Saint Omer. Kinostart: 9. März 2023 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Film



AVIVA-BERLIN.de im April 2024 - Beitrag vom 21.02.2023


Saint Omer. Kinostart: 9. März 2023
Ahima Beerlage

Shortlist Oscars 2023 – bester internationaler Film, auf zahlreichen Filmfestivals 2022 zum besten Film gewählt. In ihrem Spielfilmdebüt erzählt die vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilmerin Alice Diop die Geschichte zweier schwarzer Frauen im Spannungsfeld einer Kindstötung nach,…




…die sich tatsächlich so ereignet hat und in Frankreich hohe Wellen schlug.

Gemeinsam mit Marie NDiaye, Autorin des Romans "Drei starke Frauen" und Amrita David, Cutterin und langjährige Wegbegleiterin der Regisseurin, hat Alice Diop aus den Gerichtsakten eines realen Prozesses das Drehbuch entwickelt.

Zwei Schwarze Frauen und ihre Mütter

Was geschehen ist: Laurence Coly, eine junge Studentin aus dem Senegal, legt ihre fünfzehn Monate alte Tochter am Strand ab als die Flut kommt. Das Kind ertrinkt. In der kleinen französischen Stadt Saint Omer muss sie sich nun vor Gericht verantworten. Rama, Schriftstellerin und Professorin aus Paris, ebenfalls mit Wurzeln in Senegal, reist an, um den Prozess zu beobachten und darüber zu berichten. Es gibt viele Parallelen im Leben der beiden Frauen. Beide haben Mütter, die in einem für sie fremden Land mit einer für sie fremden Sprache nahezu verstummt sind und hart daran arbeiten, dass sich ihre Töchter in der Fremde etablieren. Beide Frauen sind außergewöhnlich intelligent, doch während die Angeklagte noch studiert, ist die Beobachterin bereits eine geachtete Professorin. Beide Frauen leben in Beziehungen mit weißen Männern – und Rama ist schwanger.

Unerträgliche Nähe – unfassbare Ferne

Rama lebt in zwei Welten. An der Universität stellt sie in ihren Vorlesungen Marguerite Duras Roman "Hiroshima mon amour" vor, die Geschichte einer Frau, die immer wieder in zwei Welten lebt und dafür einen hohen Preis bezahlt. Bei Besuchen in ihrer Familie ist sie mit ihrem weißen Mann die Fremde. Sie beobachtet ihre ruhelose, stumme Mutter, die bis zur Erschöpfung gearbeitet und dabei ihre eigene Tochter aus den Augen verloren hat. Als Rama in die Provinz reist, um über die andere Frau mit afrikanischen Wurzeln zu berichten, gerät sie in einen Strudel widerstrebender Gefühle, denn die vermeintlich so ähnliche Frau erscheint distanziert und kalt, wenn sie über die Tötung ihres Kindes berichtet. Die Ausweglosigkeit, die die Angeklagte in klug gewählten Worten beschreibt, erschüttert Rama. Laurence Colys Partner ist ein älterer weißer Mann, der die junge schwarze Frau vor seiner Familie verbirgt. Er macht nicht einmal den Versuch, sie zu verstehen, ignoriert das gemeinsame Kind. Laurence Coly fühlt sich unsichtbar und gedemütigt. Während sie sich vor Gericht damit verteidigt, von ihren afrikanischen Tanten durch einen bösen Zauber zu der Tat gebracht worden zu sein, ist immer spürbar, dass die Hintergründe für die Tötung an ihrer Tochter tiefere Wurzeln haben.

Der weibliche Blick – Kamera und Drehbuch

Marie NDiaye, Autorin des Romans "Drei starke Frauen", Amrita David, Cutterin und langjährige Wegbegleiterin der Regisseurin, und Alice Diop haben aus den Gerichtsakten eines realen Prozesses das Drehbuch entwickelt. Alice Diop erklärt in einem Interview mit der französischen Schriftstellerin Hélène Frappat, dass sie den Schauspielerinnen Kayije Kagame als Rama und Guslagie Malanda als Laurence Coly weitgehend Freiheiten gelassen hat, sich auf die Texte einzulassen und sich damit zu identifizieren. Mit Claire Mathon als Kamerafrau entstehen dabei Bilder von quälender Intensität. Claire Mathon, die auch die weibliche Perspektive und Ästhetik im vielbeachteten Film "Portrait einer jungen Frau in Flammen" von Céline Sciamma geschaffen hat, bleibt immer nah bei den Protagonistinnen.

Wenn die Angeklagte fast ungerührt schildert, wie sie ihr Kind zum Ertrinken am Strand abgelegt hat, bleibt die Kamera statisch, liefert hochaufgelöste, absurd schöne Bilder, denen die Zuschauenden nicht ausweichen können. Keine Zwischenschnitte, keine Zwischenbilder. Auch die Qual Ramas im Hotel nach einem aufwühlenden Prozesstag, die ihr Kind vor der Kälte dieses Landes, ihrer verstummten schwarzen Mütter und all den Vorurteilen bewahren will, wird mit großer Nähe gezeigt. "In meinem Bedürfnis, die Geschichte dieser Frauen zu erzählen, war der Wunsch, ihr Schweigen zu dokumentieren, ihre Unsichtbarkeit zu reparieren. Das ist auch eines der Ziele des Films. Und darüber zu sprechen, von welchem Schweigen, aus der Leere des Exils, ihres Exils, der Leere im Leben unserer Mütter, der Leere ihrer Tränen, der Leere ihrer Gewalt, daraus haben wir versucht, unser eigenes Leben zu komponieren," erklärt Alice Diop im Interview mit Hélene Frappat.

Der weiße Blick – Männer und Frauen

Die Rollen der weißen Schauspielenden hat Alice Diop überwiegend aus dem Theater engagiert. Durch ihr Spiel entsteht in vielen Szenen die Atmosphäre eines Kammerspiels, das die Zuschauenden an sich fesselt. Der Ankläger mit all seiner Häme und seinem patriarchal geprägten Zynismus illustriert die strukturelle Gewalt geradezu quälend. Dem larmoyanten Partner von Laurence Coly, der die Liebe zu "seinem" Kind erst durch dessen Tod erkennt, tritt die mitfühlende Anwältin entgegen. Zwischen allen Stühlen – die Richterin, die versucht, mit eindringlichen Fragen zu klären, ob Laurence Coly "zurechnungsfähig" ist.

AVIVA-Tipp: Das Spielfilmdebut der Dokumentarfilmerin Alice Diop ist eine emotionale Herausforderung für die Zuschauenden. "Saint Omer" zwingt dazu, sich mit realer und struktureller Gewalt gegen schwarze Frauen in Frankreich und nicht nur in Frankreich auseinanderzusetzen. Die Gewalt der Protagonistin ist eine Antwort auf die Gewalt, die ihr widerfahren ist. Alice Diop schafft damit eine wertvolle neue Perspektive. Ein Film, der ein großes Publikum verdient.

Saint Omer
Frankreich 2022
Regie: Alice Diop
Drehbuch: Alice Diop, Amrita David, Marie Ndiaye
Kamera: Claire Mathon
123 Minuten
Im Verleih von Grandfilm
Kinostart: 9. März 2023
Mehr zum Film, der Trailer und Kinotermine unter: grandfilm.de/saint-omer

Filmografie
2022 SAINT OMER - Spielfilm
2021 WE - Dokumentarfilm
2016 LA PERMANENCE - Dokumentarfilm
2016 TOWARDS TENDERNESS - Dokumentarfilm.
2011 LA MORT DE DANTON - Dokumentarfilm
2007 LES SÉNÉGALAISES ET LA SÉNÉGAULOISE - Dokumentarfilm
2006 CLICHY POUR L´EXEMPLE - Dokumentarfilm
2005 LA TOUR DU MONDE – Dokumentarfilm
Auszeichnungen
2021 WE - Dokumentarfilm
– Berlinale 2021, Dokumentarfilmpreis
– Berlinale 2021, Bester Film der Sektion Encounters
2016 TOWARDS TENDERNESS - Dokumentarfilm
–César für den besten Kurzfilm 2017
2022 SAINT OMER
-Filmfestspiele Venedig, Großer Preis der Jury

Zur Regisseurin: Alice Diop, geboren 1979 in Aulnay-sous-Bois. Ihr Vater war Automechaniker. Ihre Mutter arbeitete als Putzfrau. Alice Diop absolvierte ein Masterstudium in Geschichte an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne und anschließend ein DESS-Studium der Visual Sociology an der Universität Évry. im Anschluss studierte sie im Dokumentaratelier der Filmhochschule La fémis, eine der berühmtesten Filmhochschulen Frankreichs. Mit sozialkritischen und antirassistischen Dokumentarfilmen machte sie sich in den letzten Jahren einen Namen. Saint Omer ist ihr erster Spielfilm.

Zur Schauspielerin: Kayije Kagame (Rolle Rama). geboren 1987 in Genf, ist multidisziplinäre Künstlerin und Schauspielerin. Ihre Eltern kommen aus Ruanda. Ihr Vater war politischer Journalist, ihre Mutter, die lange vor dem Völkermord in Ruanda 1994 in das Schweizer Exil gegangen ist, ist Lehrerin für Französisch und Geschichte. Sie hat zwei Brüder und eine Schwester, darunter der Dokumentarfilmregisseur Shyaka Kagame, der sich für das Collectif Afro-Swiss, das sich gegen Rassismus wendet, engagiert. Kayije Kagame arbeitet mit Performance, Klangkunst, Film und Installation.

Zur Schauspielerin: Guslagi Malanda (Rolle Laurence Coly) hat ein abgeschlossenes Kunstgeschichtsstudium und arbeitet neben der Schauspielerei als selbstständige Ausstellungskuratorin. Ihren internationalen Durchbruch als Schauspielerin hatte sie 2014 in ihrem Debüt in Jean-Paul Civeyracs Film "Mon amie Victoria", einem Melodram, das auf einer Geschichte von Doris Lessing beruht. Für ihre Rolle in "Saint Omer" ist Guslagi Malanda 2023 für den französischen Filmpreis César als beste Nachwuchsschauspielerin nominiert.




Kunst + Kultur > Film

Beitrag vom 21.02.2023

Ahima Beerlage