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AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 03.09.2013


Anja Jensen - Tatort
Britta Meyer

Dämmerlicht oder nächtliche Himmel liegen über Szenarien, die nur auf den ersten Blick alltäglich wirken. Etwas geht hier vor, das die Betrachtenden nicht sehen sollen – ganz bestimmt nichts Gutes.




Blau ist die dominierende Farbe in Anja Jensens verstörend-schönen Bildern – das Graublau des Meeres, grünlich-blaue Gräser in der Nacht, bläulicher Widerschein auf rauen Steinmauern und jede Schattierung des Himmels über ihren kunstvoll in Szene gesetzten Arrangements. Aus den in unwirklich verschwommenes Licht getauchten Settings stechen einzelne, grell angestrahlte Punkte heraus: Personen, die hier fehl Platze wirken, die seltsamen Tätigkeiten nachgehen und aus dem Kegel des Scheinwerfers heraus ertappt und erschrocken in die Kamera schauen.

Überwachungsszenarien und Beobachtung sind die Themen, denen Jensens Arbeiten sich seit 2001 widmen. In sorgfältig komponierten, cineastisch wirkenden Szenen macht sie die ZuschauerInnen zu VoyeurInnen von Situationen, in denen sie nicht erwünscht sind – sei es in der Großstadt, am Strand einer Nordseeinsel, im Wald oder mitten auf der nächtlichen Heide.

Zwielichtige Orte und dubiose Gestalten

Was macht der junge Mann mit dem Fernglas und der Taschenlampe hinter dem Stacheldrahtzaun? Hat die Frau, die unbeteiligt vor dem Waldbrand steht, das Feuer selbst gelegt? Was versenkt der alte Mann da im Sumpf - oder zieht er gerade etwas aus dem Wasser? Was planen die Leute, die nachts vor der gotischen Kathedrale die Köpfe zusammen stecken? Ist die Gestalt, die neben dem erleuchteten Swimmingpool flach auf dem Bauch liegt, am Leben?

Keine erklärenden Bildunterschriften, das Gefühl leicht verschobener Realität, unheimliche Unstimmigkeiten im Gesamtbild und beunruhigend ausgeleuchtete Hell-Dunkel-Kontraste erzeugen zusammen schleichend den Eindruck, sich in einem Filmstill zu befinden. Hier werden Geschichten nicht erzählt, sondern immer partiell angerissen – und die Betrachtenden fühlen sich selbst beim Spionieren erwischt.

Jensen, die von 1996 bis 2001 vor allem Überwachungsanlagen fotografierte und das Motiv der Beobachtung bereits in ihrem Bildband "It`s for Security" von 2004 verfolgte, versammelt nun in "Tatort" die Arbeiten der letzten zehn Jahre, die größtenteils auf den Inseln Amrum und Föhr entstanden. Strand- und Hafenmotive wechseln sich mit betonlastigen Szenen aus den ärmeren Vierteln verschiedener Metropolen Europas, Südamerikas und Chinas ab. Die Sonne scheint hier nirgendwo. Zwielicht und bedrohliche Gewitterhimmel tauchen alles in düstere Farben, aus denen nur die ProtagonistInnen hell hervortreten – wobei Jensen ihre Bilder nicht im Nachhinein digital bearbeitet. Die Effekte entstehen allein durch präzise gewählte Beleuchtung.

AVIVA-Tipp: Jedes dieser Fotos kann eine Unzahl von Geschichten erzählen. So oder ähnlich muss es im Kopf von David Lynch aussehen, wenn er gerade auf einer Nordseeinsel Hitchcock´s "Fenster zum Hof" gesehen hat. Gruselig schön.

Zur Künstlerin: Anja Jensen, geboren 1966 in Gehrden, hat Kunstgeschichte und Malerei in Mainz, Kiel, Münster und Paris studiert und hatte 1999 ihre erste Solo-Ausstellung "Tiger" in Münster. Sie gewann für ihre Arbeiten den "Prize Winner" (2000) und den "Competition Winner" 2004 und 2005.


Anja Jensen
Tatort

Kehrer Verlag, 2013
Texte: Ludwig Seyfarth, Thorsten Sadowsky
Festeinband, 28,5 x 24,0 cm
128 Seiten, 54 Farbabbildungen
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-388-4
39,90,- Euro
www.artbooksheidelberg.de


Weitere Informationen unter:

Video: "Schön unheimlich. Die Tatorte der Münsteraner Fotokünstlerin Anja Jensen" WDR, 25.06.2013

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Beitrag vom 03.09.2013

Britta Meyer 






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