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Chanukka 5782




AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 08.05.2012


A.M. Homes - Das Ende von Alice
Britta Meyer

Chappy ist ein Pädokrimineller, der für den Mord an einem kleinen Mädchen seit 23 Jahren im Gefängnis sitzt. Er ist es gewohnt, reichlich Post zu bekommen, seit einigen Monaten aber hat er eine...




... besondere Brieffreundin: Eine 19-jährige Studentin erzählt ihm mehr und mehr von ihren eigenen Bemühungen, den zwölfjährigen Nachbarsjungen zu verführen.

Chappy, dessen Bewährung bald ansteht, zeigt sich fasziniert von der namenlos bleibenden jungen Frau und wird bei ihrem "Projekt" bald zum beratenden Mentor. Inmitten der spießigen Kleinstadt, zwischen Dinnerparties und Tennisstunden, stellt es sich als erstaunlich leicht heraus, sich an den Jungen heranzumachen. Sie muss jedoch schnell feststellen, dass kein noch so perfides Machtspielchen mit dem leicht zu manipulierenden Opfer sie in den Augen anderer zu einer ernstzunehmenden Person machen wird. Je mehr Chappy derweil in seiner Zelle von ihren Fortschritten als "Babysitter" liest, desto schneller kommen die verdrängten Erinnerungen an seine eigene Tat in ihm hoch. Selbst er denkt nicht gerne daran, was er in diesem einen Sommer vor langer Zeit mit der zwölfjährigen Alice getan hat...

"Das Ende von Alice" erschien in den USA bereits 1996, war eines der umstrittensten Bücher seines Jahrzehnts und hat es erst jetzt in die deutsche Übersetzung geschafft. Das Schlimme sind nicht die Brechreiz erregenden Beschreibungen jeder erdenklichen Körperfunktion und –öffnung, sondern die gelassene Selbstverständlichkeit, mit der bis ins letzte Detail beschrieben wird, wie Kinder bereitwillig und begeistert Sex mit Erwachsenen haben. Es findet keine Differenzierung statt, die die Opfer auch als solche zeigt. Ein Bruch, der die Lesenden aus der verzerrten Perspektive der TäterInnen herausholt, wenn diese sich in die Vorstellung hineinphantasieren, in den Kindern willige PartnerInnen zu haben, findet nie statt. Die Schilderungen von Chappy`s Kindheit unter der Fuchtel seiner geistesgestörten, sexuell übergriffigen Mutter sind ein ärgerliches Klischee: Wenn ein Mann zum Mörder wird, dann ist immer irgendeine Frau daran schuld, schließlich wäre aus Norman Bates ohne seine böse Mutter auch ein netter Kerl geworden. Die Darstellung der beiden TäterInnen als unglückliche und traumatisierte Personen reicht zur Distanzierung nicht aus und wirkt eher wie eine billige Entschuldigung ihres Verhaltens.

Das Ganze liest sich, als hätte Nabokov "Lolita" mit dem detailversessenen Ekel-Vokabular von "Feuchtgebiete" und dem Mindset eines "American Psycho" überarbeitet. Wenn Sie Humbert Humbert gerne eigenhändig erwürgt hätten oder Ihnen von Patrick Batemans Rasereien schlecht geworden ist, lassen Sie die Finger von diesem Buch.

Zur Autorin: A.M. Homes, geboren 1961 in Washington, D.C., schrieb ihren ersten Roman "Jack" im Alter von 19 Jahren, 1993 wurde er mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihre Werke erscheinen in dreizehn Sprachen, ihre jüngsten Romane sind "Dieses Buch wird Ihr Leben retten" (2007) und "Die Tochter der Geliebten" (2008), eine literarische Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer eigenen Adoption. A. M. Homes lebt in New York City. (Verlagsinformationen)

AVIVA-Fazit: Dieses Buch soll entsetzen, und das tut es auf sehr sprachgewaltige, stilistisch raffinierte Weise auch. Aber welchem Zweck dient es, der über den reinen Schockeffekt hinausgeht? Zu zeigen, dass Kinder sexualisiert, Gewalt erotisch besetzt und die machtgeilen Begierden der Stärkeren zur akzeptablen Normalität erhoben werden? Das wissen allzu viele LeserInnen besser als ihnen lieb ist.

A.M. Homes
Das Ende von Alice

Originaltitel: The End of Alice
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ingo Herzke
Erschienen am 19. April 2012
304 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-462-04381-5
19,99,- Euro
www.kiwi-verlag.de


Weitere Informationen finden Sie unter:

A. M. Homes` Homepage

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Tochter der Geliebten - A.M. Homes

Das Buch der Anderen – Herausgegeben von Zadie Smith




Literatur

Beitrag vom 08.05.2012

Britta Meyer 






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