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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 16.07.2008


Erinnerungen einer Muse - Lara Vapnyar
Britta Leudolph

Tatjana träumt seit ihrer Kindheit von Dostojewski, später von einem Leben als Muse eines großen Mannes. Als sie nach ihrem Studium nach New York auswandert, scheint ihr Traum in Erfüllung zu gehen.




..., sie lernt einen erfolgreichen Schriftsteller kennen, der sich in sie verliebt.

Tatjana wächst mit ihrer älteren Schwester und der Mutter in Moskau auf. Der Vater hat die Familie schon früh verlassen und bei seinem Auszug mussten seine Bilder an der Wand denen Dostojewskis weichen. Fjodor Michailowitsch Dostojewski, der große russische Erzähler mit den verschiedenfarbigen Augen – ein braunes, ein schwarzes.

Während Tatjana sich als Kind noch vorstellt, wie sie mit Dostojewski und ihren Puppen zu Abend isst, sitzt der Dichter im Jugendalter an ihrem Bett: "Dann strich er mir übers Haar und streichelte mir den Rücken und öffnete langsam und zärtlich flüsternd Knopf für Knopf mein Schlafanzugoberteil. Vollständig nackt mit einem vollständig bekleideten toten alten Dichter (nackte, tote alte Dichter fand ich weniger ansprechend) saß ich in meinem Bett und wartete darauf, dass etwas Wundervolles geschah. Mit dreizehn hatte ich von Geschlechtsverkehr nur verschwommene Vorstellungen."

Das wahre Leben ist für Tatjana ungleich trostloser. Im Laufe der Jahre wird ihr immer deutlicher, dass sie wohl vergeblich auf das Erscheinen ihres erhofften, außergewöhnlichen Talents warten würde, bis ihr ein Lehrer prophezeit, sie würde "[...] die Gefährtin eines großen Mannes sein."

Und tatsächlich: Nach ihrem Umzug nach New York lernt sie den erfolgreichen Schriftsteller Marc kennen und erlangt seine Gunst. Schnell gibt sie alle anderen Aktivitäten auf und widmet sich ihrer neuen Lebensaufgabe als Muse. Sie wähnt sich bald auf den Spuren Appollinarias, der Muse Dostojewskis, Vorbild und Inspiration für mehrere Frauenfiguren im Werk des Poeten.

Lara Vapnyar führt die Leserin in die romantisch verklärte Welt ihrer Heldin Tatjana. Geleitet von ihren idealistischen Vorstellungen jagt sie ihren Träumen hinterher und dies mit fatalistischem Humor. Immer wieder verknüpft Vapnyar die Geschichte Tatjanas mit der Appollinarias und gewährt Einblicke in deren Gedanken- und Lebenswelt.
Die Autorin zeichnet den Alltag russischer EmigrantInnen in New York nach – ihre Bemühungen sich zu integrieren, ihre stille Bewunderung für die AmerikanerInnen und ihr Unverständnis, in deren Art zu leben.

Zur Autorin: Lara Vapnyar wurde 1971 in Russland geboren. 1994 emigrierte sie nach New York, ausgestattet mit nur sehr rudimentären Englischkenntnissen, begann aber schon bald in englischer Sprache zu schreiben. Seit 2002 veröffentlichte sie Kurzgeschichten in "Open City" und im "New Yorker". Die Autorin gilt als die große Entdeckung der jungen amerikanischen Literatur.

AVIVA-Tipp: "Erinnerungen einer Muse" ist ein wunderbares Buch über die Sinnsuche einer jungen Frau, die so gern etwas Besonderes wäre. Die Hauptfigur Tatjana ist mit ihrem unbeirrbaren Idealismus, ihrem staunenden Blick auf ihre Umwelt und ihrer sarkastischen Weltsicht einfach nur liebenswert. Ganz nebenbei gewährt die Autorin Einblicke in die russische Seele und Kultur, erteilt Seitenhiebe auf den American way of life und besticht mit einer profunden Kenntnis des Werks Dostojewskis.

Lara Vapnyar
Erinnerungen einer Muse

Originaltitel: Memoirs of a Muse
Aus dem Englischen von Monika Schmalz
Berliner Taschenbuch Verlag, erschienen Mai 2008
Taschenbuch, 256 Seiten
ISBN 978-3-8333-0541-2
9,90 Euro

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Literatur

Beitrag vom 16.07.2008

Britta Leudolph 






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