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AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 19.10.2015


Elena Gorokhova - Russisches Tattoo. Ein Memoir
Helga Egetenmeier

In den Anfangszeiten des Kalten Krieges geboren und 1980 zum "Klassenfeind" ausgewandert, schildert die Autorin humorvoll-kurzweilig ihre Lebensgeschichte zwischen der Sowjetunion und den USA und...




... verknüpft dies mit den zwei einflussreichsten Frauen in ihrem Leben, ihrer Mutter und ihrer Tochter.

Elena Gorokhova wuchs in der russischen Mittelschicht der 1960 bis -70er Jahre auf und kennt dadurch sowohl das übliche Schlangestehen um Lebensmittel, als auch die Möglichkeiten, die eine Anatomieprofessorin und angesehenes Parteimitglied als Mutter und ein Direktor einer Technischen Hochschule als Vater ihrem Kind bieten konnten. Bereits im Alter von zehn Jahren traf sie eine rebellische Entscheidung, indem sie die englische Sprache erlernte und später auch studierte.

Ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen in Leningrad (seit 1991 wieder Sankt Petersburg) bis zur Ausreise in die USA verarbeitete sie bereits in ihrem ersten Buch "Goodbye Leningrad". Den Anstoß dafür gab die Teilnahme an einem Memoir-Workshop bei dem Pulitzer-Preisträger Frank McCourt im Jahr 2004. Durch den für sein ausgezeichnetes und später verfilmtes Werk "Die Asche meiner Mutter" bekannten Autor, lernte sie einen naiv-distanzierten bis ins tragikomische gehenden Schreibstil kennen.

Diese Ausdrucksform behält sie auch in ihrem aktuellen Buch "Russisches Tattoo" bei, in dem sie ihre Lebensgeschichte von 1980 bis heute weiterschreibt als "A story of a stranger in a strange land". Ihr Start in den USA beginnt mit einer Ehe, die sie noch in Leningrad einging, weder wissend, was mit ihrem Mann noch mit diesem Land auf sie zukommen würde. Ihre fehlenden Kenntnisse über den amerikanischen Alltag bringt die aus einer Mangelwirtschaft kommende Autorin mit unterhaltsamen Beispielen ein, wie die eines gut sortierten Schuhladens, der sie, die nicht einmal ihre Schuhgröße kennt, vollkommen überfordert.

Nachdem Lenas erste Ehe schnell an bleibender Fremdheit zerbricht, stabilisiert sich mit der nächsten Heirat auch ihr amerikanisches Leben. Sie promoviert über Sprachvermittlung, etabliert sich im akademischen Bürgertum und bringt eine Tochter zur Welt. Als Unterstützung zieht die frischgebackene Großmutter aus ihrer russischen Heimat zu der kleinen Familie. Damit beginnt eine weitere Lebensphase und Erzählebene für die Autorin, in der sie sich im Spannungsverhältnis zwischen den Identitäten ihrer Mutter und ihrer Tochter wiederfindet.

So unterhaltsam die subjektive Ausdrucksform Leichtigkeit in ihre Autobiografie bringt, so sehr lässt diese unbedarft erscheinende Herangehensweise sozio-kulturelle Reflektionen und die Hinterfragung von Geschlechterrollen vermissen. Manchmal bahnt sich jedoch auch ein bitterer Ton den Weg: "Ich habe keine Verbindung zu meiner Tochter, so wie ich nie eine Verbindung zu meiner Mutter hatte. Wir sprechen verschiedene Sprachen: Mama kann kein Englisch, und Sascha kann kein Russisch, und alles nur weil es mir nicht gelungen ist, es ihnen beizubringen."

Für einen differenzierten politischen Blick auf gesellschaftliche Zustände ist Gorokhovas verträglicher Schreibstil nicht ausgelegt. Dafür gibt es kritischere Autorinnen, wie die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und die weltweit übersetzte Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie. Dennoch hat sich die Autorin mit ihrem Memoir an ihre persönlichen Grenzen begeben und dabei ihre Familie behutsam einbezogen.

AVIVA-Tipp: Mit dieser humorvoll-distanzierten Autobiografie über das Ankommen in einer für sie fremden Gesellschaft und die weiterhin wirkenden Familienbande reflektiert die Autorin nach 30 Jahren die Folgen ihrer Ausbruchsentscheidung. Nur auf ihre persönlichen Erfahrungen fokussierend, umgeht Elena Gorokhova damit eine Auseinandersetzung mit dem politischen Kontext, was ihrem Buch eine naive Leichtigkeit beschert.

Zur Autorin: Elena Gorokhova wurde 1955 in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, geboren und studierte Englisch an der Staatlichen Universität in Leningrad, bevor sie 1980 die Sowjetunion verließ. In den USA promovierte sie über Sprachvermittlung, unterrichtete an verschiedenen Colleges Englisch als Zweitsprache, Linguistik und Russisch und lebt jetzt in New Jersey.
Die Autorin im Netz: www.elenagorokhova.com

Zur Übersetzerin: Saskia Bontjes van Beek studierte Romanistik und Kunstgeschichte in Hamburg und Paris und übersetzte bereits das erste Buch der Autorin. Unter anderem hat sie auch Colette, Margret Forster sowie Getrude Stein ins Deutsche übertragen.

Elena Gorokhova
Russisches Tattoo

Originaltitel: A Russian Tattoo. A Memoir
Übersetzerin: Saskia Bontjes van Beek
dtv, erschienen August 2015
Taschenbuch, 432 Seiten
ISBN-13: 978-3423260688
16,90 Euro
www.dtv.de

Elena Gorokhova
Goodbye Leningrad: Ein Memoir

Originaltitel: A Mountain of Crumbs. A Memoir
Übersetzerin: Saskia Bontjes van Beek
dtv, Dezember 2013
Taschenbuch, 432 Seiten
ISBN-13: 978-3423142731
9,90 Euro
www.dtv.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Swetlana Alexijewitsch - "Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus". Ein differenzierter Überblick über die Lebenssituation in den ehemaligen Sowjetrepubliken durch die Literatur-Nobelpreisträgerin 2015.
Rezension von Doris Hermanns, Februar 2015

Swetlana Alexijewitsch - "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht". Im Zweiten Weltkrieg kämpften ca. 1 Millionen Frauen in der Roten Armee. Ihre Erlebnisse wurden von der russischen Geschichtsschreibung ignoriert, da sie ein anderes Bild vom Krieg zeichneten. Die Autorin hat diesen Frauen in ihrem Buch eine Stimme verliehen.
Rezension von Christiane Sanaa, Juni 2005

"Americanah" von Chimamanda Ngozi Adichie, beschreibt klug und gewitzt das Leben einer Nigerianerin in den USA aus der Sicht der Bloggerin Ifemulu.
Rezension von Bärbel Gerdes, Juni 2014




Literatur

Beitrag vom 19.10.2015

Helga Egetenmeier 






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