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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 26.09.2016


Carmen Laforet - Nada
Yvonne de Andrés

Der Klassiker der 1921 in Barcelona geborenen Schriftstellerin, die 1944 als erste Autorin mit dem Nadal-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Im Zentrum des Romans steht eine junge Frau, Andrea, die 1944 aus der Provinz in die graue, prüde und vom spanischen Bürgerkrieg gezeichnete ...




... Großstadt Barcelona kommt.

Die Franco-Zeit erdrückt wie ein bleierner Mantel jegliche Regung nach Veränderung und Freiheit.

"Barcelona, das waren auch die breiten, frisch gespritzten Gehwege und all die Menschen, die in den Cafés ihren Durst löschten. Alles Übrige, die großen, hell erleuchteten Geschäfte, die Autos, der Trubel, ja sogar die gestrige Fahrt vom Bahnhof, die ich meinem Bild von der Stadt einverleibt hatte, war seltsam blass und falsch."

Die 20jährige Andrea freut sich auf Barcelona. Sie ist voller Erwartungen und Illusionen, was sie in der Stadt alles erleben wird. Hier möchte sie Geisteswissenschaften studieren. Wohnen wird sie zentral bei ihrer Familie in der Calle de Arribau. Eine Straße, die eine wichtige Ader der Stadt ist. Diese beginnt im Herzen Barcelonas, der Plaza de la Universidad, und zieht sich wie eine gerade Linie den Hang in Richtung Tibidabo hoch. Die Wohnung der Familie ist eine dunkle staubige Höhle voller Gerümpel, in der ihre Großmutter mit Tanten und Onkeln hausen. Ihre Sippe ist eine Ansammlung kauziger, verarmter, verrohter und bigotter Gestalten, die den "Los Caprichios" von Goya entsprungen sein könnten.
Diese Familie kollidiert mit den idealistischen Wünschen und Vorstellungen von Freiheit und Glück, die Andrea hat. Hier gelten gängelnde Vorschriften und Gewalt, Alpträume steigen in ihr auf und führen uns eine scheinheilige und ausgebrannte Familie vor, aus deren Poren die Ärmlichkeit der Franco-Zeit atmet. Zwei unterschiedliche Welten stoßen hier aufeinander und werden in dramatischen Dialogen abgebildet.

Beeindruckend ist dabei, dass Laforet sich nicht zur politischen Lage im Land äußert, aber das Gefühl der Dumpfheit dieser bleiernen Zeit sehr plastisch erfahrbar ist. Die Prosa von Laforet bringt uns diesen bedrückenden familiären Mikrokosmos bildhaft sehr nahe. Richtungslos durchstreift Andrea ohne Ziel Barcelona auf der Suche nach einem frischen Wind und einer eigenen Perspektive. Doch wie ein Krebsgeschwür liegt der Franquismos über der Gesellschaft. Das Buch wurde überraschenderweise von der Zensur nicht beachtet und avancierte schnell zum Kultbuch. Die Perspektive, Sichtweise und Reaktion der jungen Andrea auf den Mangel an Freiheit, auf Vorurteile, Heuchelei und Isolation sind sehr glaubwürdig beschrieben und sprechen daher auch heute noch Leser_innen an.

Zur Autorin: Carmen Laforet wurde am 6. September 1921 in Barcelona geboren. Sie war eine der wichtigsten Autorinnen in der Zeit nach dem spanischen Bürgerkrieg. Für ihren bis heute bedeutenden Roman "Nada" (Dt. Nada) erhielt sie 1944 als erste Autorin den Nadal-Literaturpreis, den ältesten in Spanien verliehenen Literaturpreis. Laforet veröffentlichte acht Romane. Die bekanntesten sind: "La insolación" (1963) und "Al volver la esquina" (2004). Carmen Laforet starb am 28. Februar 2004 in Madrid im Alter von 83 Jahren.

Zur Übersetzerin: Susanne Lange 1964 geboren, studierte Germanistik, Komparatistik und Theaterwissenschaften. Seit 1992 ist sie als freie Übersetzerin von literarischen Texten ins Deutsche tätig, sie übersetzt vor allem aus dem Spanischen und mitunter aus dem Englischen. Sie hat unter anderem Federico García Lorca, Juan Rulfo, Miguel de Cervantes und Luis Cernuda aus dem Spanischen übersetzt.

AVIVA-Tipp: Fast alle Arbeiten von Laforet drehen sich um ein zentrales Thema: die Konfrontation zwischen dem jugendlichen Idealismus und der Mittelmäßigkeit der Umgebung. Nada bedeutet: Nichts. Der Roman "Nada" ist benannt nach einem Gedicht von Juan Ramón Jimenez. Dieser schreibt: "Wir spüren Bitteres hier und da, schalen Geruch, bald wehes Licht, bald einen Ton, der uns nicht behagt, berühren, was uns widersteht, wie feste Wirklichkeit erreicht dies unsere Sinne und erscheint die Wahrheit, die wir nicht erahnt…"

Auffallend ist die frische Prosa, die sehr direkt und mit einer außergewöhnlichen Sensibilität die weibliche Stimme der jungen Andrea wiedergibt. Beim Zuklappen des Buches stellt sich der Eindruck ein, wir würden dieses schmale und traurige Mädchen Andrea, das sich die Realität mit seinem Schauen aneignet, direkt an der nächsten Straßenecke treffen. Andrea ist in sich gekehrt, auf der Suche, ohne zu wissen, was sie sucht. Beeindruckend ist die starke Lebenskraft dieser literarischen Figur. Das Buch gehört zum Lesekanon der modernen spanischen Literatur.


Carmen Laforet
Nada

Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Mit einem Nachwort von Mario Vargas Llosa
Broschur, 313 Seiten
10,99 Euro [D] / 11,40 Euro [A]
Suhrkamp Verlag, erschienen am 24.10.2015
ISBN: 978-3-518-46633-9
Auch als ebook erhältlich
www.suhrkamp.de


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Literatur

Beitrag vom 26.09.2016

Yvonne de Andrés 






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