Nathan Englander - Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden. Stories - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 13.12.2012


Nathan Englander - Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden. Stories
Sigrid Brinkmann

In seiner Kindheit und Jugend gab es für den 1970 auf Long Island geborenen Nathan Englander nichts außer Thorastudium, Vorabendserien und Actionfilme mit Arnold Schwarzenegger und Sylvester ...




... Stallone.

Gelegentlich versuchte seine aus dem Reformjudentum kommende Mutter, die erst durch die Heirat zum ultra-orthodoxen Glauben fand, ihren Kindern Respekt vor der Kunst in all ihren Formen mitzugeben. Rückblickend, sagt Englander, hatte dies etwas Subversives und langfristig gesehen etwas Lebensrettendes. Literatur wurde für ihn so wichtig wie Nahrung und Licht.

Ausgerechnet in Jerusalem, wo Englander Anfang der neunziger Jahre jüdische Geschichte studierte, traf er die Entscheidung, weltlich zu leben. Er begann Geschichten zu schreiben, die um die Zwänge kreisen, denen sich fromme Juden fraglos unterordnen und konnte dabei auf die Mithilfe seiner Schwester rechnen, die ihn bis heute zuverlässig mit literaturtauglichen Anekdoten aus dem ultra-orthodoxen Milieu versorgt. Als Nathan Englander 1999 mit dem Erzählband "Zur Linderung unerträglichen Verlangens" debütierte, lebte er schon in Argentinien und arbeitete an dem umfassenden Epos "Das Ministerium für besondere Fälle". Abgeschlossen hat er den Roman nach acht Jahren in New York. Und dort erschien auch seine 2012 mit dem renommierten Frank O´Connor-Preis ausgezeichnete Kurzgeschichtensammlung "Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden". Sie beweist aufs Neue, Englanders Talent, Gewissensfragen mit Witz und argumentativer Schärfe zu verhandeln.

Die Titelgeschichte zitiert ein Spiel, in das seine Schwester ihn und den Bruder häufig gezogen hatte, als sie noch klein waren. Einer musste sich beim Anne-Frank-Spiel in die Position eines Nichtjuden einfühlen und die anderen entschieden dann, ob sie ihm glauben, dass er Juden bei Gefahr verstecken würde. Dieses Spiel, so Englander im Rückblick, sei "pathologisch und paranoid", zumal Juden in Amerika eine große Gemeinde bilden und keines seiner Familienmitglieder je einem Krieg ausgesetzt gewesen sei. In der Erzählung aber hält einer seiner moralisch so gefestigt auftretenden Charaktere dem "todernsten Gedankenexperiment" nicht stand. Die fromme Shoshana, Mutter von zehn Kindern, starrt ihren Mann nur wortlos an, als er sie inständig bittet, ihm abzunehmen, dass er sie unter Lebensgefahr verstecken und retten würde. Auch die anderen Anwesenden bleiben stumm. "Keiner von uns vieren wird sagen, was nicht gesagt werden kann – dass diese Frau glaubt, ihr Mann würde sie nicht verstecken. Was sollen wir tun? Was käme dabei heraus? Und so stehen wir da, wir vier, gefangen in der Speisekammer. Voller Angst, die Tür zu öffnen und herauszulassen, was wir drinnen eingeschlossen haben".

In Nathan Englanders Stories werden souverän behauptete Lebens- und Glaubensgewissheiten häufig im Nu entwertet. Dass seine Geschichten meist im jüdischen Milieu spielen, ist für die Grundkonflikte, die er aufspürt, nicht entscheidend. Wie Leute widerstrebende Positionen mental zusammen zwingen und sie dies in keinerlei Konflikte stürzt, das interessiert ihn. Die Alten sind in Nathan Englanders neuen Geschichten besonders hartherzige Charaktere. Geriatrische Rächer sozusagen. Mitleidlos erzwingen sie mit unschlagbaren Argumenten ihr formales Recht oder erpressen ihr Gegenüber schändlich. Aus Opfern werden selbstgerechte TäterInnen. Zuwendung wird nicht durch Freundlichkeit erworben, sondern eingeklagt. Seine Figuren befinden sich mental und seelisch im Krieg - mit der Natur, mit NachbarInnen, mit politischen Gegnern und den eigenen Kindern.

Richtig sarkastisch wird Englander in der Geschichte "Ewige Nachbarn". Eine alte Siedlerin klagt mit schneidender Kälte ein mündliches Versprechen ein und setzt sich dabei zutiefst ins Unrecht. Seit vierzig Jahren triumphiert die alt gewordene Frau über ein Stück Erde, das im Sechs-Tage-Krieg annektiert worden ist. Nacheinander verliert sie den Mann und drei Söhne. Verbittert vom Leben, erzwingt die Siedlerin "vom alten Schlag" vor einem rabbinischen Gericht die Dienste einer jungen Nachbarstochter. Hier zeigt sich, dass Nathan Englander atemberaubend scharf Argumentationsketten entwickeln kann. Gesetzliche Bestimmungen zu legitimieren oder zu bestreiten, das hat er an der Jeschiva gelernt. Die Härte dieser Geschichte aber habe ihm, als er die letzte Zeile geschrieben hatte, den Schlaf geraubt.

In Amerika und Israel hat sie die LeserInnenschaft denn auch stark polarisiert. Manche erkannten in der Story ein Plädoyer für den Siedlungsbau. Andere fanden, dass sie nur einen Schluss nahelegt: Israel muss sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen, die Siedlungen müssen verschwinden. Nathan Englander gefallen solch widerstrebende Reaktionen, denn sie bestätigen ihn in der Annahme, dass es sich lohnt, anmaßendes Verhalten zu beobachten und Lebenslügen mit sarkastischen Bemerkungen zu quittieren. Worauf er sich ebenso glänzend versteht, ist es, uns tief zu rühren mit Geschichten von Menschen, die sich die eigene Lebensgeschichte bruchstückhaft aneignen müssen.

AVIVA-Tipp: Bei Nathan Englander sind die Geschlagenen fähig, von ihrem eigenen Leid zu abstrahieren, weil sie es sich nicht nehmen lassen wollen, auf der Komplexität von Leben zu bestehen.

Zum Autor: Nathan Englander wurde 1970 in New York geboren und wuchs in einer jüdischen Gemeinde in Long Island auf. Er studierte in Jerusalem und in New York Englische Literatur und Jüdische Geschichte und lebte anschließend einige Zeit in Argentinien und in Israel. Neben dem Schreiben arbeitete er auch als Fotograf und Filmemacher. Nathan Englander ist Autor des Erzählbands "Zur Linderung unerträglichen Verlangens" und des Romans "Das Ministerium für besondere Fälle". Er lebt derzeit in New York. Seine jüngste Erzählsammlung "Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden" wurde von SchriftstellerkollegInnen, KritikerInnen wie LeserInnen begeistert aufgenommen und 2012 mit dem Frank O´Connor Short Story Award ausgezeichnet.
Mehr Infos unter: www.nathanenglander.com

Nathan Englander
Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden. Stories

Originaltitel: What We Talk When We Talk About Anne Frank
Originalverlag: Alfred A. Knopf
Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand Verlag, erschienen 3. September 2012
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 240 Seiten
ISBN: 978-3-630-87399-2
Euro 18,99


Literatur

Beitrag vom 13.12.2012

AVIVA-Redaktion 






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