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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2021 - Beitrag vom 11.10.2007


Ausgeteilt, eingesteckt. Leben mit und ohne Politik
Jule Fischer

Heide Simonis war die erste Ministerpräsidentin Deutschlands und verlor ihr Amt durch den so genannten "Heckenschützen". Über ihr Leben berichtet nun die Gesprächs-Biographie von Erich Maletzke




Heide Simonis war die erste weibliche Ministerpräsidentin in Deutschland – bis ihr an jenem 17. März 2005 ein "Heckenschütze" aus den eigenen Reihen die sicher geglaubte Wiederwahl zur schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin nahm.

Damals sagte sich Heide Simonis "Mit der Politik bin ich fertig!", zog sich aus der aktiven Politik zurück, kehrte auch der SPD den Rücken und stürzte sich in ihre Arbeit bei UNICEF, dessen Vorsitzende sie 2006 wurde.
Trotz ihres Rückzuges ist sie, neben der Kanzlerin, die bekannteste deutsche Politikerin geblieben, was zum einen auf ihr öffentlichkeitswirksames Engagement für UNICEF und zum anderen auf ihren Auftritt bei einer RTL-Tanzshow zurückzuführen ist.

Im zweiten Jahr nach ihrem Ausscheiden aus der Politik gibt es nun eine unterhaltsame Biographie in Gesprächsform über Heide Simonis, die gemeinsam mit dem Journalisten Erich Maletzke entstanden ist.
Ganz bewusst verzichtete Maletzke auf eine herkömmliche Biographie über die unkonventionelle Frau, denn Heide Simonis sei "im Original am besten zu erkennen".

Gewohnt rasant und frech geht es dann auch im Gespräch zu. Über Kindheit und Jugend, über die strenge Mutter, den einfühlsamen Vater und über gescheiterte Versuche, Lehrerin zu werden wird zu Beginn geplaudert. Bei den weiteren Gesprächen in Simonis´ Kieler Wohnung wird der Ton zwischen den Gesprächspartnern zunehmend persönlicher.

Politisch gesehen ist der spannendste Teil des Gesprächs jener über die zermürbende Wahlpleite 2005. Noch in der Probeabstimmung hatte die Wiederwahl Heide Simonis´ als perfekt gegolten. Was dann in der realen Abstimmung geschah, wurde nicht nur die bitterste Niederlage von Heide Simonis, es warf auch ein erschreckendes Bild auf die Politik.
In vier langen Abstimmungen verweigerte der damaligen Ministerpräsidentin eine Person aus den eigenen Reihen die Stimme und besiegelte damit das Ende der rot-grünen Koalition in Schleswig-Holstein.

Nach zwei Jahren, so Heide Simonis heute, sei dieses Kapitel für sie abgehakt.
Ihren Antworten nach zu urteilen, ist diese Kränkung jedoch längst nicht verwunden und schon gar nicht vergessen. Den Namen des vermeintlichen "Heckenschützen" will sie zwar nicht nennen, macht aber deutlich: Sie weiß, wer "er" ist und dass es ein Mann aus den eigenen Reihen der SPD ist.

Neben diesen und anderen ernsthaften Gedanken, z.B. zur Barschel-Affäre oder zur Rolle der Frauen in der Politik, erfährt man von Heide Simonis natürlich auch Amüsantes, wie ihre heldenhaften Rettung, durch den heutigen CSU-Wirtschaftsminister Glos. Dieser hatte ihr in Medina noch kurz vor der Grenze eine Flasche Whiskey mit der Begründung abgenommen "Alkohol ist hier schlimm, aber Frau und Alkohol ist ganz besonders schlimm". Prompt wurde Glos von der saudischen Religionspolizei abgeführt und bewahrte Heide Simonis vor dem sicheren Aufenthalt in einem arabischen Gefängnis.

AVIVA-Tipp:
Mit Heide Simonis als Gesprächspartnerin kann wenig schief gehen. So ist "Ausgeteilt, eingesteckt" kurzweiliger Lesestoff, der neben amüsanten Passagen auch erhellende Momente über Machtkämpfe und den alltäglichen Politikbetrieb zu bieten hat.

Heide Simonis, 1943 in Bonn geboren, studierte Soziologie und VWL. Seit 1987 ist sie mit Professor Dr. Udo Simonis verheiratet. Nach Jahren in Sambia und Japan wurde sie 1988 Finanzministerin des damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm. Als dieser im Zuge der Barschel-Affäre zurücktreten musste, wurde Heide Simonis überraschend die erste Ministerpräsidentin Deutschlands und blieb dies 12 Jahre lang. Nach dem Ende ihrer politischen Karriere wurde sie 2006 Vorsitzende von UNICEF Deutschland.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website von Heide Simonis: www.heide-simonis.de

Zum Autor:
Erich Maletzke, Jahrgang 1940, studierte Geschichte und Anglistik und lebt als Journalist und Autor im schleswig-holsteinischen Dithmarschen. Bei zu Klampen erschien von ihm zuletzt "Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung".

Erich Maletzke
Heide Simonis

Ausgeteilt, eingesteckt. Leben mit und ohne Politik
Erich Maletzke im Gespräch mit Heide Simonis
Zu Klampen Verlag, erschienen September 2007
Gebunden, 176 Seiten
ISBN: 978-3-86674-012-9
18 Euro


Literatur

Beitrag vom 11.10.2007

AVIVA-Redaktion 






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