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AVIVA-BERLIN.de im August 2022 - Beitrag vom 01.03.2022


Charlotte Berend-Corinth. Katalog zur Ausstellung in der Modernen Galerie, Saarbrücken
Lena Fries

Vom 5. November 2021 bis 20. Februar 2022 war in der Modernen Galerie die Doppelausstellung "Lovis Corinth – Das Leben, ein Fest!" und "Charlotte Berend-Corinth – Wiederentdeckt!" zu sehen. Um in Vergessenheit geratene Künstlerinnen wiederzuentdecken und ihr Werk in den Fokus zu setzen, sind Ausstellungen wie die der Modernen Galerie essenziell.




Die Ausstellung in der Modernen Galerie, die 2021 bereits im Belvedere in Wien gezeigt wurde, war in ihrer Planungsphase zunächst auf den Impressionisten Lovis Corinth ausgerichtet. Der Museumsdirektorin, Andrea Jahn, war es jedoch ein großes Anliegen, die Arbeiten von Charlotte Berend in einer eigenen Schau zu präsentieren. So entstand der begleitende Katalog, der im Januar 2022 im Hirmer Verlag erschien, und der "nicht nur die erste Dokumentation einer Einzelausstellung zum Werk von Charlotte Berend-Corinth, sondern auch eine entscheidende wissenschaftliche Aufarbeitung […] hinsichtlich der Wertschätzung und Einordnung der Künstlerin in den Kunstkontext der Moderne" ist. (Andrea Jahn)

Die wissenschaftliche Rekonstruktion des Oeuvres

Ziel der Macher*innen war es, möglichst viele Werke der Künstlerin zusammenzutragen. Eine Herausforderung denn ein großer Teil des Oeuvres von Charlotte Berend-Corinth wurde zerstört oder gilt heute als verschollen. Lovis Corinths Werke wurden "1937 in die NS-Aktion »Entartete Kunst« einbezogen und ihre eigenen Werke 1939 in der Nationalgalerie als »Juden- und Verfallskunst« wegsortiert". (Kristina Kratz-Kessemeier)

In dem ersten der insgesamt sechs Essays im Katalog widmet sich Andrea Jahn unter anderem dem Gemälde Die schwere Stunde von 1908, welches eine Geburtsszene zeigt. Das Werk ist verschollen, wurde für die Ausstellung jedoch digital reproduziert. Anhand erhaltener Skizzen, Tagebucheinträgen und dem historischen Kontext, skizziert Andrea Jahn Charlotte Berends Verhältnis zur »weibliche[n]« Kreativität und Selbstbehauptung.

Die Begleittexte orientieren sich nahe an den Werken Berends und bieten der Rezipient*in einen tiefgehenden Einblick in das Schaffen der Künstlerin. Des Weiteren lässt sich die künstlerische als auch persönliche Entwicklung Berends sowie ihre Beziehung zu Lovis Corinth anhand der wissenschaftlichen Aufarbeitung ihrer Werke nachvollziehen. "Lovis Corinth war immer Teil ihrer Selbstdarstellung, wobei sie im selben Atemzug ihre Autonomie betonte, etwa, wenn sie in ihrer Kunst das Glück erfuhr, »etwas ganz Eigenes für sich allein zu besitzen´", schreibt Roland Augustin im abschließenden Text. Während der Recherche zu Charlotte Berend-Corinth sind die Wissenschaftler*innen auf bisher eher unbekannte Themen gestoßen wie beispielsweise ihre Rolle als "Netzwerkerin der Weimarer Kulturgesellschaft […] im engen Kontakt mit einer modernen Kunstpolitik der Republik", die von der Kunsthistorikerin Kristina Kratz-Kessemeier geschildert wird.

Charlotte Berend in Saarbrücken

Bereits vor der Ausstellung in der Modernen Galerie waren 1932 Werke der Künstlerin in Saarbrücken zu sehen. Roland Augustin, Kunsthistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Saarlandmuseums, berichtet über die Kollektivausstellung Werke deutscher Künstlerinnen, die im Staatlichen Museum Saarbrücken gezeigt wurde. Neben Berend, die "persönlich zugegen war und zu diesem Anlass einen Vortrag über ihr künstlerisches Werk hielt", waren Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker mit ihren Werken in der Ausstellung vertreten.

Nach Ende der Retrospektive bleiben das Porträt Kate Born Schaeffers (1920-25), der Galeristin der Künstlerin, und die Max Pallenberg-Mappe mit Farblithografien von Charlotte Berend-Corinth im Bestand der Modernen Galerie. Einige der ausgestellten Werke befinden sich in Privatbesitz und sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der Katalog liefert jedoch eine fortwährende Sammlung ihrer Arbeiten, einschließlich mehrerer Werke aus dem Kunsthaus Lempertz, Köln, die bisher nicht präsentiert wurden.

Künstlerinnen in der Modernen Galerie in Saarbrücken

Die Ausstellung zu Charlotte Berend-Corinth ist nur eine von vielen Ausstellungen in der Modernen Galerie in diesem Jahr, die sich dem Werk weiblicher Kunstschaffenden widmet. Ab April 2022 zeigt das Museum Arbeiten von Katharina Grosse, sowie interaktive Kunstwerke von Helga Griffiths.

AVIVA-Tipp: Charlotte Berend-Corinth wird durch die Ausstellung und wissenschaftliche Aufarbeitung der Modernen Galerie wiederentdeckt. Obgleich die Wirkung und Bedeutsamkeit ihrer Beziehung zu Lovis Corinth in der Monografie thematisiert wird, liegt der Fokus des Katalogs auf dem Oeuvre der Künstlerin, gelöst von ihrem Status als Künstlergattin. Die Publikation erfasst die Werke Charlotte Berend-Corinths in einer hochwertigen Zusammenstellung.
Der Ausstellungskatalog bietet eine ausführliche Betrachtung der Werke Charlotte Berend-Corinths sowie neue Erkenntnisse zum Lebenswerk der Künstlerin. Zudem sind die digitalen Reproduktionen von bedeutenden Werken Berends, wie Die schwere Stunde und Der Boxer (Adolf Wiegert in der Kampfesphase), wertvolle Zeugnisse ihrer Arbeiten, die als durch die Nationalsozialisten zerstört oder verschollen gelten. Die exemplarische Wiederaufarbeitung des Oeuvres Charlotte Berend-Corinths durch die Moderne Galerie ist im Katalog auch nach der Ausstellung präsent.

Zur Künstlerin: Charlotte Berend-Corinth wurde am 25. Mai 1880 in Berlin in eine säkulare jüdische Familie geboren. Zunächst besuchte sie 1898 die Königliche Kunstschule Berlin und von 1899 bis 1900 die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin. Ab 1901 war sie Schülerin an der Malschule für Akt und Porträt bei Lovis Corinth, den sie drei Jahre später heiratete und mit dem sie zwei Kinder hatte. Berend wurde 1911 Mitglied der Berliner Secession und war von 1925 bis 1932 in deren Vorstandgremium vertreten. Zwischen 1916 und 1919 fertigte sie Mappenwerke von Berühmtheiten des Theaters an. Darunter waren unter anderem Max Pallenberg, Valeska Gert und Anita Berber. Ab 1926 erhielt sie mehrere Aufträge für Portraits. Ihr wird eine große kunstpolitische Wirkung in der Weimarer Zeit zugesprochen, die eng mit ihrem Kontakt zum Kultusminister Adolf Grimme verknüpft ist. Nach dem Tod von Lovis Corinth im Jahr 1925 kümmerte sie sich um dessen Nachlass und arbeitete an einem Werkverzeichnis, das 1958 herausgegeben wurde. Mithilfe ihres Sohnes Thomas emigrierte sie 1939 ins amerikanische Exil. Sie lebte unter anderem in New York und in Kalifornien, wo sie hauptsächlich Stillleben und Landschaftsbilder malte. Am 10. Januar 1967 starb sie in New York. Im selben Jahr fand eine Gedächtnisausstellung für Berend in der Nationalgalerie Berlin statt. Die Ausstellung in der Modernen Galerie ist seither – abgesehen von der Wanderausstellung zu ihrem 100. Geburtstag – "die erste museale Einzelausstellung, in der ihr Werk umfassend präsentiert wird." (Andrea Jahn).

Zur Herausgeberin: Dr. Andrea Jahn ist seit 2020 kunst- und kulturwissenschaftliche Vorständin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz und Direktorin des Saarlandmuseums. Von 2012 bis 2020 war sie Leiterin der Stadtgalerie Saarbrücken.

Charlotte Berend-Corinth
Hg. Andrea Jahn, Saarlandmuseum – Moderne Galerie

Texte von Andrea Jahn, Miriam-Esther Owesle, Alexander Pütz, Kristina Kratz-Kessemeier, Inka Bertz und Roland Augustin
Gebunden, 192 Seiten, 40 Abbildungen in Farbe, 17 x 24 cm
Deutsch, Englisch
ISBN 978-3-7774-3939-6
29,90 Euro
Mehr zum Buch unter: www.hirmerverlag.de

Ausstellung
Vom 5. November 2021 bis 20. Februar 2022 war in der Modernen Galerie des Saarlandmuseums die Doppelausstellung "Charlotte Berend-Corinth – Wiederentdeckt! und Lovis Corinth – Das Leben, ein Fest!" zu sehen. In der Schau wurden insgesamt 170 Werke präsentiert, darunter Arbeiten Charlotte Berends, die bislang nicht gezeigt wurden.
Mehr zur Ausstellung: www.modernegalerie.org

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Seit mehr als zwanzig Jahren sammelt Prof. Dr. Heinz R. Böhme Kunst von verfemten und weitgehend vergessenen Künstler_innen aus der Zeit 1920 bis 1945. Unter den Verfolgten, Entrechteten, Enteigneten waren viele jüdische Kunstschaffende. Sie wurden ins Exil oder in den Untergrund gezwungen, sie begingen Selbstmord oder wurden ermordet. Seit 2017 macht der Privatsammler die von den Nationalsozialisten als "entartet" diffamierten Werke in seinem Museum "Kunst der Verlorenen Generation" in Salzburg für die Öffentlichkeit zugänglich. Unter dem Titel "Zur falschen Zeit am falschen Ort" präsentierte das Haus bis Sommer 2021 seine dritte Ausstellung. (2020)

Mehr zu Charlotte Berend-Corinth:

Eintrag zu Charlotte Berend-Corinth im Archiv der Akademie der Künste

Das Stadtmuseum Berlin zur Künstlerin Charlotte Berend-Corinth

Eintrag zu Charlotte Berend auf FemBio.org


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Beitrag vom 01.03.2022

AVIVA-Redaktion