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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2019 - Beitrag vom 14.03.2019


Carolin Würfel - Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung (Wien 1968 - Berlin 1972)
Silvy Pommerenke

Die Zeit-Redakteurin und Kolumnistin Carolin Würfel hat sich einer ungewöhnlichen Person angenommen, deren Bekanntheitsgrad heutzutage eher klein sein dürfte. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts war das anders, denn da gehörte Ingrid Wiener in West-Berlin zur Szene der angesagtesten Künstler*innen wie David Bowie oder Iggy Pop. In Kreuzberg …



… führte sie zusammen mit ihrem Lebenspartner Oswald Wiener das berühmt-berüchtigte Lokal "Exil" wo die künstlerische Creme de la Creme verkehrte.

Ingrid Wiener, aufgewachsen als Ingrid Schuppan in den fünfziger und sechziger Jahren im Nachkriegswien, hasst nichts mehr als Alltag und Bürgerlichkeit. So bricht sie schon sehr früh aus dem Establishment aus und verkehrt bereits als Teenager in den intellektuellen Kreisen der österreichischen Hauptstadt. Es ist die Wiener Gruppe, der sie sich anschließt. Ein Zirkel zorniger junger Männer (Frauen sind deutlich unterrepräsentiert in dieser Gruppierung – sowie in den meisten anderen dieser Zeit), die "die traditionellen Vorstellungen von Kunst und Sprache" hinterfragen. Einer von ihnen, Oswald Wiener, wird später Ingrids Mann. Neben ihrem Willen, aus der Bürgerlichkeit auszubrechen, verfügt sie über ein weiteres Pfand: ihr Aussehen. Bei einem Interview mit Carolin Würfel bemerkt sie scheinbar nebenbei: "In den Sechziger- und Siebzigerjahren wollte jeder mit mir schlafen, weil ich so toll ausgeschaut habe".

Aber sie hat eben nicht nur Sex-Appeal, sondern besticht auch durch Charisma und intellektuelle Qualitäten. Und so sehr die Wiener Gruppe gegen gesellschaftliche Normen protestiert, so sehr hat sie trotzdem die zugeschriebenen Geschlechterrollen verinnerlicht, denn Ingrid - eine von wenigen Frauen in diesem Umfeld - kann den Vorurteilen ihrer männlichen Genossen nicht entrinnen. Trotz ihres Intellekts.

Nachdem sie heimlich Oswald Wiener heiratet (ihre Eltern nötigen sie mehr oder weniger dazu, weil sie die wilde Ehe der beiden unschicklich finden. Dafür schenken sie den beiden als Erfüllung ihres Wunsches eine Harley Davidson...), und die Polizei die beiden auf der Fahndungsliste hat, weil sie einmal zuviel das öffentliche Leben gestört haben, flüchten sie nach Berlin. Dort werden sie schnell heimisch, denn die geteilte Stadt, die keine Sperrstunde kennt und Zufluchtsort für viele Individualist*innen ist, passt genau zu ihrem Lebensentwurf. Ingrid ist mittlerweile Webkünstlerin und Oswald dank seines Buches "Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman" ein anerkannter Intellektuellen und Gesellschaftskritiker.

Eher durch Zufall übernehmen die beiden mit ihrem gemeinsamen Freund Michel Würthle ein Restaurant und gründen nach ihren ersten Gastronomie-Erfahrungen das berühmt-berüchtigte Künstler*innenlokal "Exil" am Paul-Linke-Ufer, in dem fortan "die Avantgarde der Zeit verkehrt". Ingrid Wiener gilt für viele wohl heute noch als "Urmutter der kulinarischen Landschaft Berlin". Mit ihrer österreichischen Küche sorgt sie in den Siebzigern für Furore und zieht Größen wie Max und Marianne Frisch, Rainer Werner Fassbinder, Quincy Jones, Helmut Newton, Jack Nicholson oder David Bowie und Iggy Pop an und bietet den Berliner Essensbanaus*innen schmackhafte Alternativen zu Boulette und Currywurst.

Während der "Exil"-Zeit gerät die Kunst für Ingrid Wiener ins Hintertreffen, und erst Mitte der Siebziger entsinnt sie sich wieder ihrer Kreativität. Gemeinsam mit ihren Freund*innen VALIE EXPORT und Dieter Roth mietet sie ein Loft, das zu einem Atelier umgestaltet wird, und in dem ein großer Webstuhl steht. Dort kreiert sie Gobelins, die alltägliche Dinge abbilden - ein willkommener Ausgleich zu der Plackerei im "Exil".

Ende der Siebziger hat Ingrid Wiener das "Exil" über und eröffnet in Charlottenburg das "Ax Bax". Auch dieses Lokal läuft großartig und wirft ordentlich Gewinn ab, aber auch davon hat sie bald genug. Die Jahre in der Gastronomie haben ihr zugesetzt und sie leidet regelmäßig unter Depressionen. Um dem Großstadtleben zu entfliehen, siedelt das Ehepaar Wiener 1984 nach Kanada über. Ein neues Abenteuer, bei dem es - wie immer - darum geht, dem Alltäglichen zu entfliehen. Aber auch in Kanada wird Geld zum Überleben benötigt, weswegen die beiden dort ebenfalls ein Restaurant eröffnen. Und auch das wird zum Erfolg. Während der Sommermonate dient der Schankraum seiner ursprünglichen Verwendung, und wird in den Wintermonaten zu Ingrid Wieners kreativer Gobelins-Werkstatt. Heute lebt Ingrid Wiener mit ihrem Mann Oswald wieder in Österreich.

Der Ordnung halber sei auch noch erwähnt, dass Ingrid Wiener die Stiefmutter der Köchin Sarah Wiener ist. So denn der Begriff Stiefmutter überhaupt zutreffend ist, denn Sarah Wiener ist die gemeinsame Tochter von Oswald Wiener und der bildenden Künstlerin Lore Heuermann – wuchs jedoch in Wien bei ihrer Mutter auf, da sich Oswald und Lore getrennt hatten und verbrachte nur ab und zu Zeit bei ihrem Vater und seiner neuen Frau.

AVIVA-Tipp: Das Buch von Carolin Würfel über die Kunst-Weberin und Köchin Ingrid Wiener gibt neben ihrem turbulenten Lebenslauf auch einen spannenden Einblick in das Nachkriegswien, und das Aufbegehren der österreichischen und deutschen Jugend gegen die ältere Generation und deren faschistische Vergangenheit. Auch das aufbrechende und aufregende Berlin der späten sechziger und siebziger Jahre bekommt ein faszinierendes Gesicht, das durch Ingrid und Oswald Wiener mit ihrem Kult-Restaurant "Exil" maßgeblich mitgeprägt wurde.

Zur Autorin: Carolin Würfel, geboren 1986 in Leipzig, hat Geschichte und Publizistik in Berlin und Istanbul studiert. Nach ihrem Master-Abschluss arbeitete sie als freie Journalistin, insbesondere für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Seit 2016 schreibt sie für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE im Ressort Entdecken. Ihre Schwerpunkte sind Feminismus, Ostdeutschland und Alltag. "Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung" ist ihr erstes Buch. Mehr Infos: twitter.com/CarolinRita

Zur Künstlerin & Köchin: Ingrid Wiener 1942 in Wien geboren, Studium des Textildesigns, verkehrte in den Kreisen der Wiener Gruppe, wohnte zeitweise in Paris und arbeitete mit Friedensreich Hundertwasser. Von 1970 bis 1984 lebte sie mit Oswald Wiener in Berlin und gründete hier unter anderem das Kult-Restaurant "Exil". Danach lebte sie einige Jahre in Kanada, bis zu ihrem Rückzug nach Österreich. Ingrid Wiener ist nicht nur eine leidenschaftliche Köchin, sondern hat sich auch als Webkünstlerin einen Namen gemacht, indem sie Alltagsgegenstände zu Gobelins verwandelt.

Carolin Würfel - Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung (Wien 1968 - Berlin 1972)
Hanser Verlag, erschienen Januar 2019
Gebundenes Buch, 192 Seiten (mit diversen SW-Abbildungen)
ISBN 978-3446258617
Euro 22,00
Mehr zum Buch unter: www.hanser-literaturverlage.de

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Literatur > Biographien Beitrag vom 14.03.2019 Silvy Pommerenke 





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