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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2022 - Beitrag vom 14.07.2022


Isabel Rohner – Schwarze Petra
Katarina Struik

Der "feministische Kicher-Krimi" erobert die Bühne! Dafür sorgt die Erfinderin dieses Genres, Isabel Rohner mit ihrem aktuellen (vierten) Fall. Leichthändig bohrt sie auch diesmal wieder dicke feministische Bretter und …




…beweist erneut, wie wunderbar Humor und Aufklärung zusammenpassen. Ansonsten ist diesmal aber alles anders, denn Rohners Heldin Linn Kegel hat gar keine Lust mehr auf Mördergeschichten und dahindrapierte Frauenleichen. Die Realität ist grausam genug. Also lautet Linns Motto: "Schluss mit Mord und Totschlag – her mit Philosophie und Theater!" Doch erstens kommt es anders und zweitens als sie denkt.

Linn Kegel is back! Zum Glück war der letzte Krimi von Isabel Rohners Hauptfigur ein Bestseller. "Gretchens Rache" ging durch die Decke. Na endlich!, freut sich da Verleger Hartmann, den die prompte Ankündigung der frischgebackenen Erfolgsautorin, als nächstes ein Theaterstück schreiben zu wollen, umso tiefer in Verzweiflung stürzen lässt: "Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?" Doch Linn bleibt stur, und so steht bald die Welturaufführung ihres ersten Bühnenstücks an. Es heißt "Schwarze Petra", behandelt die "Normalität der Frauenfeindlichkeit" und wird gar an der Wiener Festung aufgeführt, Österreichs innovativstem Theater! Nicht von ungefähr, denn dort feiert Linns allerbeste Freundin (und unsere gute Bekannte) Bettina Heidenreich ihr Debüt als Regisseurin. Die Barockfigurige hat ihre Kölner Künstleragentur an den Nagel gehängt und sich auf die Bretter der Welt geschwungen. Linn ist schon sehr gespannt, wie sie die "Schwarze Petra" wohl inszenieren wird … Sicherlich treffend, denn wer könnte das feministische Pamphlet besser in Szene setzen als eine Bettina Heidenreich, die (in "Gretchens Rache") selbst in Hello-Kitty-Pyjama, kombiniert mit Wanderschuhen, im Kampf gegen das Patriarchat zu überzeugen wusste?

Doch auch in Wien gilt, dass zweitens alles anders kommt. Und so gerät die Generalprobe, zu der Linn höchstpersönlich angereist ist, zum Desaster: "Plötzlich knallte es.Linn zuckte zusammen. Vom Schnürboden fiel etwas an einem langen Seil herunter.Das Bündel weist eine fatale Ähnlichkeit mit der Hauptdarstellerin auf, und von deren Füßen tropft Blut … Was nun? Wie weiter? Eines ist klar, jedenfalls für den Intendanten: Die Premiere wird nicht verschoben, nur weil die wichtigste Schauspielerin ausfällt! Also muss Bettina eine Neubesetzung improvisieren, und die Lage schreit nach Ermittlung in alle Richtungen.

An diesem Punkt der Ereignisse ist Linn gar nicht mehr so ärgerlich über eine gewisse "Panne" in der PR zu ihrem Stück: Der Intendant (4/5 aller Theater werden von Männern geleitet) hatte sie als Theaterautorin (nur 1/4 aller Stücke stammen von Frauen) tendenziell unsichtbar gemacht, genauer: Linn wurde zwangsvermännlicht durch eine Vornamensmanipulation. (Frauen sollten sich ohnehin lieber männliche Pseudonyme zulegen, wenn sie Erfolg haben wollen.) Sie weiß nur zu genau: Das hat System. Was uns zum Stück zurückführt: Als "Allegorie auf den omnipräsenten Sexismus" war es gedacht. "Weil Frauen im Patriarchat die strukturelle Arschkarte gezogen haben." Genau darum heißt die Hauptfigur Eva und lautet der Titel "Schwarze Petra": "Die Steigerung vom Schwarzen Peter. […] Ob Eva weiß, schwarz oder Jüdin ist, spielt in meinem Stück erst mal keine Rolle."

Regisseurin Bettina indes – und auch dies wird Linn erst in der Generalprobe klar – hat eine gewisse Konzepterweiterung vorgenommen. Sie hat die Hauptfigur Eva in Petra umbenannt und die Rolle der Petra mit dem allerblassesten Hauttyp überhaupt besetzt. Das restliche Ensemble steht zur schneeweißen Petra in reizvollem Kontrast: "Völlig unterschiedlich und super divers!" Mit dabei eine "sehr attraktive ältere Schwarze, eine junge Asiatin mit Nickelbrille", ein etwa dreißigjähriger "ehemalige[r] Travestiestar aus Köln" mit "nordafrikanischem Einschlag", und, ja, "sogar die Statisten sind ausnahmslos Black and People of Colour"! Linn ahnt den Shitstorm und ist entsetzt: "Aber darum geht es in meinem Stück doch gar nicht!" Bettina sieht das anders. "Nur weil die Figuren in deinem Text keine Hautfarben haben, heißt das nicht, dass sie keine Hautfarben haben!"
Mehr wird nicht verraten, aber egal, wie es ausgeht: "It´s all about Quality, you know!"

AVIVA-Tipp: Ja, "Schwarze Petra" dreht sich um Rassismus, wie Superwoke sicher bereits wussten, aber desgleichen auch um Transgender, um oszillierende Geschlechterverhältnisse und um das elementare Problem mit selbstbewussten Frauen. Vor allem aber ist es ungewöhnliche Spannungsliteratur aus der von Isabel Rohner eigens erdachten Rubrik "feministischer Kicher-Krimi", in der mit den Freundinnen Linn Kegel und Bettina Heidenreich ein schrulliges Frauenduo mit Humor und Hintersinn recherchiert. In "Schwarze Petra" tanzt eine bunte Crew lustiger Charaktere mit noch lustigeren Namen über die Bühne, und Linn herself avanciert zur "Maria Carey des Schauspiels". – Vorhang auf!

P.S.: Wenn am Ende dieses 200-Seiten-Krimis der Vorhang dann wieder fällt, sind wir traurig. Zum Glück hält uns Isabel Rohner aber auch diesmal einen Strohhalm hin, an den wir uns klammern können: Linn verrät ihrem schwedischen Loverboy (ja, ihrem schwedischen Loverboy!): "Vielleicht schreibe ich bald einen Köttbullar-Mord." Na denn! Das Bedürfnis nach mehr kann unterdessen gestillt werden mit dem Erstling "Schöner morden" (2019), dem Old-school-Folgefall "Taugenixen" (2020) und dem Spreewald-Roman "Gretchens Rache" (2021), wohinein als goldener Faden eine kritisch-feministische Auseinandersetzung mit dem männerlastigen Literaturmarkt und frauenfeindlichen Feuilleton eingewoben wurde.

Zur Autorin: Isabel Rohner, geb. 1979 in St. Gallen, studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik. Nach ihrer Promotion arbeitete sie an der Fern-Universität Hagen. Seit 2013 ist sie Fachreferentin für Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Wenn sie keine Krimis schreibt ("Schöner morden", 2019, "Taugenixen", 2020, und "Gretchens Rache", 2021), konzipiert sie politische Sachbücher wie "100 Jahre Frauenwahlrecht" (2017, Helmer), "50 Jahre Frauenstimmrecht – 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung" (herausgegeben zusammen mit der Journalistin Irène Schäppi, 2021, Limmat) oder Bände mit Zitaten berühmter Frauen. Einen besonderen Namen hat Isabel Rohner sich als Mitherausgeberin von Hedwig Dohms Gesamtwerk und Expertin für die Geschichte der Frauenbewegungen gemacht. Sie ist zudem Verfasserin der Dohm-Biografie "Spuren ins Jetzt" (Helmer) und steht als Teil des "Hedwig Dohm Trios" auf der Bühne, um die feministische Pionierin zu neuem Leben zu erwecken. Auch mit ihrem Podcast "Die Podcastin" verschafft sie sich Gehör (zusammen mit der Politphilosophin Regula Stämpfli). Isabel Rohner ist verheiratet und lebt in Berlin.

Isabel Rohner im Netz: www.isabelrohner.com und www.diepodcastin.de

Isabel Rohner
Schwarze Petra

Ulrike Helmer Verlag, Erscheinungstermin 05/2022
Paperback, 200 Seiten
ISBN 978-3-89741-458-7
Euro 13,00
Mehr zum Buch unter: www.ulrike-helmer-verlag.de

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Die Frauenrechtlerin, Journalistin, Autorin und Publizistin Hedwig Dohm (1831- 1919) hatte vier Geburtsurkunden, wurde an einem Dienstag geboren und war mit 17 Geschwistern in der Friedrichstraße 235 groß geworden. Pünktlich zum Hedwig-Dohm-Jahr 2011 erschien im November 2010 im Ulrike-Helmer-Verlag eine sachlich-kurzweilige Biografie der Jubilarin Hedwig Dohm, geborene Schlesinger.




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Beitrag vom 14.07.2022

AVIVA-Redaktion