Die 71. Berlinale findet 2021 in zwei Teilen statt - vom 1.-5. März und vom 9.-20. Juni 2021. AVIVA stellt ausgewählte Filme vor und informiert über Pro Quote Film, den Teddy und mehr - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Kino



AVIVA-BERLIN.de im April 2021 - Beitrag vom 03.03.2021


Die 71. Berlinale findet 2021 in zwei Teilen statt - vom 1.-5. März und vom 9.-20. Juni 2021. AVIVA stellt ausgewählte Filme vor und informiert über Pro Quote Film, den Teddy und mehr
Helga Egetenmeier

Die Berlinale-Fans bekommen aufgrund der Corona-Pandemie zweimal die Möglichkeit, das Filmfestival zu erleben. Anfang März in Online-Panels rund um die Filme und das Filmemachen im Live-Stream. Das große Summer Special im Juni bringt die Festivalfilme in Berlin (hoffentlich) auf die Kinoleinwand, begleitet von Diskussionen mit den Filmschaffenden und der Verleihung der Bär*innen.




Die Berlinale - zweigeteilt im Jahr 2021

Die Berlinale lädt vom 1.-5. März zu einem digitalen Treffen ein und bietet auch für Filmfreund*innen einige offen zugängliche Online-Talks, Diskussionen und Workshops. Diese werden im Bereich des Berlinale Talents-Programm zwischen dem 1.-5. März live gestreamt. Der Schwerpunkt liegt im März jedoch auf den (nicht öffentlichen) Online-Veranstaltungen für Fachleute der Filmbranche, die über zukünftige Filmprojekte verhandeln.

Ebenfalls im März entscheidet eine internationale Jury über die Preisvergabe und verkündet ihre Ergebnisse am 5. März. Die Preisverleihung soll im Juni während des Berlinale Summer Specials vor Publikum stattfinden. Vom 9.-20. Juni 2021 wird ein Großteil der Filme aller Sektionen in einige Berliner Kinos kommen, verspricht die Festivalleitung, so dass diese dort, ähnlich der klassischen Berlinale, vom Publikum in Anwesenheit der Filmschaffenden erlebt werden können.

Der Teddy-Award

Vom 1. bis zum 5. März gibt es für die Teddy-Talks ein Online-Angebot im Livestream. In diesen fünf Tagen werden nachmittags jeweils zwei bis vier Gespräche mit Diskussionen angeboten, der Zugang erfolgt über die Webseite. So findet am Donnerstag, den 4. März, um 14 Uhr eine Podiumsdiskussion unter dem Motto "#Actout and Beyond" statt, mit Maren Kroymann, Peter Schule, Mehmet Sözer und Nicola Rabea Langrzik. Auf derDie teddyaward.tv-Webseite informiert über die einundzwanzig Filme, die für die Auszeichnung in Frage kommen.

Die Jury für die Vergabe des Goldenen Bären

Dieses Jahr entscheidet eine paritätisch besetzte internationale Jury gleichberechtigt über die Vergabe der Bären-Gewinner*innen. Das Gremium besteht aus sechs Regisseur*innen, die in der Vergangenheit bereits einen Goldenen Bären gewonnen haben. Dazu gehören Adina Pintilie, die 2018 mit ihrem halbdokumentarischen "Touch Me Not", gewann, Ildikó Enyedi, die bereits 1992 in der Berlinale-Jury saß und die Auszeichnung 2017 für "On Body and Soul" erhielt, und Jasmila Zbanic, die 2006 für "Grbavica", einen Film über die Folgen systematischer Vergewaltigungen im Balkankrieg, mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Weitere Jurymitglieder sind Mohammad Rasoulof (2020, "There Is No Evil"), der wie im letzten Jahr nicht aus dem Iran ausreisen darf, der israelische Filmemacher Nadav Lapid (2019, "Synonyms") und der Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi (2016, "Fire as Sea").

Regie-Frauen bei den Wettbewerbsfilmen

Für den Wettbewerb um den Goldenen und Silbernen Bären wurden fünfzehn Filme vom künstlerischen Leiter der Berlinale, Carlo Chatrian, ausgewählt. Darunter sind drei Filme, bei denen Frauen Regie führen, was einem Anteil von 20 % entspricht, und zwei Filme mit einem gemischten Regie-Duo,, das sind 13 %. Insgesamt ergibt das für den Wettbewerb einen Anteil von 70 % Regie-Männern und knapp 30 % Regie-Frauen. Kein gutes Ergebnis dafür, dass seit Jahren bei der Berlinale eine paritätische Verteilung der Geschlechter bei den eingeladenen Filmschaffenden angestrebt wird.

Mit der Regisseurin Maria Speth wurde der einzige Dokumentarfilm in den Wettbewerb eingeladen. Sie porträtiert in "Herr Bachmann und seine Klasse" eine sechste Schulklasse einer kooperativen Gesamtschule, in der Schüler*innen aus zwölf Nationen unterrichtet werden. Die Regisseurin Maria Schrader stellt in ihren Spielfilm "Ich bin dein Mensch" die Begegnung zwischen einer Frau und ihrem Lebenspartner, einem humanoiden Roboter, vor. Und in "Petite Maman" erkundet die französische Regisseurin Céline Sciamma anhand von zwei achtjährigen Mädchen deren Erwachsenwerden. Die kleine Auswahl an weiblichen Regisseurinnen befasst sich dazu noch mit weiblich konnotierten Themen, wie Erziehung, Partner*innenschaft und Kindheit.

Regie-Frauen in der Sektion Encounters

Die Sektion Encounters wurde letztes Jahr von Carlo Chatrian eingeführt. In der Gewichtung schließt diese Sektion an den Wettbewerb an, sie will jedoch ästhetisch und strukturell wagemutigere Arbeiten von unabhängigen, innovativen Filmschaffenden eine Plattform bieten. Eine dreiköpfige Jury, besetzt mit Florence Almozini, Cecilia Barrionuevo und Diedrich Diederichsen, vergibt die drei Preise. Die zwölf Filme nehmen dazu an den sektionsübergreifenden Wettbewerben teil.

Bei vier der zwölf Filme, also bei gut 33 %, führen Frauen Regie. Zwei davon sind Dokumentarfilme, so "As I Want" von Samaher Alqadi, die sich darin auf persönliche Weise mit der weiblichen Rebellion gegen sexuelle Übergriffe in Ägypten auseinandersetzt. Ein weiterer ist "Nous", von der Dokumentarfilmerin Alice Diop, die entlang einer Zugfahrt durch Paris nach dem Wir in einer fragmentierten Gesellschaft sucht. In den zwei Spielfilmen betrachtet zum einen Jacqueline Lentzou in "Moon, 66 Questions" die Veränderung eines Vater-Tochter-Verhältnisses und zum anderen setzt sich Dasha Nekrasova in ihrem Regiedebüt "The Scary of Sixty-First" mit Macht- und Geschlechterverhältnissen und dem pädophilen Milliardär Jeffrey Epstein auseinander. Auch hier fehlt noch etwas Geschlechtergerechtigkeit, sowohl bei der Anzahl der Regisseurinnen, wie auch bei den ihnen zugestandenen Themen.

Jüdisches Leben und Filme aus Israel

Im Jahr 2019 gewann Nadav Lapid, der dieses Jahr Teil der Jury des Wettbewerbes ist, den Goldenen Bären mit seinem autobiographischen Spielfilm „Synonymes“, in dem ein junger Israeli sich mit seiner Identität auseinander setzt. Dieses Jahr ist Hadas Ben Aroya mit "Mishehu Yohav Mishehu" zum Panorama eingeladen, in ihrem Spielfilm setzt sie sich mit Körperlichkeit, Nähe, Verlangen und Verletzlichkeit auseinander. Im Forum zeigt der israelische Dokumentarfilmer Avi Mograbi "The First 54 Years - An Abbreviated Manual for Military Occupation".

Kurze Zusammenfassung weiterer Sektionen

Hier folgt nun noch ein kurzer Überblick über weitere Sektionen, ihre Schwerpunkte und den Anteil der Frauen. Da noch nicht geklärt ist, welche Filme auf welche Weise und in welchen Kinos im Juni gezeigt werden, soll dies als Anregung dienen, die Kinowelt nicht zu vergessen - und auch nicht, den Anteil der weiblichen Filmschaffenden bei den großen Festivals bis hin zur Parität zu erhöhen.

Das Berlinale Special gilt als Ergänzung des Wettbewerbs, zu dem elf Filme eingeladen wurden, davon zwei Filme unter der Regie von Frauen - was einem Anteil von etwa 18 % entspricht. Lina Roessler mit "Best Sellers", einem Roadmovie über die junge Erbin eines Verlagshauses. Und Natalie Morales erzählt mit "Language Lessons" die Geschichte einer platonischen Liebe zwischen Frau und Mann. In dieser Sektion läuft ebenfalls der Dokumentarfilm "Courage" von Aliaksei Paluyan, der anhand von drei belarussischen Schauspieler*innen den Mut der Menschen in Belarus zeigt, die friedlich für einen Machtwechsel protestieren.

Im Panorama werden 19 Filme gezeigt und davon haben, wie Sektionsleiter Michael Stütz ankündigt, bei neun Filmen Frauen Regie geführt. Damit ist das Panorama dieses Jahr mit einem Anteil von 47 % Regie-Frauen auf einem guten Weg, nachdem im Jahr 2020 der Anteil bei nur 28 % und in 2019 bei nur bei 29 % lag. Neben vielen empfehlenswerten Filmen des Panorama, das sich in seiner Selbstdefinition "ausdrücklich queer, ausdrücklich feministisch, ausdrücklich politisch" versteht, sei hier auf den Dokumentarfilm "Gendernation" von Monika Treut hingewiesen, die darin berichtet, wie sie zwei Jahrzehnte nach "Gendernauts" in San Fransisco ihre genderqueeren Protagonist*innen von damals wieder trifft.

In der Sektion Perspektive Deutsches Kino sind dieses Jahr sechs Filme ausgewählt, davon zwei Filme von Regisseurinnen, was 33 % entspricht (letztes Jahr waren es 75 %). Yana Ugrekhelidze erzählt in "Instructions for Survival" von Alexander, der aufgrund seiner Trans*identität ein Leben im Verborgenen führen muss und Mia Maariel Meyer zeigt in "Die Saat" eine durch den Kapitalismus entmenschlichte Welt.

Das Forum beschreibt die Thematik der ausgewählten 17 Filme als "Slalomfahrten zwischen Fiktion und Dokument". Es wurden sieben Filme von Regisseurinnen ausgewählt, was 41 % entspricht und damit kaum einen Unterschied zu 2020 macht, wo der Anteil bei 40 % lag. Bei der Sektion Generation ist der Anteil an Regisseurinnen traditionell höher und liegt 2021 bei 60 %, so Leiterin Maryanne Redpath, die das Thema der Filmauswahl mit "sanft flüsternd, laut schreiend" beschreibt. In der Retrospektive gibt es dieses Jahr nur männliche Regisseure, jedoch stehen in den siebenundzwanzig vorgestellten Filmen des Subgenres Screwball Comedy mit Mae West, Rosalind Russell und Carole Lombard drei großartige Schauspielerinnen im Mittelpunkt.

Pro Quote Film und Power to Transform

Die Initiative Pro Quote Film entwickelte sich im Jahr 2018 aus Pro Quote Regie, um alle Gewerke im Kampf um die gleichberechtigte Teilnahme weiblicher Beschäftigter im Arbeitsfeld Filmindustrie zu verbinden. In einer Pressemitteilung vom 11.02.2021 bekräftigt Pro Quote Film ihre Haltung gegen jegliche Form von sexualisierter Gewalt und Rassismus in der Film- und Fernsehbranche und betont, dass "insbesondere Frauen* of Color und postmigrantische Frauen* [...] nicht nur sexualisierte Gewalt, sondern auch rassistische Diskriminierung [erleben].". Deshalb erweitert PQF ihre Forderungen an die Filmbranche, Branchen-Entscheidungsträger*innen zu verpflichten, sich mit Rassismus, Ableismus und Klassismus auseinanderzusetzen.

Mit Power to Transform gründete sich Anfang 2021 "Ein feministischer Think Tank für weibliche Perspektiven". Eine der Gründungsvorständinnen, die Regisseurin und Fotografin Barbara Rohm, engagierte sich bereits bei Pro Quote Film. Gemeinsam mit der Kulturmanagerin Yvonne de Andrés, stellte sie am 25. Februar diese Plattform in einem Livestream vor. In ihrem Vortrag "Powerfrau und Sexy Vamp - Die Medien haben ein Problem mit Klischees" setzte sie sich mit stereotypen Frauenrollen auseinander, die "von Hollywood bis Tatort" die Geschlechterbilder verfestigen statt zu verändern. Die Reihe der Online Veranstaltungen wird mit weiteren Aspekten zu Geschlechterklischees und Geschlechtergerechtigkeit fortgesetzt.

Ebenfalls vorgestellt wurde das "SexismusLexikon", ein Web-Projekt von Power to Transform. Es informiert über den Einfluss von Medien auf die Wahrnehmung der Geschlechter in einer diversen Gesellschaft und über Wege zu sexismusfreien Medien. Die Webseite bietet dazu Interviews, wie mit Prof. Dr. Christina von Braun, eine große Anzahl an Best Practice Beispielen, Ausführungen zu stereotypen Frauenrollen in den Medien - wie Superwoman - und ein bemerkenswertes Glossar.

Und sonst noch

Wie jedes Jahr, gibt es auch 2021 die "Woche der Kritik", die mit ihren Diskussionen und Filmangeboten vom 27. Februar bis 7. März digital erreichbar ist. Die Auftaktkonferenz beginnt am 27. Februar mit einem Gespräch zum Thema "Creation and Position - Autonomy in Art and Criticism" an dem, unter anderen, die politische Philosophin Juliane Rebentisch und die Autorin und Filmemacherin Merle Kröger (Havarie, Reihe Ariadne) teilnehmen werden.

AVIVA-Tipp: Dran bleiben! Auch wenn im März nur digitale Berlinale-Angebote locken, sind diese Diskussionen ein kleiner, aber wichtiger Teil der Auseinandersetzung, die die Berlinale sonst mit ihren geladenen Gästen in den Kinosälen anbietet. Dran bleiben aber auch an der Forderung zur 50/50-Quote, denn gerade in den finanziell mächtigsten Sektionen, sind Frauen dieses Jahr deutlich unterrepräsentiert. Und dran bleiben beim solidarischen Bekämpfen der Pandemie, damit wir im Juni die Berlinale-Filme gemeinsam sehen und diskutieren können.

Mehr Infos zur Berlinale, dem Teddy und den hier auf AVIVA-Berlin genannten Initiativen unter:

www.berlinale.de

www.berlinale-talents.de

www.teddyaward.tv

www.proquote-film.de

www.wochederkritik.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die AVIVA-Filmauswahl zur 70. Berlinale in 2020

9 Leben - ein Dokumentarfilm von Maria Speth.
Offen und direkt erzählen sieben Jugendliche vom Leben auf der Straße in Berlin. Ein berührender Film, der den Porträtierten Raum gibt, sich mit ihren Schwächen und Stärken selbst zu positionieren. (2012)

Interview mit Céline Sciamma
"Gender, Feminismus und starke Protagonistinnen". Im Interview spricht die junge französische Regisseurin über ihren aktuellen Film "Tomboy", das Recht auf Verkleidung und den politischen Anspruch ihrer Filme. (2012)

Porträt einer jungen Frau in Flammen.
Die französische Drehbuchautorin und Regisseurin Céline Sciamma (Tomboy, Water Lilies, Mädchenbande) erzählt in ihrem beim 72. Cannes Filmfestival gefeierten Drama die Geschichte einer sich allmählich entfaltenden Liebe zwischen einer Adligen und ihrer Malerin im 18. Jahrhundert. In stimmungsvollen Bildern setzt Kamerafrau Claire Mathon nicht nur die Beziehung der beiden Frauen in Szene, sondern weist auch auf die Missachtung hin, die Künstlerinnen auch nach der Französischen Revolution erfahren haben. (2019)

Jasmila Zbanic in interview
Her debut "Grbavica" was awarded the Golden Bear 2006. She talked to AVIVA about her extensive research, script-writing, the enduring situation of women in Bosnia being raped. (2006)


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Beitrag vom 03.03.2021

Helga Egetenmeier 






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