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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 30.03.2015


Ingrid Galster - Simone de Beauvoir und der Feminismus
Philippa Schindler

25 Jahre forschte die Romanistin zum Leben und Werk von Simone de Beauvoir. Ihre dabei entstandenen Aufsätze und Reden machen klar: Die Werke der französischen Feministin sind auch heute aktuell.




Als Simone de Beauvoir am 14. April 1986 stirbt, wird sie in der Pariser Presse gewürdigt als Vorkämpferin des Feminismus, als Partnerin Sartres, als Linksintellektuelle und als Schriftstellerin – und zwar der Bedeutung nach in dieser Reihenfolge. Es sind die vier Rollen von Simone de Beauvoir, in einem Leben, das ganz und gar atypisch für eine Frau der französischen Bourgeoisie verläuft. Mit ihrem Werk zeigt sie Perspektiven der feministischen Emanzipation auf und gibt damit Tausenden von Frauen ein Gefühl ihrer Würde als Menschen.

Ingrid Galster, Professorin der Romanistik an der Universität Paderborn, beschäftigt sich seit 25 Jahren fast ununterbrochen mit Simone de Beauvoir und der Frauenbefreiungsbewegung. Ihre dabei entstandenen Texte – Artikel, Reden und Beiträge für Sammelbände - veröffentlicht im Januar 2015 der Argument Verlag in einer locker aneinandergereihten Sammlung. Es ist Nachruf, Würdigung und kritische Rezeption in Einem.

"Das andere Geschlecht": Fundament des egalitären Feminismus

Von Zweite-Welle-FeministInnen wurde Simone de Beauvoir vor allem wegen ihrer 1949 erschienenen Studie zur "Lage der Frau" geschätzt, auch bekannt unter dem Titel "Das andere Geschlecht". Die konkreten Auswirkungen, die das Buch auf die Feminismusdebatte und das damalige gesellschaftliche Leben hatte war immens. Nicht zu Unrecht äußert Romanistin Ingrid Galster jedoch die Beobachtung, dass es eigentlich sehr wenig gelesen worden ist und sich für viele auf den vielleicht meistzitierten Satz der gesamten feministischen Literatur reduziert: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht."

"Relire Beauvoir, sechzig Jahre später"

Wie Ingrid Galster jedoch zeigt, ist die Lektüre von Beauvoirs Studie auch heute noch durchaus lohnenswert. Und tatsächlich greift Beauvoir als eine der Ersten Ansätze der intersektionalen Debatte – also den Einbezug von Differenzen wie race und Klasse - in ihren feministischen Überlegungen auf: Zum Beispiel wenn sie unterscheidet, welche Möglichkeiten bei einer ungewollten Schwangerschaft die Frauen in begünstigten Kreisen gegenüber Angestellten, Sekretärinnen oder Arbeiterinnen haben.

Beauvoir und Sartre, das intellektuelle Liebespaar des 20. Jahrhunderts

Auch Beauvoirs Beziehung zu Jean-Paul Sartre thematisiert Ingrid Galster in ihren Aufsätzen. Bis heute wird die lebenslang andauernde Liaison der beiden Intellektuellen ganz unterschiedlich bewertet: Von einigen als durch und durch patriarchal hinter der Fassade einer linksalternativen Aufgeklärtheit, von anderen als Idealbild einer Beziehung gegenseitiger Freiheit und Anteilnahme. In ihrem Buch verwehrt sich die Wissenschaftlerin Ingrid Galster einem endgültigen Urteil und stellt statt dessen fest: Beauvoir und Sartre übersetzten als PhilosophInnen zusammen ihre Erfahrung unterschiedlicher Sozialisation und waren daher vor allem eines: "ihr eigenes Versuchslabor".

Plädoyer für eine kritische Edition

Mit ihrer Textsammlung versucht Ingrid Galster die französische Philosophin selbst zu befreien – und zwar von ihrem Ruf als "altes Eisen", so bezeichnet es die Autorin in ihrer Rede für ein Freiburger Kolloquium. Ihr gelingt dies, indem sie die Aktualität von Beauvoirs Werk betont und vor allem zeigt, wie grundlegend die gegenwärtige Geschlechterforschung auf dem geistigen Erbe Beauvoirs aufbaut. Umso mehr, findet Galster, wäre eine kritische Edition heute angebracht – eine Re-Lektüre von "Das andere Geschlecht", in der auch Werknotizen, Anmerkungen und Varianten zur Entdeckung der Geschichte "hinter dem Text" einbezogen werden.

AVIVA-Tipp: Ihr Buch "Das andere Geschlecht" ist das kapitale Werk des Feminismus, ihre Stimme war eine der wichtigsten Organe der Frauenbewegung. In langjähriger Forschungsarbeit gelingt es der Romanistin Ingrid Galster hinter die Superlative zu blicken, mit der Simone de Beauvoirs Leben und Schaffen beschrieben wurde. Ihre Ergebnisse sind nun zusammengefasst in einer klugen und analytischen Textsammlung.

Zur Autorin: Ingrid Galster ist Professorin i.R. für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn. Sie hat als Autorin bzw. Herausgeberin unter anderem drei Bücher zu Simone de Beauvoir und sechs Bücher zu Jean-Paul Sartre bei französischen Verlagen publiziert. (Quelle: Argument Verlag)
Zur Internetseite der Autorin

Ingrid Galster
Simone de Beauvoir und der Feminismus

Argument Verlag, erschienen im Januar 2015
Broschiert, 272 Seiten
ISBN: 978-3-86754-501-3
18,00 Euro
www.argument.de

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Philippa Schindler 






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