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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 14.12.2016


Francine Prose - Die Liebenden im Chamäleon Club
Ahima Beerlage

Was bringt eine Frau in den 1930er Jahren dazu, mit den Nazis zu kollaborieren? Die amerikanische Autorin Francine Prose spürt in ihrem Roman der Lebensgeschichte von Violetta Morris nach. Die französische Sportlerin und Rennfahrerin hatte für die Gestapo Landsleute...




... gefoltert, um Informationen zu bekommen, und wurde von der französischen Résistance erschossen.

Kopfverletzung und Klosterleben

Im Roman erhält Morris den Namen Louisianne Villars, genannt Lou. Lou wächst in einer gutbürgerlichen Familie auf. Ihr älterer Bruder Robert verhält sich seltsam. Heute würde bei ihm eine Störung aus dem Autismus-Spektrum diagnostiziert werden. Als die Geschwister miteinander spielen, stößt er Lous Schaukel so heftig an, dass die Schwester abstürzt und sich heftig am Kopf verletzt. Ob diese Verletzung Einfluss auf ihre Entwicklung hatte, bleibt als offene Frage stehen. Kurz nach dem Unfall wird Lou von ihren Eltern in eine Klosterschule englischer Nonnen geschickt. Eine Schwester entdeckt ihr Bewegungstalent und beginnt, Lou gezielt sportlich zu fördern. Bald lässt sie alle Mitschülerinnen hinter sich. Der Bruder der Nonne, ein Arzt und Forscher, nimmt Lou unter seine Fittiche, um der Welt zu beweisen, dass auch Frauen zu sportlichen Höchstleistungen fähig sind. Er entwickelt ein Trainingsprogramm für sie, das er persönlich überwacht... Die Nonne der Arzt und Lou reisen durch Frankreich und Lou führt ihre außergewöhnlichen sportlichen Leistungen einem interessierten Publikum vor, um weitere Mädchen und Frauen für Sport zu begeistern.

Rennen und Romantik

Sie zieht nach Paris und arbeitet im ´Chamäleon Club´, einem Lokal, in dem alle Geschlechter und sexuellen Neigungen willkommen sind. Lou trägt nur Anzüge und verliebt sich in Frauen. Ihre sportliche Konstitution verhilft Lou schließlich zu einem außergewöhnlichen Angebot. Sie soll in einem internationalen Wettkampf als Rennfahrerin eine berühmte französische Automarke und ihr Land Frankreich vertreten. Die Automarke gehört unter anderem einer Baronin, die Lou unter ihre Fittiche nimmt. Während Lous Fahrkünste sich vielversprechend entwickeln, sorgt der Polizeichef der Region, der mit Lous ehemalige Liebhaberin zusammen ist, aus Eifersucht dafür, dass ihr die Fahrerinnenlizens wegen Unsittlichkeit entzogen wird. Der Stein des Anstoßes: Lou trage zu männliche Kleidung und sei damit kein Vorbild für junge Französinnen. Lou verliert ihren Job als Rennfahrerin und verdient ihren Lebensunterhalt als Automechanikerin mit einer eigenen Werkstatt. Zu diesem Zeitpunkt ist Lou bereits in eine deutsche Rennfahrerin verliebt, die dafür sorgt, dass Lou von Hitler zur Olympiade 1936 als Zuschauerin nach Berlin eingeladen wird.

Verrat und Folter

Lou begeistert sich für die Nazi-Ideologie und schließt sich bei ihrer Rückkehr nach Frankreich der Gestapo an. Sie spioniert und verrät der Wehrmacht militärische Geheimnisse, die sie bei ihren Vorträgen als ehemalige Sportlerin und ihren Liebschaften den Ehefrauen der Militärs entlockt. Durch ihren Verrat gelingt es der Wehrmacht, die Maginot-Linie, das französische Verteidigungssystem, zu durchbrechen. Lou geht sogar so weit, dass sie sich an Folterungen ihrer Landsleute beteiligt, um Informationen aus den Opfern herauszupressen. Ihre Leben wird durch die Résistance beendet, die sie auf einer Reise aus dem Hinterhalt erschießt.

Verschenkt

Doch diese Geschichte wird nicht durchgehend erzählt. Die fiktive Biografie wird aus fünf Perspektiven geschildert. In Briefen oder Biografien schildern die ZeitgenossInnen ihre Sichtweise auf die Ära und die Hauptfigur Lou sowie ihre eigenen Befindlichkeiten und Lebensumstände. In all diesen Erzählperspektiven- und -formen verlieren sich Autorin und LeserIn. Dabei bleibt die Motivation und Psychologie der androgynen Lou, die sich in ihrer Faszination für die Faschisten zunehmend in Gewalt und Verrat verliert, auf der Strecke.

AVIVA-Fazit: Der Roman zerfasert in zu viele Perspektiven. Dabei gerät auch die Bewertung der Hauptakteurin Lou gefährlich unscharf. Während ihre Charakterentwicklung sich oft mit der chronologischen Abfolge der Ereignisse, die ihr widerfahren, zufriedengibt, wird ihre Faszination für die faschistische Inszenierung der Olympiade 1936 in schillernden Farben widergegeben. Ein Zeichen für den unreflektierten Umgang mit Sprache und Faschismus: Für die Novemberpogrome 1938 wählt die Autorin oder ihre Übersetzerin den verfälschenden Begriff "Reichskristallnacht". Ausführlich schildert die Autorin die Faszination und Verbundenheit, die Lou vorgeblich bei der Folterung ihrer Opfer empfunden hat. Wie uneins die Autorin mit ihrem eigenen Werk offensichtlich war, bemerkt frau an ihrem erklärenden Nachwort, das wie ein Nachklapp auf die Schwächen des Buches wirkt.

Zur Autorin: Francine Prose, geboren 1947, hat zahlreiche preisgekrönte Romane und Sachbücher veröffentlicht. Sie war für den National Book Award nominiert und ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Zuletzt erschien auf Deutsch der Roman Lügen auf Albanisch. Die Autorin lebt in New York. (Quelle: www.randomhouse.de)
Die Autorin im Netz:
www.openroadmedia.com, www.facebook.com/FrancineProseAuthor und twitter.com/francineprose

Francine Prose
Die Liebenden im Chamäleon Club

Originaltitel: Lovers at the Chameleon Club
Aus dem Amerikanischen von Susanne Aeckerle
Gebunden mit Schutzumschlag, 544 Seiten
C.Bertelsmann Verlag, München, erschienen 21.03.2016
ISBN: 978-3-570-10229-9
22,99 Euro
www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Stella Goldschlag - Das blonde Gift
Sie war eine "Greiferin", eine jüdische Informantin, die für die Gestapo arbeitete. Sie schloss einen "Pakt mit dem Teufel", um zu überleben und der Deportation nach Auschwitz zu entkommen, und sie verriet zahllose Jüdinnen und Juden, die im Untergrund lebten. Stella war auch als das "blonde Gift" bekannt, sie hatte zahlreiche Liebhaber und ein skandalöses Liebesleben. Ihre Schönheit war jedoch sowohl ein Segen, als auch ein Fluch. (2013)


Literatur

Beitrag vom 14.12.2016

Ahima Beerlage 






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