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AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 12.07.2011


Émile Zola - Das Paradies der Damen
Britta Meyer

Paris, Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem Tod ihrer Eltern zieht Denise mit ihren zwei jüngeren Brüdern aus der Provinz zu Verwandten in die Hauptstadt und findet eine Stelle als Verkäuferin im...




... neu eröffneten "Paradies der Damen", einem der ersten großen Kaufhäuser der Stadt.

Der weibliche Entwicklungsroman Zolas über den steinigen Weg eines modernen Aschenputtels erschien 2011 in einer neuen Auflage in der Edition Ebersbach.

Der Beginn des Konsumrauschs

Das "Paradies" ist eine völlig neuartige Erscheinung. Aufgrund der Massen, die das Warenhaus verkaufen kann, kann es auch die Preise dramatisch senken. Mit seinem verlockenden Angebot an preisgünstigen Luxusgütern bietet es erstmals auch weniger reichen Leuten die Möglichkeit, sich importierte Pracht zu leisten. Das Kaufhaus wird somit schnell zum alleinigen Fokus der Verschwendungssucht, der Eitelkeit und manchmal auch der Kleptomanie der Pariser Damen. Das Überangebot an Stoffen, Spitzen und Besätzen erweist sich als perfekte Droge für zahlungskräftige Frauen: das "Paradies" lebt vollkommen von einer nicht enden wollenden weiblichen Gier nach Firlefanz. Je mehr sie kaufen, umso mehr muss herangeschafft werden, der Umsatz ist schnelllebig und die Gewinne gigantisch. Damit diese Maschinerie gut geölt funktionieren kann, steckt unter der dünnen Hochglanzschicht des Betriebs ein knallhartes Management. Neben der zermürbenden Knochenarbeit und der schlechten Bezahlung leidet die sanftmütige Denise vor allem unter dem ständigen grausamen Mobbing durch Vorgesetzte und KollegInnen. Im Konkurrenzkampf des frühen Kapitalismus existiert keine Solidarität – gerade unter Frauen heißt es "fressen oder gefressen werden".

Life as a working girl

Auch mit einer bezahlten Anstellung ist es einer Frau im Paris des 19. Jahrhunderts nahezu unmöglich, ohne einen Mann zu überleben. Da das Gehalt nicht zum Leben reicht und verheiratete Frauen nirgendwo beschäftigt werden, bleibt einem Mädchen ohne Ehemann neben dem Job nur die Prostitution, um nicht zu verhungern.

"Der Kleine schlief. Was sollte sie antworten, wenn er aufwachte und etwas zu essen verlangte? Sie hätte immerhin nur einzuwilligen brauchen. Ihre Not hätte ein Ende, sie besäße Geld, Kleider, ein schönes Zimmer. Es war eine einfache Sache, man sagte, dass alle dorthin gelangten, weil in Paris eine Frau nicht von ihrer Arbeit leben könne."

Zolas Fortschrittsgläubigkeit ist mindestens so deprimierend wie die Zustände, die er beschreibt. Das Kaufhaus scheint ein lebendes Wesen zu sein, ein Monster das wächst und gedeiht, Menschen frisst und sie wieder ausspuckt, es verleibt sich die kleinen EinzelhändlerInnen der Umgebung ein und benötigt ständig neues Futter. Ganz Mensch der Moderne steht Zola trotz der eindrücklich geschilderten Unmenschlichkeit der Verkaufsmaschine immer auf deren Seite. Die Verdrängung der alteingesessenen Kaufleute, die Ausbeutung der Angestellten, der Wahnsinn des sinnlosen Konsumrauschs, all dies sind bei ihm nicht nur natürliche sondern auch wünschenswerte Entwicklungen des modernen Zeitalters. Menschliche Tragödien werden einfühlsam, aber als unvermeidliche Nebenerscheinung des Fortschritts geschildert, den aufhalten zu wollen ebenso zwecklos wie widernatürlich wäre.

AVIVA-Fazit: Zolas detailverliebte Schilderungen des frühen Kaufhausalltags sind faszinierend und seine trockenen Analysen zwischenmenschlicher Beziehungen ein Genuss. Die Beschreibungen des überproduktiven Konsumterrors sind ausgesprochen zeitgemäß, sein stereotypes Frauenbild ist dies leider nicht: der gnadenlos beobachtende Naturalismus versinkt schnell in moralistischem Kitsch. Die Heldin Denise ist der klassische Typus der "guten Frau", fleißig, ehrlich, edel, selbstlos und vor allem keusch. Folgerichtig wird ihre unerschütterliche Tugend am Ende der Geschichte mit Reichtum, Respekt und Liebe belohnt. Auch läutert ihre beispiellose Reinheit das verkommene Wesen des lasterhaften Kaufhausbesitzers Mouret, was Denise schließlich die Krönung des weiblichen Lebensglücks beschert – einen reichen Ehemann.

Zum Autor: Émile Zola, lebte 1840-1902 und gilt als Begründer des europäischen Naturalismus` in der Literatur. "Das Paradies der Damen" erschien 1884 als elfter Roman des zwanzigbändigen Romanzyklus` "Les Rougon-Macquart", der die Geschichte einer Familie über fünf Generationen hinweg erzählt. Im Januar 1898 ergriff Zola in der Dreyfusaffäre Partei und verfasste einen offenen Brief mit dem Titel "J`accuse" (Ich klage an) an den französischen Staatspräsidenten, in dem er den jüdischen Artillerieoffizier Alfred Dreyfus gegen bürokratische Willkür und offenen Antisemitismus in einem Hochverratsprozess verteidigte.

Émile Zola
Das Paradies der Damen

Originaltitel: Au bonheur des dames
Edition Ebersbach, erschienen März 2011
Halbleinen, 576 Seiten
ISBN: 978-3-86915-031-4
EUR 26,00
www.edition-ebersbach.de

Weitere Informationen finden Sie unter:

Dreyfusaffäre
(Seite auf französisch)

"J`accuse" in deutscher Übersetzung

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Louis Begley - Der Fall Dreyfus


Literatur

Beitrag vom 12.07.2011

Britta Meyer 






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