Cécile Wajsbrot - Nevermore - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 17.08.2021


Cécile Wajsbrot - Nevermore
Sigrid Brinkmann

Auf nächtlichen Streifzügen durch Dresden, in Konzerten oder beim Übersetzen eines Buches von Virginia Woolf sehnt sich die französische Protagonistin in "Nevermore" nach der Wiederbegegnung mit einer verstorbenen Freundin. Literatur, Musik, reale und fiktive Orte sind Quellen für Cécile Wajsbrots puzzlegleiches Epos.




Cécile Wajsbrot schreibt knapp, dabei sinnlich. Wenige Sätze reichen, um landschaftliche Räume oder innere Zustände vor unserem inneren Auge aufscheinen zu lassen. Die 67 Jahre alte Autorin publiziert nicht nur Romane und Essays, sie übersetzt auch Literatur aus dem Deutschen und Englischen ins Französische. Wie sehr diese Tätigkeit den sprachlichen Feinsinn schärft, führt sie in Nevermore eindrucksvoll vor. Die Protagonistin ihres neuen Romans ist damit beschäftigt, Virginia Woolfs 1927 erschienenes Buch To the Lighthouse ins Französische zu übertragen.

Wir schauen der Protagonistin gewissermaßen über die Schulter, wenn sie Varianten der Übersetzung eines Satzes ausprobiert und sich in den Kosmos des Woolfschen Textes und damit auch in komplizierte Familienverhältnisse und eine ferne Zeit vertieft. Es geht in Nevermore um das Wahrnehmen kleinster Nuancen. Und um das Aufspüren von Verbindungen. Das verlassene, von der Natur langsam überwucherte Haus in Virginia Woolfs Roman verweist auf die renaturierte Zone in Tschernobyl und den High Line Park in Manhattan. Zwischen 2009 und 2019 entstand auf still gelegten Hochbahngleisen über ehemaligen Schlachthöfen, Industriebauten und Marktplätzen eine grüne Oase, die den Menschen "Zeit schenkt".

Um ungestört arbeiten zu können, hat Wajsbrots Protagonistin ein kleines Zimmer in Dresden bezogen. Sie glaubt, die "einst vom Krieg verwüstete Stadt" sei der richtige Ort, um über "die Verwüstungen der Zeit" nachzudenken, von denen Woolfs Text erzählt. Langsam aber enthüllt sich der wahre Grund: Sie hat Paris verlassen, um in der Fremde eine verstorbene Freundin zu beweinen.

Innere Zwiegespräche mit der verstorbenen Freundin

Einen Augenblick lang erliegt die Übersetzerin der Illusion, eine im Konzertsaal neben ihr sitzende Person trage die Züge der verlorenen Freundin. "Etwas rief nach ihr – im Dunkel des Saals, in den Bewegungen der sich einrichtenden Musiker". Jetzt erschließt sich der Romantitel. Er ist eine Anspielung auf Edgar Allen Poes berühmtes Gedicht The Raven. Was immer der um seine verstorbene Geliebte Trauernde den ins Zimmer geflogenen Raben fragt, die gekrächzte Antwort bleibt stets "Nevermore".

"Was ist privat, persönlich an dem Verlust eines Menschen, was ist kollektiv? Was kann man teilen? Sollen die Erinnerungen im Stillen bewahrt werden oder müssen sie, können sie erzählt werden?" Um Antworten auf diese Fragen zu finden, taucht Cécile Wajsbrot auch in die Geschichte des 20. Jahrhunderts ein. Angelegt hat sie ihren Roman wie ein großes Puzzle, dessen Teile sich zu einem großen Ganzen fügen wie eine musikalische Komposition mit Vorspiel, Zwischenspielen und einer Coda.

"Wegfahren, heimkehren, zurückkommen", notiert die Protagonistin, "an Wörtern fehlte es nicht, aber ich wusste nicht, was sie beinhalteten." Am Ende dieses poetischen Buches, das so spielend leicht Handelsstränge miteinander verschränkt und die Lesenden an reale und fiktive Orte mitnimmt, erkennt die Übersetzerin, dass sie in Paris zuhause ist. Das innere Zwiegespräch, das sie mit der schmerzlich vermissten Pariser Freundin führt, berührt zutiefst – wie überhaupt das ganze Buch immerzu all unsere Sinne anspricht.

AVIVA-Tipp: Nevermore ist ein subtil komponierter, sprachlich außergewöhnlich reicher Roman. Dass die in Frankreich lebende Schriftstellerin Anne Weber ihn ins Deutsche übersetzt hat, auch das ist ein Glücksfall.

Zur Autorin: Cécile Wajsbrot, geboren 1954 in Paris als Tochter polnischer Juden und Jüdinnen, lebt als Romanautorin, Essayistin und Übersetzerin aus dem Englischen und Deutschen in Paris und Berlin. Sie schreibt auch Hörspiele, die in Frankreich sowie in Deutschland gesendet werden.
2007 war sie Gast des Berliner Künstler:innenprogramms des DAAD. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Akademie der Künste in Berlin. 2014 erhielt sie den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis, 2016 den Prix de l`Académie de Berlin. Die Shoah ist in Cécile Wajsbrots literarischen Werken ein wiederkehrendes Thema. Ausgehend von der Geschichte ihrer eigenen Familie setzt sie sich mit der Verfolgung der europäischen Juden und Jüdinnen auseinander.

Zur Übersetzerin: Anne Weber, geb. 1964, ist eine deutsche Autorin und literarische Übersetzerin. Sie arbeitete bei verschiedenen französischen Verlagen und übersetzte nebenbei Texte deutscher Gegenwartsautoren und Sachbücher ins Französische. Ihr Roman »Kirio« stand auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse 2017. Für »Annette, ein Heldinnenepos« erhielt sie 2020 den Deutschen Buchpreis.

Cécile Wajsbrot
Nevermore

Roman
Übersetzt von Anne Weber
Wallstein Verlag, Göttingen (EÖ: 26.07.2021)
Mehr zum Buch sowie Veranstaltungshinweise unter: www.wallstein-verlag.de

Besprochen von Sigrid Brinkmann: www.deutschlandfunkkultur.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Prix de l´Académie de Berlin 2016 an Cécile Wajsbrot
Ihre Großeltern stammen aus Kielce, Polen. Die 1954 in Paris geborene, in Paris und Berlin lebende Schriftstellerin Cécile Wajsbrot, beschäftigt sich in ihrem literarischen Werk vorrangig mit dem Schweigen und dem Vergessen. (2016)

Das AVIVA-Interview mit Cécile Wajsbrot
Die 1954 in Paris geborene Autorin von "Aus der Nacht", "Der Verrat", "Im Schatten der Tage" sowie "Mann und Frau den Mond betrachtend" sprach mit AVIVA-Berlin über das Schweigen und Vergessen. (2008)

Cécile Wajsbrot - Aus der Nacht
Dieser Roman handelt vom Schweigen und vom Vergessen. Nahezu lyrisch beschreibt die Autorin die Reise ihrer Protagonistin nach Polen, in die Vergangenheit ihrer Elterngeneration. (2008)



Literatur

Beitrag vom 17.08.2021

AVIVA-Redaktion 






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