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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 24.11.2008


Francoise Dorner - Die Frau in der hinteren Reihe
Tatjana Zilg

Die Französin schreibt ihrer Heldin Nina ein Alter Ego auf den Leib, das deren Ehemann auf eine Weise verführt, wie es das engmaschige Rollenmodell ihrer klassischen Ehe nicht erlaubt. Schwarzer ...




... Ledermantel und exotisches Parfüm kitzeln aus dem stoischen Eigenbrötler eine Begierde hervor, die er so im Ehebett nie zeigt.

Denn dort dauert der Akt nicht mal weltbewegende elf Minuten, nein, in nur drei Minuten ist der körperliche Vollzug des Eheversprechens jeden Morgen beendet. Ninas Frustration darüber nimmt ihr Mann mit Missbilligung zur Kenntnis. Oder er ignoriert sie einfach, je nach Tagesstimmung.
Der Alltag der beiden EhepartnerInnen ist ausgelastet, so dass ohnehin wenig Zeit bleibt, um miteinander zu reden oder Gefühle in Wallung zu bringen. Sie betreiben einen Kiosk in Laufnähe ihrer Wohnung, wechseln sich mit den Schichten ab und Nina erledigt zusätzlich den Haushalt. Ein Kind fehlt, doch der Mann scheint es nicht zu vermissen.

Nina wurde wenig Mut und Selbstbewusstsein in die Wiege gelegt: Sie ist ein uneheliches Kind von einem heftigen Urlaubsflirt aus vergangenen Zeiten im Leben ihrer Mutter. Das Verhältnis zwischen ihnen ist stark vorbelastet und ambivalent. Als Mädchen musste Nina im Flur schlafen und gleichzeitig lügen und erzählen, wie gut es ihnen gehe. Als erwachsene Frau überhäuft die Mutter sie mit Vorwürfen, dass sie zu wenig aus ihrem Leben mache und die Familie wegen ihrer Kinderlosigkeit aussterbe.

Das Verlangen nach einer sexuellen Revolution innerhalb der Ehe bleibt unerfüllt

Zum Glück bleibt Nina nicht passiv und fasst eines Tages den beherzten Beschluss, sich dem vorgezeichneten Routine-Verlauf ihres Lebens querzustellen. Die beiden Lösungen, die bei ähnlichen literarischen Konstellationen oft ins Spiel kommen, stehen für sie nicht an. Weder drängt es sie zu neuen, eigenständigen Wegen im Beruf noch ersetzt sie ihren Mann durch eine erfülltere Liebe. Sie erforscht ihre eigene Sexualität, allerdings in einer Weise, die manches Mal befremdlich wirkt, aber auch wagemutig ist, und auf jeden Fall nach einer Menge Abenteuer klingt.

Das Verstörende daran ist, wie sehr sie männlichen Klischeebildern entspricht, wenn sie einmalige Stunden mit Unbekannten verbringt, wo sie ihnen ihre geheimsten Wünsche erfüllt. Sie spürt hierbei stark ihre eigene Lust und erhofft, dass sie mit ihrem neu erwachten sexuellen Selbstbewusstsein eine ungeahnte Leidenschaft zwischen sich und ihrem Mann entfachen kann. Doch da dieser sie erneut abweist und mit Unverständnis reagiert, fordert sie eine Begegnung ihres neu erschaffenen Alter Egos, einer erotisch gekleideten Asiatin, mit ihrem Mann heraus und dieser ist tatsächlich sogleich hin und weg. Dennoch muss Nina letztlich erfahren, dass manche Männerträume niemals Zugang in eine traditionelle Ehe finden können ...

AVIVA-Tipp: Eine fade Ehe wurde schon häufig in der Literatur thematisiert. Der besondere Reiz des Romans von Francoise Dorner liegt darin, wie forsch und ungezwungen die unspektakuläre Heldin aus dem täglichen Einerlei ausbricht. Ganz nebenbei bewältigt sie noch einige andere schwierige Ereignisse, wie den Tod ihrer Schwiegermutter und die tatkräftige Unterstützung ihrer Schwägerin bei deren Scheidung. An der Art, wie die Autorin Nina ihre sexuelle Erkundung angehen lässt, kann man sich hingegen reiben, denn es erscheint nicht immer glaubwürdig, dass Nina die Situationen tatsächlich gleichermaßen genießt wie die Männer.

Zur Autorin: Francoise Dorner, geboren 1949 in Paris, war Schauspielerin und hat fürs Theater geschrieben, spielte in "Flic Story" an der Seite von Alain Delon und Jean-Louis Trintignant. Als Drehbuchautorin hat sie "Eine Frau nach Maß" und "Die Sekretärin des Weihnachtsmanns" (mit Marianne Sägebrecht) verfasst. Sie erhielt den Theaterpreis der Académie Française und 2004 den Goncourt du Premier Roman für ihren von der Kritik in Frankreich wie in den USA gelobten Erstling "La fille du rang derrière", der jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Heute widmet sie sich ganz dem Schreiben und lebt in Paris. (Quelle: Verlagsinfo)

Francoise Dorner
Die Frau in der hinteren Reihe

Diogenes Verlag, erschienen im September 2008
Hardcover Leinen, 160 Seiten
ISBN: 978-3-257-06667-8
17,90 Euro



Literatur

Beitrag vom 24.11.2008

AVIVA-Redaktion 






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