Colette - Die Katze - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur





 

Chanukka 5782




AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 29.09.2018


Colette - Die Katze
Bärbel Gerdes

In ihrem Kammerspiel um ein Paar und eine Katze seziert Sidonie-Gabrielle Claudine Colette genüsslich die Auflösung einer Ehe bereits kurz nach der Hochzeit. 85 Jahre nach der Erstveröffentlichung von "La Chatte" hat der schmale Roman nichts von seiner Spannung eingebüßt – und leider hat sich auch kaum das Verhältnis zwischen Frauen und Männern geändert.




Beginnen wir mit Camille: neunzehnjährig, aus gutem Hause stammend, aus einer neureichen Familie stammend, erblicken wir sie fast vollständig aus den Augen ihres frisch angetrauten Ehemannes Alain: vierundzwanzig, ebenfalls aus gutem Hause stammend, jedoch aus einer alten Seiden-Dynastie. Alain lebt mit seiner Mutter in einer großen Villa. Und dort lebt auch Saha, eine reinrassige, zarte, vollkommene Kartäuserkatze voller zauberhafter Anmut.

Auf der einen Seite ist Alains Faszination von Camille, die er als modernes junges Mädchen [kannte]. Er kannte ihre Art Auto zu fahren, ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu gut. Doch gleichzeitig weiß Alain, dass er nicht Camille liebt, sondern ein vollkommenes Abbild von ihr... ein Porträt oder die lebhafte Erinnerung an gewisse Stunden und bestimmte Kleider.
Vollkommen ist nur die Katze.

Camille und Alain heiraten trotzdem und das Drama nimmt seinen Lauf. Denn Camille begegnet ihrem Neuangetrauten voller Neugier, Offenheit und Lust. Ihre selbstbewusste Körperlichkeit stößt Alain ab, der sie besitzen möchte, sie fügsam will, ihr seinen Willen – auch in der Sexualität – aufzwingen möchte. Er machte sie sich untertan. Alain betrachtet sie stets wie durch Glas, abschätzig, beurteilend, kritisierend.

Nachdem das Ehepaar vorübergehend in die Hochhauswohnung eines Freundes gezogen ist, verengt sich das Kammerspiel auf wenige Zimmer. Saha leidet unter dem Verlust ihres Herrchens, sie nimmt ab, so dass er sie zu sich holt. Schon schnell bestimmen Eifersüchteleien den Alltag. Von der kalten Geringschätzung Alains ist nur die Katze ausgenommen. In einer kaum erträglichen Dichte schildert die Autorin das Auseinanderdriften dieser Beziehung – gesehen aus den Augen Alains.

Unter dem Titel Eifersucht wurde Colettes La Chatte 1959 und 1986 in Deutschland herausgegeben. Als die 1873 geborene Colette ihn schrieb, war sie 60 Jahre alt. Ihre Claudine-Romane, die ab 1900 erschienen, hatten sie berühmt gemacht. Diese hatte zunächst ihr Ehemann für sich reklamiert und veröffentlichte sie jahrelang unter seinem Namen. Nach der Trennung von Monsieur Willy hatte Colette zunächst eine Affäre mit Nathalie Clifford Barney. Zahlreiche weitere Liebhaberinnen und Liebhaber folgten. Unterdessen schrieb sich Colette in die Herzen der Französinnen ein: 1910 wurde ihr Roman La Vagabonde für den Prix Goncourt, einer der wichtigsten französischen Literaturpreise, nominiert.

Ihr Leben spiegelte sich in den weiblichen Figuren ihrer Romane. Die Frauen treten, gerade in erotischen Belangen, selbstbewusst auf. Colette thematisierte die unmögliche Liebe zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau, ein Thema, das leider auch heute nichts von seiner Aktualität verloren hat – frau blicke nur zum jetzigen französischen Präsidenten und seiner Frau.
Auch Colettes dritter Ehemann sei deutlich jünger gewesen, heißt es in dem kenntnisreichen Nachwort. 1941 wurde er aufgrund seiner jüdischen Herkunft von der Gestapo verhaftet. Colette gelang es, seine Freilassung zu erwirken.

Zeit ihres Lebens war Colette, die 1954 von Gicht geplagt in Paris starb, eine leidenschaftliche Katzenliebhaberin. Auch in diesem Roman zeugen ihre feinen Beobachtungen der Katze, die präzisen Schilderungen ihres Verhaltens davon.

AVIVA-Tipp:Einen wunderschönen Band haben die beiden Verlegerinnen Brigitte Ebersbach und Sascha Nicoletta Simon herausgebracht. Der rosafarbene Leinenbuchrücken schleicht sich so harmlos an wie die Katze Saha durch die Kapitel, die eigentliche Protagonistin dieses schmalen und aktuellen Romans.

Zur Autorin: Colette, eigentlich Sidonie-Gabrielle Claudine Colette, wurde 1873 in Burgund geboren. Die französische Varietékünstlerin, Journalistin und Schriftstellerin schrieb zwischen 1900 und 1903 die Claudine-Romane, die sie berühmt machten. Zu ihren bekanntesten Romanen gehören Chéri> (1920), Sido (1930) und Gigi (1944). Zahlreiche ihrer Romane wurden verfilmt. Colette gilt als die große Dame der französischen Literatur. Zwischen 1948 und 1959 entstand eine 15-bändige Ausgabe ihres Gesamtwerkes. Sie war die zweite Frau, die Mitglied der Académie Goncourt wurde. 1953 wurde sie zum Grand Officer der französischen Ehrenlegion ernannt. Als Colette 1954 starb, wurde sie mit einem pompösen Staatsbegräbnis geehrt.

Colette
Die Katze

Originaltitel: La Chatte
Aus dem Französischen von Elisabeth Roth
ebersbach & simon, Reihe: Klassiker Edition, erschienen am 15. August 2018
144 Seiten Lesebändchen, Fadenheftung. Einband: Halbleinen
ISBN 978-3-86915-156-4
18.00 Euro
Mehr zum Buch unter: www.ebersbach-simon.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Edith Wharton - Die verborgene Leidenschaft der Lily Bart
Edith Wharton gewann 1920 als erste Frau den Pulitzer Preis für The Age of Innocence und war dreimal für den Literaturnobelpreis nominiert. In ihrer glänzenden Gesellschaftssatire porträtiert die 1862 in New York City geborene amerikanische Schriftstellerin Edith Wharton die Upper Class zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Geld, Oberflächlichkeit und Intrigen bestimmen den Alltag jener, zu denen Lily Bart unbedingt gehören möchte. Doch zu welchem Preis? (2018)

Louise de Vilmorin - Der Brief im Taxi
Nach "Julietta" und "Madame de" erschien im August 2016 ein weiterer Roman der französischen Schriftstellerin in deutscher Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky im Dörlemann Verlag. "Der Brief im Taxi" erzählt die Geschichte einer unkonventionellen jungen Frau, die sich in der elitären Welt der französischen Bourgeoisie zu verlieren droht.

Francoise Sagan - Ein bisschen Sonne im kalten Wasser
Zum ersten Mal stellte Sagan in ihrem achten, 1969 erschienenen Roman einen Mann in den Mittelpunkt. Gilles befindet sich mitten in einer Depression – was er sich nur ungern eingesteht. Denn wer will schon an einer Modekrankheit leiden? (2015)

"Traumtänzer" von Edith Wharton
Susy und Nick, verliebt und frisch verheiratet, nutzen die Annehmlichkeiten ohne Bedenken aus, die ihnen ihre reichen Freunde bieten, bis ihre Abhängigkeit beinahe ihr gemeinsames Glück zerstört. (2011)


Literatur

Beitrag vom 29.09.2018

Bärbel Gerdes 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte

. . . . PR . . . .

Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte
Jüdisch. Solidarisch. Antirassistisch. Der Essayband mit einem Vorwort von Aleida Assmann knüpft an die beiden Aufsatzbände "Übungen jüdisch zu sein" und "Mit Eichmann an der Börse" an.
Mehr zur Autorin, zum Buch, sowie Bestellung unter: www.mandelbaum.at

Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Ich bin noch nie einem Juden begegnet …

. . . . PR . . . .

Ich bin noch nie einem Juden begegnet
»Das Geschichtenerzählen ist Teil der jüdischen DNA«, meint Peninnah Schram, Literaturprofessorin und eine der Protagonistinnen in Haase-Hindenbergs neuem Buch. In einem außergewöhnlichen literarischen Stil erzählt er von den Lebensgeschichten jüdischer Menschen in Deutschland.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellungen unter: www.edition-koerber.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur