. Sowohl sie als auch ihre Schwester Nancy, eine der ersten Ärztinnen in den USA, engagierten sich in der Frauenwahlrechtsbewegung. Sie veröffentlichte zahlreiche Artikel in literarisch-politischen Zeitschriften wie dem Harper´s Monthly und The Atlantic. Daneben schrieb sie Kurzgeschichten und Romane, darunter Dominance (1928) und Invitation to the Dance (1929).
Madge Jenison gehörte mit Mary Mowbray-Clarke zu den Gründungsmitgliederinnen der Women´s National Book Association, die seit 1917 die Interessen von Frauen in der Buchbranche vertreten.

Zur Autorin: Mary Horgan Mowbray-Clarke wurde 1874 in Nyack, New York geboren. Mit 16 Jahren besuchte sie die Kunstschule in Manhattan. 1907 veröffentlichte sie ihr erstes Buch The Argonaut art history. In den 1930gern und 40gern etablierte sich Mary Mowbray-Clarke als Landschaftsarchitektin und entwarf 1933/34 den preisgekrönten Dutch Garden in Rockland County sowie eine Anzahl anderer Gärten. Mowbray-Clarke war mit dem Bildhauer John Frederick Mowbray-Clarke verheiratet. Sie starb 1962 in New York City.

Zur Übersetzerin: Ariane Böckler machte ihren Magisterabschluss in Anglistik, Hispanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft und ihr Aufbaustudium Literarische Übersetzung aus dem Englischen an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 1991 arbeitet sie als literarische Übersetzerin und hat seitdem mehr als 100 Bücher für verschiedene renommierte Verlage übersetzt. Ihre Schwerpunkte liegen bei den Genres Krimi, Unterhaltungsliteratur, Belletristik, Biografien und Film und im nicht-fiktionalen Bereich bei Linguistik, Politik, Menschenrechte und Umwelt. Ariane Böckler lebt und arbeitet in Nürnberg.
Mehr zur Übersetzerin: www.lektorat.de

Madge Jenison
Sunwise Turn. Zwei Buchhändlerinnen in New York

Originaltitel: Sunwise Turn. A Human Comedy of Bookselling (1923)
Aus dem Englischen von Ariane Böckler
Mit einem Nachwort von Marion Voigt
ebersbach & simon, erschienen September 2019
Neuausgabe der Erstausgabe 2006
Reihe blue notes 85
160 Seiten, Halbleinen
ISBN 978-3-86915-186-1
Euro 18,00
Mehr zum Buch: www.ebersbach-simon.de

Mehr Infos: archives.nypl.org, norman.hrc.utexas.edu, neglectedbooks.com, petruscamper.com

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Literatur > Biographien Beitrag vom 14.11.2019 Bärbel Gerdes 





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