Die Gewerkschafterin - Politthriller mit Isabelle Huppert. Kinostart: 27. April 2023 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Film



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2024 - Beitrag vom 24.04.2023


Die Gewerkschafterin - Politthriller mit Isabelle Huppert. Kinostart: 27. April 2023
Helga Egetenmeier

Kämpferisch, zerbrechlich und mutig setzt sich Maureen Kearney bei dem französischen Atomkonzern Areva für die Rechte der Arbeiter*innen ein. Als sie das Opfer einer Vergewaltigung wird,...




... beschuldigt sie das Gericht der Vortäuschung einer Straftat, doch sie geht gegen dieses Urteil in Berufung. Nach einer wahren Begebenheit wirft der Film dabei einen Blick auf die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der staatlichen französischen Nuklearindustrie.

In einer Welt von Männern: die Gewerkschafterin Maureen Kearney

Nach einem langen Vorspann, der den brutalen Überfall auf Maureen Kearney zeigt, setzt der Film ein paar Monate zuvor, im Frühjahr 2011. Zu dieser Zeit ist die französische Geschäftsfrau Anne Lauvergeon (Marina Fois) noch Chefin des Nuklearkonzerns Areva. Die einflussreiche Managerin wird von den angelsächsischen und französischen Medien "Atomic Anne, die Iron Lady der Atomindustrie" genannt und vom Forbes Magazin zwischen 2004 und 2010 als eine der 100 mächtigsten Frauen der Welt gelistet. Sie ist bis zum Juni 2011 das unternehmerische Gegenüber für Maureen Kearney, der Vertreterin der Gewerkschaft CFDT (Confédération française démocratique du travail).

Einsparungsideen und politische Richtungsentscheidungen führen dazu, dass Lauvergeon den Konzern im Streit verlässt und ihr Stellvertreter Luc Oursel den Chefsessel bekommt. Der Film deutet an, dass hier eine Frau abgesägt wurde, die der Gewerkschafterin Kearney bei deren Forderungen entgegenkam. Denn Lauvergeon bedankt sich zum Abschied für deren Unterstützung "im Kampf gegen die Kerle in Schlips und Kragen." Kurz darauf muss Kearney den neuen Chef bereits dafür kritisieren, dass er das Programm zur Gleichstellung von Frauen in Führungspositionen gestrichen hat.

Als Whistleblowerin ignoriert - Als Frau überfallen und vergewaltigt

Durch die Sparpläne des neuen Konzernschefs erschwert sich das berufliche Leben von Kearney immer mehr. Dann erfährt sie durch ein ihr zugespieltes Papier, dass eine Zerschlagung des Konzerns geplant ist. Da dies den Verlust vieler Arbeitsplätze bedeuten würde, prangert sie dies öffentlich an. Doch es interessiert weder die unternehmerisch noch die politisch Verantwortlichen, darunter den frisch gewählten Staatspräsidenten Francois Hollande.

Die Kamera folgt Kearney, wie sie immer wieder durch die mit Prunk und Gold ausgestatteten weitläufigen Herrschaftsgebäude der Politik gehen muss, um ihre Ansprechpartner zu erreichen. Hier zeigt der Film das Machtgefälle in der französischen Gesellschaft durch den deutlichen Kontrast zu dem kleinen Wohnhaus der Gewerkschafterin auf der materiellen Ebene. Dort lebt sie mit ihrem Mann, einem Toningenieur, und ihrem Hund. Und dort, in ihrem Zuhause, wird sie am 17. Dezember 2012 überfallen, an einen Stuhl gefesselt und mit einem Messer vergewaltigt.

Latenter Sexismus: Vom Opfer zur Verdächtigen

Sie hätte es nicht der Polizei gemeldet, um ihre Gegner nicht zu stärken, sagt Kearney in einer Szene im Film. Das tut ihre Haushälterin, die sie gefesselt und ohnmächtig auffindet. Dass die inkompetenten und sexistischen Untersuchen der Polizei ihr weiteres Leben derart bestimmen werden, war zu Beginn der Ermittlungen noch nicht abzusehen.

Doch mit dem Interesse an dem Überfall und nicht für den Hintergrund der Tat, beginnt das Ende der Laufbahn dieser engagierten Gewerkschafterin. Es folgen gynäkologische Untersuchungen, dessen Arroganz gegenüber ihren Gefühlen und ihrem Körper unglaublich erscheinen. Ihre Vergangenheit wird gegen sie ausgelegt und eine Zeitung betitelt sie als "Verrückte Ex-Alkoholikerin". Im Mai 2017 wird Kearney dann der Vortäuschung eines Verbrechens für schuldig befunden und auf Bewährung verurteilt.

Über die Macht der Wirtschaft am Beispiel der französischen Atomindustrie

Nach diesen Niederlagen kämpft sich die Gewerkschafterin bewundernswert hartnäckig aus ihren Selbstzweifeln heraus und geht schließlich in Berufung. Sie wird am 7. November 2018 freigesprochen, doch ihr Angreifer ist bis heute nicht identifiziert. Regisseur Jean-Paul Salomé sagt dazu in der Pressemitteilung: "Man war sehr weit gegangen, um sie zu zwingen, ihre Nachforschungen einzustellen." Das Buch der Journalistin Caroline Michel-Aguirre "La Syndicaliste" (2019, nicht auf Deutsch erschienen) war für ihn der Anstoß, diesen Film zu drehen.

Heute arbeitet Maureen Kearney wieder als Lehrerin. Ihre Befürchtungen, dass Areva zerschlagen würde und eine Vielzahl an Arbeitsplätzen dabei verloren ginge, hatten sich bis dahin bereits als berechtigt erwiesen: der Atomkonzern Areva wurde 2016 aufgelöst, das Reaktorgeschäft an EDF (Électricité de France) übertragen, die sich daraufhin mit dem chinesischen Konzern CGNPC (China General Nuclear Power Group) zusammenschloss.

AVIVA-Tipp: "Die Gewerkschafterin" besticht sowohl durch seine Hauptfigur Maureen Kearney wie auch ihre Verkörperung durch Isabelle Huppert. Als Regisseur setzt Jean-Paul Salomé bei seinem Thriller um die Vergewaltigung und Verurteilung nicht auf einfache Schreckeffekte, sondern lässt diese Geschichte um Macht, Sexismus und offene und versteckte Gewalt für sich sprechen. Ein äußerst sehenswerter Film, sowohl über die undurchsichtige Geschichte der Atomindustrie als auch über die weiterhin vorherrschende Diskriminierung von Frauen.

Virtuelles Q&A am Tag der Arbeit, dem 1. Mai 2023
Bundesweit findet am 1. Mai ein exklusives virtuelles Q&A zu "Die Gewerkschafterin" statt, das nach der Vorführung live in 30 ausgewählte Kinos übertragen wird. In dem digitalen Filmgespräch werden Regisseur Jean-Paul Salomé und Whistleblowerin Maureen Kearney, auf deren wahrer Geschichte der Film beruht, für die Fragen des Publikums zur Verfügung stehen.

Auszeichnung
2022 Internationale Filmfestspiele Venedig: Auszeichnung mit dem Premio Fondazione Fai Persona Lavoro Ambiente

Zur Hauptdarstellerin: Isabelle Huppert wurde am 16.März 1953 als Tochter der Englischlehrerin Annick Huppert und des Sicherheitsingenieurs Raymond Huppert in Paris geboren und nahm im Alter von vierzehn Jahren am Conservatoire de Versailles Schauspielunterricht. Ihr Studium absolvierte sie auf dem Conservatoire d´Art Dramatique und startete zunächst eine Theaterkarriere. Sie spielte unter anderem in Bühnenwerken wie "A Month in the Country" von Ivan Turgenev oder als Hauptdarstellerin in Euripides "Medea" mit und übernahm Hauptrollen in klassischen Stücken wie Shakespeares Komödie "Maß für Maß" (1991) und Schillers "Maria Stuart" (1996). Ihr Filmdebüt gab sie 1972 mit Nina Companeez´ Verfilmung des Dramas "Faustine et le bel été". Neben nationalen Erfolgen wie "Madame Bovary" (1991) oder "8 Frauen" (2002) war sie zudem in vielen internationalen Filmen zu sehen. In der deutsch-österreichischen Produktion "Malina" sowie in dem philippinischen Film "Captive" (2012), an dem deutsche, französische und britische Coproduzent*innen beteiligt waren, spielte sie jeweils die Hauptrolle. 2012 stand sie für Michael Hanekes "Amour" vor der Kamera. Die Schauspielerin, die am 16. März 2023 ihren 70. Geburtstag beging, erhielt in ihrer langjährigen Karriere eine Vielzahl an Preisen, darunter die Goldene Palme als beste Darstellerin in Cannes für die Hauptrolle in "Die Klavierspielerin" (2001), einer Verfilmung von Elfriede Jelineks gleichnamigen Buch. In ihrer Hauptrolle als Patience Portefeux spielte sie in der französischen Filmkomödie "Eine Frau mit berauschenden Talenten" mit dem Regisseur Jean-Paul Salomé zusammen.

Zum Regisseur: Jean-Paul Salomé wurde 1960 in Paris geboren. Er studierte Filmwissenschaft an der Sorbonne, bis er sein Studium abbrach, um 1981 an Claude Lelouchs Film "Ein jeglicher wird seinen Lohn empfangen" als Aushilfe mitzuarbeiten. Nach einigen Dokumentationen erfolgte 1991 Salomés erste fiktionale Regiearbeit für den Fernsehfilm "Crimes et Jardins", für den er auch das Drehbuch schrieb. Sein Kinodebüt feierte er mit der französischen Komödie "Rache ist weiblich", für den er beim Festival du Film Policier de Cognac den Jurypreis erhielt. In "Die Frau mit berauschenden Talenten" (2020) spielte Isabelle Huppert die Hauptrolle. Starke Frauenfiguren sind für ihn wichtig, wie auch sein aktueller Film "Die Gewerkschafterin" zeigt.

Zur Darstellerin: Marina Fois, geboren 1970 in Boulonge-Billancourt, begann mit 16 Jahren als Schauspielerin und wurde 1996 von dem französischen Komiker Dominique Farragia entdeckt. Sie war bis 2001 in mehreren Sketchen für das Fernsehen zu sehen, bevor sie mit der Kinokarriere begann. Seitdem spielte sie in einer Vielzahl französischer Filme, wie "Nicht meine Schuld" (2016), "Einfach enorm" (2019) und "In den besten Händen" (2021).

Die Gewerkschafterin
Originaltitel: La syndicaliste
nach dem Roman "La syndicaliste" von Caroline Michel Aguirre
Frankreich / Deutschland 2022
Regie: Jean-Paul Salomé
Drehbuch: Fadette Drouard, Jean-Paul Salomé
DarstellerInnen: Isabelle Huppert, Grégory Gadebois, Marina Fois, Yvan Attal, Alexandra Maria Lara, u.a.
Verleih: Weltkino
Lauflänge: 122 Minuten
Kinostart: 27.04.2023
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.weltkino.de

Weitere Informationen zum Thema unter:

www.arte.tv
Für diese ausführliche Reportage recherchierten ARTE Journalist*innen über die französische Atomindustrie. Schwerpunkt ist dabei der Nukleargigant Areva, der 2007 das kleine kanadische Unternehmen UraMin erwirbt, welches in drei afrikanischen Ländern Uranminen besitzt. Wegen diesem dubiosen Kauf wurden Ermittlungsverfahren von der französischen Justiz eingeleitet.

www.monde-diplomatique.de
Das große Uran-Komplott. Der französische Konzern Areva und seine dunklen Geschäfte in Afrika. Artikel in Le Monde diplomatique vom 10.11.2016

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Eine Frau mit berauschenden Talenten
Der französische Spielfilm von Jean Paul Salomé mit Isabelle Huppert basiert auf dem Krimi "La Daronne" von Hannelore Cayre. Sein deutscher Verleihtitel betont das komödiantische Element der Geschichte einer ungewöhnlichen Karriere, die im richtigen Leben ein Wunschtraum bleiben dürfte. Aber was wäre der Alltag ohne ein bisschen Utopie? (2020)

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Beitrag vom 24.04.2023

Helga Egetenmeier