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AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 28.04.2014


Alison Bechdel - Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama
Bärbel Gerdes

Im zweiten Band ihrer Familiengeschichte zeichnet Bechdel die Beziehung zu ihrer Mutter auf. Unterstützt von Weltliteratur, lesbischer Liebe und Psychoanalyse versucht sie, sich mit ihr auszusöhnen.




Die Graphic Novel hat es nicht leicht in Deutschland, das so gerne in U- und E-Literatur unterscheidet. Die Autorin von Fun Home jedoch, dem ersten Teil ihrer komplizierten und dramatischen Familiengeschichte, hat selbst hierzulande die Kritiker_innen der Feuilletons überzeugt, als das Buch 2008 in Deutschland erschien: sie waren einhellig begeistert. In ihm spielt der Vater eine wichtige Rolle, der von einem LKW überfahren wurde, als Alison Bechdel 19 Jahre alt war. Ein Unfall? Selbstmord? Nach und nach erfährt die Autorin von der Homosexualität ihres Vaters.

In ihrem zweiten Band, Wer ist hier die Mutter, verarbeitet Bechdel die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter. Eine Leitfigur beim Schreiben und Zeichnen des Buches wird ihr Virginia Woolf, die in ihrem Roman Zum Leuchtturm wiederum ihrer Mutter ein Andenken setzte und sie dadurch für sich "zur letzten Ruhe" bettete.

Als Grundlage ihrer Spurensuche dienen der Künstlerin ihre eigenen sowie die Tagebücher ihrer Mutter, Briefe und Gespräche.

Zahlreiche Schwierigkeiten tun sich auf. "Ich kann dieses Buch wohl nicht schreiben, wenn ich sie nicht aus dem Kopf kriege. Aber ich kriege sie nur aus dem Kopf, wenn ich dieses Buch schreibe." Problematisch ist zudem, "...dass die Geschichte mit meiner Mutter weitergeht, während ich schreibe."

Diese Graphic Novel stellt Alison Bechdel selbst noch stärker in den Vordergrund als der erste Teil. Ihr Leben lang kämpft sie um die Anerkennung und Wahrnehmung ihrer Mutter. Als Kind diktiert sie ihr ihr Tagebuch und genießt deren ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie liebt es, "Krüppelkind" zu spielen – ein Spiel, bei dem sie eine körperliche Beeinträchtigung vortäuscht und an das ihre Mutter gerne teilnimmt.

Seit ihrem Erwachsenenalter befindet sich die Autorin in Therapie. Als ihre Therapeutin sich zur Psychoanalytikerin ausbilden lässt, geht Bechdel diesen Weg mit, der für sie eine Rettung darstellt. In jahrelangem Ringen geht sie Schritt für Schritt voran, setzt sich mit sich, aber auch mit der Psychoanalyse als solche auseinander.

Die Begeisterung für die Analyse färbt direkt auf den Text ab: jede Alltagsbegebenheit wird analysiert und interpretiert, und dies nimmt dem Buch oft die Unmittelbarkeit ihres Erstlings.

Lange Auslassungen über die Theorien des Kinderarztes und Psychoanalytikers Donald W. Winnicott machen den Text manches Mal zähflüssig und die Handlung unübersichtlich. Auch wenn der Kampf um die Anerkennung ihrer Mutter, die wunderbar dargestellten Partnerinnen und die eigene Verzweiflung der Autorin grandios ins Bild gesetzt wird, wirkt der ständige Hinweis auf die Psychoanalyse und ihrer Interpretationen überzeichnet.

Auch in diesem Band setzt Alison Bechdel, die 1960 in Pennsylvania geboren wurde, Text und Bild genial zusammen. Hier sind die Stärken dieses Genres zu sehen:
die Zeichnungen zielen rasant und direkt in das Gefühl der Betrachterin – ein kurzer Satz, eine Geste, ein Blick genügen, um komplexeste Sachverhalte direkt erfahrbar zu machen.

Die Darstellung ihrer Liebesbeziehungen, besonders aber das Zeitkolorit – Begegnungen mit der lesbisch-feministischen Dichterin Adrienne Rich, frauenpolitische Kämpfe, die Geliebte, die nach Nicaragua zur Kaffeeernte abreisen möchte – sorgen dafür, dass der Band, bei all seiner inhaltlichen Schwere, dennoch witzig und unterhaltsam ist und sich die frauenpolitisch aktive Lesbe der Siebziger und Achtziger Jahre lächelnd darin wiederfinden kann.

Und so schafft es die Verfasserin eindrucksvoll, ihre Kindheitsgeschichte mit all den Spannungen, dem Übersehenwerden, dem Nichtverstehen vollständig darzustellen und das Bildnis einer Familie von Gezeichneten, so der Untertitel des ersten Buches, zu entwerfen.

AVIVA-Tipp: Alison Bechdel verwandelt ihre Familiengeschichte in wunderbar zu lesende und zu betrachtende Bücher. Die Entdeckerinnen-Lust, sowohl in Hinblick auf die Zeichnungen, als auch auf die eigene Familiengeschichte, wird von ihr angefacht und befeuert.


Zur Autorin: Alison Bechdel, 1960 in Pennsylvania geboren, wurde bekannt durch die Comicserie Dykes to Watch Out For, die in mehr als fünfzig Zeitschriften erscheinen. Ihre erste Graphic Novel Fun Home gewann den Eisner Award und wurde vom Time Magazine als Buch des Jahres gekürt.
Mehr Infos unter: dykestowatchoutfor.com

Zu den Übersetzer_innen:

Thomas Pletzinger
, 1975 in Münster geboren, lebt als Autor und Übersetzer in Berlin.

Tobias Schnettler, geboren 1976, studierte in Hamburg Amerikanistik und lebt als freier Übersetzer in Frankfurt am Main,

Alison Bechdel
Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama

Aus dem Englischen von Thomas Pletzinger und Tobias Schnettler
Originaltitel: Are you my mother? A comic drama
Kiepenheuer & Witsch, erschienen 2014
286 S.
ISBN 978-3-462-04618-2
22.99 Euro




Literatur

Beitrag vom 28.04.2014

Bärbel Gerdes 






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