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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 17.02.2015


Berlinde de Bruyckere, herausgegeben von Angela Mengoni
Teresa Lunz

Historische Bezüge, Darstellungen des menschlichen Befindens, der Verzweiflung an der Gesellschaft und sich selbst – und dann doch Hoffnung auf den Neubeginn. Berlinde de Bruyckeres Werk ist...




... Herausforderung und Fundgrube zugleich für Kunstlieberhaber_innen.

Facettenreichtum eines Gesamtwerks

Der Band vereinigt Aquarelle, Bleistiftzeichnungen, Fotografien und Skulpturen, zu deren Herstellung beispielsweise Wachs, Holz, Stoff, Polyester, Harz, Eisen und Leinen verwendet wurden. Die dargebotene Thematik ist so vielseitig und ambitioniert, dass eine Rezension sie nur schlaglichtartig beleuchten kann. Viele Skulpturen der belgischen Künstlerin besitzen durch die Reinheit ihrer Formen Anklänge an die Kunst der Renaissance und Antike. Die Zeichnungen wiederum versuchen, menschliche Zustände sichtbar zu machen, die im realen Alltagsgeschehen unwahrnehmbar bleiben – außer von den Betroffenen.

"Um etwas wahrzunehmen, das in Echtzeit unsichtbar ist, wird die individuelle Zeichnung zum Bild eines in einem bestimmten Moment eingefrorenen emotionalen Ereignisses."

Die Bilder und Plastiken offenbaren immer wieder die starke Faszination der Künstlerin für den menschlichen Körper und die menschlichen Organe. Die Menschen werden anonymisiert dargestellt, nicht als Persönlichkeiten, oft verhüllt oder in sich zusammengefallen. Ihnen fehlen typische Attribute, die zur Wiedererkennung führen.

Dem Werk von Berlinde de Bruyckere wohnt eine Idee des Körpers inne, der es gelingt, seine Bedingung der Verwundbarkeit und sein Gewaltpotenzial zusammenzuhalten. Die Darstellungen deuten das menschliche Potenzial, Gewalt zuzufügen an, aber auch die dem Menschen ständig lauernde Gefahr der Verwundung. Vielfach begegnen den Betrachter_innen bandagierte Köper, die die Frage aufwerfen: Ist die Bandage als Zusammenhalt oder als Fessel zu verstehen? Alle Einzelbilder lassen sich als Teil einer Serie begreifen, zeigen keinen abgeschlossenen Prozess, keinen Seinszustand. Sie sind kein Todessymbol, sondern Metamorphosen.
"Die Naturgeschichte hat ihre Katastrophen, doch das Genre der Tragödie ist ihr fremd. Schließlich geht es um die Möglichkeit, sich neuen Wirklichkeiten wieder zu öffnen", selbst noch im Moment des Zusammenbruchs.
Eine weitere wiederkehrende Thematik ist die Figur Christi, zentral die Momente der Kreuzigung, wie in Jelle Luipaard (2004), und die Darstellung der Pietà.

Umgang mit dem historischen Erbe

De Bruyckere entscheidet sich für eine Kunstrichtung, die sich bemüht, das Unsagbare und Undarstellbare zumindest anzudeuten, im Ansatz erfahrbar zu machen. Demgemäß porträtiert sie auch die Frau, so in den Arbeiten C. Rybroeck (1997) und V. Eeman (1999): Von Decken großteils verhüllt, als ein nicht festgeschriebenes Wesen. Ebenso durch Decken vor allzu offener Sicht geschützt sind ein unterernährtes dunkelhäutiges Kind, die Hütten einer Flüchtlingsunterkunft, eine mit der Burka Verhüllte und ein von Trauernden umgebener Leichnam.

Es sind Bilder, die die Überzeugung verdeutlichen, Kunst könne menschliches Leid, kulturell bedingte und persönliche Extremsituationen, kurz gesagt, das Grauen auf der Welt intensiver erfahrbar machen als Medienberichte. Diese werden doch immer nur flüchtig rezipiert, im Alltag laufen sie Gefahr unterzugehen. Ein Kunstwerk zwingt zur dezidierten Betrachtung und fordert eigene Überlegungen heraus.
"Die Arbeit an der Form, die Preisgabe der Figur erschließen Bereiche des Potenziellen als einem Spannungsfeld, das mit dem Unsagbaren, dem Unzeigbaren in dieser Erfahrung aufladbar ist. Darin- und nicht in der bloßen thematischen Bezugnahme – ist ihr Ansatz zutiefst politisch und genuin historisch."

Über die Kunst nähert sich de Bruyckere der Frage, auf welchem Weg solches Leid darzustellen ist, wie es etwa in Hiroshima erlebt wurde, ohne überhaupt vor Ort gewesen zu sein. Immer liegt die Überlegung nahe, ob es nicht vermessen ist, eine Vorstellung, die sich auf reine Imagination und Berichte aus dritter Hand stützt, entwickeln zu wollen. Daher geben de Bruyckeres Bilder und Skulpturen nicht vor , unmittelbares Zeugnis zu sein, das Geschehen zu dokumentieren. Sie verstehen sich als Anregung, weiterzudenken. Eine plastische Präsentation von verrenkt liegenden Pferdekadavern wird dabei etwa zur Metapher auf das Kriegselend. So gelingt eine unerschrockene und dennoch verantwortungsbewusste historische und kulturelle Zeugenschaft.

Einladung zum Weiterdenken

Der Band wird komplettiert durch fünf kommentierende Beiträge, denen die hier aufgeführten Zitate entstammen, darunter einen der Herausgeberin selbst. Außerdem umfasst er eine vollständige Werkliste und ein Ausstellungsverzeichnis zu Berlinde de Bruyckere.

Das vielschichtige Werk, dessen Entstehung auf ein Vierteljahrhundert künstlerische Tätigkeit zurückgeht, verlangt von jedem_r Betrachter_in geduldige Einarbeitung und das Vermögen, sich tief auf die Formen der Darstellung und Vorstellung einzulassen. Die Annäherung an de Bruyckeres Schaffen ist auch eine philosophische und assoziative Leistung, zumal die Künstlerin ihre Bilder lediglich betitelt, sonst aber der freien Interpretation der Betrachter_innen überlässt.
2013 bespielte Berlinde de Bruyckere den belgischen Pavillon auf der Biennale in Venedig mit ihrer Installation "Kreupelhout".
Vom 28. Februar bis zum 31. Mai 2015 ist ihr Werk nun im Gemeentemuseum in Den Haag ausgestellt. Mehr Infos unter: www.gemeentemuseum.nl

AVIVA-Tipp: Dieser Kunstband liefert ein ganzes Panorama an Ideen und Genres, alle aus der Hand einer einzigen Frau. Er ist eine Bereicherung für jede_n Kunstlieberhaber_in und alle, die das Spezielle und Schöpferische in der modernen Kunst suchen.

Eine Übersicht zu Biographie und Werk Berlinde de Bruyckeres unter: www.hauserwirth.com


Berlinde de Bruyckere
Herausgegeben von Angela Mengoni

Hirmerverlag, erschienen 2014
Gebunden, 304 Seiten
ISBN 978-3-7774-2252-7
69,00 Euro
www.hirmerverlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die flämische Malerin Rita de Muynck





Literatur

Beitrag vom 17.02.2015

AVIVA-Redaktion 






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