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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 13.05.2013


Astrid Wenke - Eine Milliarde für Süderlenau
Gertrud Lehnert

Viel Geld steht auf dem Spiel – für eine ganze Kleinstadt und alle ihrer BewohnerInnen. Margot Krause, die den Ort als junge Frau verlassen hat und mit Sex-Shops und Bordellen reich geworden ist...




... kehrt als alte Dame zurück und bietet – ohne zunächst erkennbaren Grund – ihrer Geburtsstadt eine Milliarde an.

Sofort haben alle – Institutionen wie Individuen – eine Idee, wie das Geld verwendet werden sollte. Und alle wollen das Geld unbedingt für ihre Projekte haben: für die Bildung, für den Ausbau der Wirtschaft, für die Kunst ... Der so plötzlich ausgebrochenen betriebsamen Gier setzt Frau Krause ihren eigenen Vorschlag entgegen: alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt sollen von ihrer Spende profitieren, indem sie fünf Jahre lang 1000 Euro Grundeinkommen erhalten. Alle, bedingungslos.

Nun bricht der Aufruhr erst richtig los. Wollen wir das? Was für Folgen würde das haben? Vor allem wenn in Reaktion darauf der umstrittene Hauptarbeitgeber der Stadt, die Firma Novacrem, ihren Standort anderswohin verlegen würde? Was wäre nach Ablauf der fünf Jahre? Mindestlöhne, der Wert von Arbeit, das Recht des Individuums auf Arbeit und/oder freie Entfaltung ... das und vieles mehr bewegt die ganze Stadt.

Und mitten drin steht die Erzählerin, Katharina, eine sehr eigene und eigenbrötlerische Musiklehrerin, die viel lieber Komponistin wäre und keinerlei Interesse an Politik hat. Aber sie kann sich der allgemeinen Aufregung nicht entziehen, zumal Margot Krause ein unerklärliches Interesse an ihr hat und sie selbst nur zu glücklich wäre, wenn sie ihren ungeliebten Job mit den anstrengenden Grundschulkindern aufgeben und sich ganz der Musik widmen könnte.

Überhaupt ist ihr Leben gerade aufregender, als ihr lieb ist. Ihre neue Affäre möchte mehr und Katharina, die sich bisher nie auf eine Beziehung einlassen konnte, muss sich überlegen, wie sie damit umgeht. Ihre wenigen Freundinnen und Freunde nehmen aktiv an den Debatten um das Grundeinkommen teil und nötigen auch sie zu andauernden Stellungnahmen, obwohl sich Katharina gar nicht festlegen will. Dann muss sie auch noch feststellen, dass ihre eigene Vergangenheit sie sowohl mit der umstrittenen Firma Novacrem als auch mit Margot Krause enger verbandelt, als ihr lieb ist.

Vieles bekommt in dieser Zeit ein anderes Gesicht. Das Angebot Krauses weckt in vielen Menschen Egoismus und Gier, andere entwickeln aufregende Initiativen im Interesse aller. Aber niemand kann sich dem entziehen, was die Stadt bewegt.

Im zweiten Teil des Romans nehmen die Debatten um Grundeinkommen und soziale Gerechtigkeit allerdings ein wenig zu viel Raum ein und lassen die eigentliche Handlung streckenweise verblassen. Die Beziehungen zwischen Menschen werden zunehmend im Hinblick auf diese Themen funktionalisiert. In gewisser Weise ist das konsequent, denn schließlich kann mensch auch sagen, dass es genau darum geht: Wie zeigen sich Menschen in extremen Situationen?

AVIVA-Tipp: Astrid Wenke findet in ihrem Erstlingsroman verblüffende, oft poetische Wendungen, die ihren eigenen Zauber entfalten. Ihr gelingt eine lebendige Heldin – mit aller Gespaltenheit zwischen Rückzug und Offenheit, Kunst und Leben, Liebe, Freundschaft und Einsamkeit, Unentschiedenheit und der Notwendigkeit, Stellung zu beziehen. Katharina muss einige Erkenntnisse über sich selbst und andere verkraften, und sie muss ihr Leben ändern – das überzeugt.

Zur Autorin: Astrid Wenke, geboren 1961, ist mit Wind, Regen und dem weiten Blick über die Endmoränenlandschaft Schleswig-Holsteins aufgewachsen. Seit sie eingesehen hat, dass ein Großteil ihres Lebens der Existenzsicherung geweiht ist, experimentiert sie mit Erwerbstätigkeiten, die mit ihrem Freiheitsdrang und dem Wunsch, sinnstiftend tätig zu sein, vereinbar sind – Schreiben zum Beispiel oder Taxifahren. Seit zehn Jahren verdient sie den Großteil ihres Unterhalts als Lebenskundelehrerin und vermittelt Grundschulkindern die humanistische Weltanschauung. Astrid Wenke lebt im Berliner Wedding. "Eine Milliarde für Süderlenau" ist ihr erster Roman.

Astrid Wenke
Eine Milliarde für Süderlenau

208 Seiten, Klappenbroschur
Preis: 16,90 Euro
ISBN 978-3-930041-89-3
Verlag Krug & Schadenberg, erschienen 2013
www.krugschadenberg.de


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