NELLY & NADINE. Ein Film von Magnus Gertten. Kinostart: 24. November 2022 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Kunst + Kultur Film



AVIVA-BERLIN.de im November 2022 - Beitrag vom 24.11.2022


NELLY & NADINE. Ein Film von Magnus Gertten. Kinostart: 24. November 2022
AVIVA-Redaktion

Die belgische Opernsängerin Nelly Mousset-Vos und die chinesische Widerstandskämpferin Nadine Hwang lernen sich 1944 im KZ Ravensbrück kennen und verlieben sich ineinander. Kurz vor Kriegsende werden sie getrennt, finden sich wieder, ziehen nach Venezuela, um dort ihre Liebe frei leben zu können. Dieser Dokumentarfilm erzählt ihre Überlebens- und Liebesgeschichte. Der Film ist der dritte Teil einer Trilogie, die Magnus Gerttens Filme "Harbour of Hope" (2011) und "Every Face has a Name" (2015) miteinschließt.




Die Doku NELLY & NADINE ist die Liebesgeschichte zweier Frauen, die sich ineinander verlieben - mitten im Horror der Kriegsjahre im KZ Ravensbrück. Die belgische Gefangene und Opernsängerin Nelly Mousset-Vos war gebeten worden, Weihnachtslieder in einer von Franzosen bewohnten Baracke in Ravensbrück zu singen. Nach ein paar Liedern ruft eine Stimme aus der Dunkelheit: "Sing etwas von Madame Butterfly!".
Nelly singt die Arie "Un bel di vedremo" über das Warten auf einen Geliebten.
Anschließend tritt die Frau aus der Dunkelheit heraus, die um das Lied gebeten hatte. Sie küsst Nelly und sagt: "Der liebe Gott war heute gütig zu uns".
Ihr Name ist Nadine Hwang und ab diesem Moment werden Nelly und Nadine ein Paar. Doch nach zwei Monaten werden sie getrennt, als Nelly in ein anderes Lager verlegt wird. Als sie gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in unterschiedlichen Ländern befreit werden, gelingt es ihnen, sich wieder zu finden und im Venezuela ein gemeinsames Leben aufzubauen. Bevor das Paar nach Caracas zog, gab Nelly weiterhin Konzerte, einschließlich Auftritte für das belgische Nationalradio. Einige Aufnahmen dieser Aufführungen existieren noch, sowie einige andere Konzertmitschnitte.

Viele Jahre lang wurde Nellys und Nadines Überlebens- und Liebesgeschichte von ihnen geheim gehalten, sogar vor engsten Familienmitgliedern. Für diese filmische Dokumentation hat Nellys Enkelin Sylvie ihr lange verschlossenes Privatarchiv, das jahrelang in Kisten und Kartons auf dem Dachboden lagerte, geöffnet und erstmalig die Geschichte von Nelly und Nadine entdeckt. Darunter: Nellys Tagebuch und Fotos, Liebesbriefe und Filmrollen.

In diesen bisher unveröffentlichten persönlichen Notizen erzählt Nelly ihre Lebensgeschichte inklusive Details über das Verliebtsein inmitten des Horrors eines Konzentrationslagers, die komplizierte Wiedervereinigung mit Nadine nach dem Krieg, dem Entschluss zum Umzug nach Venezuela, um dort ihre Beziehung frei leben zu können. Und die Rückkehr nach Europa in den 1970er Jahren, um die letzten Lebensjahre in Brüssel zu verbringen.

Magnus Gertten berührender Dokumentarfilm erzählt anhand von diesen und weiteren umfangreichen Unterlagen vom Horror des Krieges und der Verfolgung, von Nellys und Nadines geheim gehaltener Liebe und die Liebe gegen alle Widerstände.

NELLY MOUSSET-VOS (1906-1987) war eine belgische Sängerin für Klassische Musikstücke, die als Nelly Vos in Brüssel geboren wurde. 1926 heiratete sie den Musikkritiker Edouard Mousset und wurde Nelly Mousset-Vos.
Sie hatte zwei Töchter, Claire und Claude, geboren 1927 und 1931. Eduard und Nelly trennten sich Ende der 1930er Jahre.
In den 1930er Jahren war Nelly eine Tournee-Sängerin, die in großen Teilen Europas auftrat, u.a. in Paris und Mailand. Sie war Mezzosopranistin mit einem Repertoire von barocken Stücken bis zu zeitgenössischen Werken.
Sie sang Debussy, Ravel, Fauré und Milhaud, sowie italienische Lieder und Opernarien. Nach der Besetzung Westeuropas durch die Nazis, wurde sie durch ihren Beruf als reisende Künstlerin interessant für den Widerstand. Ab 1941 war Nelly Agentin des Widerstandsnetzwerks Luc und fungierte als Kurier unter dem Decknamen "Claire". In Paris wurde sie im April 1943 von der Gestapo verhaftet - wegen Spionage. Sie gehörte zu den "Nacht und Nebel"-Gefangenen, was bedeutete, dass sie festgenommen wurde, ohne dass ihre Familie über ihr Verschwinden informiert wurde. Sie verbrachte mehr als ein Jahr in den Gefängnissen Fresnes und St. Gilles, sowie in Kreuzburg in Deutschland. Ende 1944 wurde Nelly in das KZ Ravensbrück deportiert, wo sie am 1. Dezember eintraf. 1945 wurde sie weiter ins Lager Mauthausen nach Österreich transportiert und blieb dort die letzten zwei Monate ihrer Gefangenschaft bis zu ihrer Befreiung. Insgesamt war Nelly 25 Monate als politische Gefangene inhaftiert.
Nelly lernte Nadine Hwang am Weihnachtsabend 1944 im Lager Ravensbrück kennen, als sie für eine Gruppe von Gefangenen in der französischen Baracke sang. Die beiden Frauen verliebten sich ineinander und wurden ein Paar. Ende Februar 1945 wurden sie getrennt, als Nelly nach Mauthausen geschickt wurde. Nur knapp überlebten beide die Konzentrationslager. Nelly wurde am 22. April 1945 vom Schweizer Roten Kreuz gerettet. Sie kam am 1. Mai mit dem Zug bei Ihrer Familie in Brüssel an. Es ist nicht genau bekannt, wann sich die beiden Frauen nach dem Krieg wieder trafen, aber 1946 waren Nelly und Nadine wieder vereint. Nelly ließ sich offiziell von ihrem Ehemann scheiden, beendete auch die Beziehung mit ihrem vorherigen Geliebten Pierre und beschloss, mit Nadine in Brüssel zu leben. 1950 zog das Paar nach Caracas, Venezuela, wo sie zwanzig Jahre lang blieben.
Währenddessen bekam Nelly eine Anstellung bei der französischen Botschaft. Nadine arbeitete als Sekretärin in einer Bank. Nellys Enkelinnen Sylvie und Anne Bianchi besuchten sie oft zusammen mit ihrer Mutter Claude in Venezuela. Aber niemand in der Familie sprach je darüber, wie Nelly und Nadine sich in Ravensbrück kennengelernt haben und was die wahre Natur ihres Verhältnisses ist.
Als Nadine 1969 krank wurde, kehrten sie nach Brüssel zurück. Nadine starb dort am 16. Februar 1972, Nelly starb am 4. Februar 1987. Für ihre Arbeit im Widerstand wurde sie offiziell als Kriegsheldin anerkannt und erhielt 5 Medaillen.

NADINE HWANG (1902–1972) wurde in Madrid, Spanien, geboren. Ihre Mutter war Belgierin, ihr Vater ein chinesischer Diplomat. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt war ihr Vater der chinesische Botschafter in Spanien.
Nachdem die Familie 1913 nach China zurückgekehrt war, besuchte Nadine eine französisch-katholische Schule in Peking, wo sie französisch lernte, und begann später eine Ausbildung zur Anwältin. Sie gehörte zur Oberschicht in China und arbeitete zeitweise als Sekretärin für Ministerpräsident Pan Fu. Ende der 1920er Jahre wurde sie zum Ehrenoberst der chinesischen Armee ernannt.
Sehr wenige Frauen in China konnten zu dieser Zeit das Leben führen, das Nadine damals genoss. Sie konnte international reisen, trug modische Kleidung, fuhr Auto und trieb alle möglichen Sportarten. 1933 zog Nadine nach Paris und begann für die Autorin und lesbische Pionierin Natalie Clifford Barney zu arbeiten. Barney war jahrzehntelang Gastgeberin eines berühmten literarischen Salons in der Rue Jacob in Paris, wo Intellektuelle und Künstler/innen verkehrten. Nadine wurde die persönliche Chauffeurin und Sekretärin von Nathalie Clifford Barney – und für einige Zeit auch ihre Liebhaberin. Während des Krieges lebte Nadine teilweise in Saint-Jean-de-Luz, nahe der spanischen Grenze, wo sie höchstwahrscheinlich in Widerstandsaktivitäten involviert war. In einem Brief aus den frühen 1960er Jahren schreibt Nelly: "Im Krieg hat Nadine geholfen, Menschen über die Pyrenäen nach Spanien fliehen zu lassen. Aber sie war nie Mitglied einer offiziellen Widerstandsbewegung."
Nadine wurde im Mai 1944 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Noch im selben Jahr an Heiligabend traf sie zum ersten Mal auf Nelly Mousset-Vos. Im Camp freundete sich Nadine auch mit Rachel Krausz und ihrer 9-jährigen Tochter Irene an. Nadine half den beiden, in die White Buses zu kommen, einer Mission des Schwedischen Roten Kreuzes, die Gefangene in den letzten Kriegswochen aus den Lagern rettete. Heute lebt Irene Krausz-Fainman in Johannesburg, Südafrika. Sie ist im Film NELLY & NADINE zu sehen.

Nadine kam am 28. April 1945 zusammen mit etwa 2.000 Überlebenden aus den Lagern in Malmö, Schweden, an; gerettet von der Mission des Schwedischen Roten Kreuzes. Nadine ist im Archivmaterial zu sehen, das am selben Tag von einem Filmteam für die schwedischen Nachrichten gedreht wurde. Eine Zeit lang blieb Nadine im Malmö Museum, dem alten Schloss Malmöhus, das damals als Quarantäne- und Flüchtlingslager genutzt wurde. Im Juli 1945 kehrte sie nach Paris zurück. 1946 war sie wieder mit Nelly vereint. 1950 zog sie zusammen mit Nelly und Nellys Tochter Claude nach Caracas, Venezuela.

Rise and Shine Cinema bringt den Dokumentarfilm NELLY & NADINE des mehrfach ausgezeichneten schwedischen Regisseurs Magnus Gertten ("Becoming Zlatan") am 24. November 2022 in die Kinos. Der Film ist der dritte Teil einer Trilogie, die Magnus Gerttens Filme "Harbour of Hope" (2011) und "Every Face has a Name" (2015) miteinschließt.
Der Film hat den renommierten BEST NORDIC DOCUMENTARY Preis beim Nordisk Panorama Film Festival 2022 gewonnen und wurde bei der Berlinale 2022 mit dem Teddy Jury Award ausgezeichnet.

AVIVA-Tipp NELLY & NADINE ist ein Film, der auf vielen Ebenen berührt, denn er erzählt nicht nur eine starke und berührende Liebesgeschichte zwischen zwei in der NS-Zeit verfolgten Frauen, sondern dokumentiert auch die Zeit danach, das Leben nach dem Überleben. Ein wichtiger Film gegen die Unsichtbarkeit und das Vergessen.

NELLY & NADINE
Regie: Magnus Gertten
Schweden / Belgien / Norwegen 2022, 92 Minuten
Original Dialoge: Französisch, Englisch, Spanisch, Schwedisch mit dt. Untertiteln
Kinostart: 24. November 2022
Mehr zum Film, der Trailer und Kinotermine unter: www.facebook.com/NellyAndNadineFilm









Quelle: Rise and Shine Cinema


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Beitrag vom 24.11.2022

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