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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2022 - Beitrag vom 17.10.2021


Zuhurs Töchter - ein Film von Laurentia Genske und Robin Humboldt. Kinostart am 04.11.2021
Joanna Piekarska

Für ihren zweiten gemeinsamen Dokumentarfilm haben die FilmemacherInnen Laurentia Genske und Robin Humboldt (bekannt durch ihr preisgekröntes Debüt "Am Kölnberg") die Transgender-Teenager Lohan und Samar drei Jahre lang begleitet: In ihrer neuen Heimat Deutschland können die Schwestern aus Syrien endlich ihre weibliche Identität ausleben. Mit "Zuhurs Töchter" gelingt dem Regie-Duo ein bewegendes Porträt zweier Frauen auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft.




Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Transsexualität e.V. geht von 60.000 bis 100.000 in Deutschland lebenden trans* Personen aus. Medial kaum repräsentiert, ist Transidentität bei Personen mit Migrationshintergrund. Ihre Transsexualität ist zusätzlich eingebettet in den Kontext von interkulturellen Konflikten, Sprachproblemen und familiären Spannungen, was die Identitätssuche und Transition noch zusätzlich erschwert. Mit "Zuhurs Töchter" schaffen die beiden RegisseurInnen Laurentia Genske und Robin Humboldt eine Repräsentation einer Gruppe, die für gewöhnlich Platz in Zwischenräumen einnehmen muss.

Wie auch schon ihr erster gemeinsamer, vielfach ausgezeichneter Dokumentarfilm "Am Kölnberg" über das Leben in der gleichnamigen Hochhaussiedlung, ist auch "Zuhurs Töchter" eine Langzeitbeobachtung. Drei Jahre lang haben Laurentia Genske und Robin Humboldt Lohan und Samar auf ihrem Weg begleitet. Die beiden Schwestern, die im Teenageralter mit ihrer Familie von Syrien nach Deutschland geflüchtet sind, wussten schon mit 14 Jahren, dass sie trans* sind. Während sie ihre weibliche Identität in Deutschland anfangs nur im Geheimen auslebten, tun sie das gen Ende der filmischen Langzeit-Dokumentation auch vor ihrer Familie und in der Flüchtlingsunterkunft und lassen schließlich auch geschlechtsangleichende Operationen vornehmen.

Die Suche nach der eigenen Identität

Auch in Deutschland, wo ihnen die Freiheit im Vergleich zu den rigiden Strukturen der syrischen Gesellschaft grenzenlos erscheint, kämpfen sie um Anerkennung. Hier erleben sie eine Doppelbelastung durch Fremden-, sowie Trans*feindlichkeit. Nicht nur in Bezug auf ihr Geschlecht sind sie auf der Suche nach der eigenen Identität, auch sind sie hin- und hergerissen zwischen den beiden Kulturen. "In Deutschland bin ich frei.", sagt eine der Töchter. Zuhur, ihre Mutter, erwidert daraufhin: "Du bist nicht nur Deutsch. Du bist auch arabisch und Moslem." Es sind Sätze wie diese, die so kraftvoll sind, dass die Zuschauerin, obwohl sie es besser weiß, nicht umhinkommt, sich zu fragen, ob sie nicht doch gescriptet sind.

"Lass mich im Diesseits glücklich werden.", ist auch so ein Satz.

Immer wieder versuchen die beiden Schwestern, ihren Eltern ihre Transsexualität zu erklären. Die Zuschauerin wird währenddessen mit den eigenen Vorurteilen konfrontiert, die sie der Familie gegenüber gehegt hat: Patriarchale Strukturen, der Vater ein Familienoberhaupt mit zwei Ehefrauen… Wie wird er die Transsexualität seiner Kinder akzeptieren? Umso mehr werden ihr die eigenen internalisierten Denkmuster vor Augen geführt, als sie dabei zusieht, wie sehr die Eltern versuchen, ihre Kinder zu akzeptieren, auch, wenn sie sich nicht von dem lösen können, was sie verinnerlicht haben. Die Zuschauerin wird dabei überrascht, zu beobachten, wie sehr die Familie trotz aller Widrigkeiten zusammenhält, auch wenn das vermutlich eher die Ausnahme als die Regel darstellt.

Stille BeobachterInnen

Die RegisseurInnen beeinflussen die Emotionen des Publikum nicht mit Musik oder Stimmen aus den Off. Stattdessen gibt es nur O-Töne, die Szenen wirken nur durch die wenigen Worte, die gesagt werden und die Stille, die sie hervorrufen. Laurentia Genske und Robin Humboldt sind stille BeobachterInnen, und wie auch schon in "Am Kölnberg" lassen sie auch in "Zuhurs Töchter" eher Bilder sprechen als Worte. Indem sie einfach nur zusehen und alltägliche, vermeintlich belanglose Situationen festhalten, gelingt es den RegisseurInnen, ein unaufgeregtes, aber ehrliches Bild zu zeigen.

Durch Samar und Lohans Jugendlichkeit und Humor mutet der Film in vielen Momenten beinahe amüsant an, nur um die Zuschauerin in der nächsten Szene unvermittelt zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. In einer dieser überwältigenden Szenen spricht eine der Töchter mit dem Mitarbeiter einer Beratungsstelle und offenbart ihm: "Manchmal denke ich, ich mache mich selber tot. Weil mein Leben ist schwer, weil ich trans bin. Ich will mein ganzes Leben als Frau leben." Laurentia Genske und Robin Humboldt schaffen es, die Wucht der Worte so ehrlich einzufangen, dass frau sich schämt, auch nur kurz geglaubt zu haben, Samar und Lohan litten nicht unter ihrer Transsexualität, nur weil sie selbstbewusst, offen und abgeklärt mit ihr umgehen.

"Was uns an Lohan und Samar von Anfang an fasziniert hat, waren die Entschlossenheit und der Mut, trotz widrigster Bedingungen ihren Weg zu gehen, ihr unerschütterlicher Wille, endlich offen ihre weibliche Identität zu leben, endlich akzeptiert zu werden."(Laurentia Genske und Robin Humboldt)

Und auch die Zuschauerin kommt nicht umhin, Samar und Lohan zu bewundern und beeindruckt zu sein von ihrer Stärke, Aufrichtigkeit und Lebensfreude. Trotz aller Steine, die ihnen in den Weg gelegt werden, scheinen sie nie anzuzweifeln, dass eine Geschlechtsumwandlung der einzige Weg ist, ihr Leben zu leben. Die RegisseurInnen zeigen ihren Weg der Transition, begleiten sie auf der Suche nach der eigenen Identität und sehen ihnen beim Erwachsenwerden zu. Am Ende des Filmes sind die beiden für die Zuschauerin kaum wiederzukennen, scheinen aber endlich zu sich gefunden zu haben.

AVIVA-Tipp: Einfühlsam und sensibel erkennen Laurentia Genske und Robin Humboldt das Einzigartige auch in alltäglichen Situationen und zeichnen so ein authentischeres, beeindruckenderes und kraftvolleres Bild der beiden mutigen ProtagonistInnen, als es jedes Drehbuch geschafft hätte.

Regie: Laurentia Genske wurde 1989 in Köln geboren und absolvierte von 2010 bis 2016 den Studiengang Dokumentarfilm und Kamera an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM). Der Dokumentarfilm "Am Kölnberg" (www.amkoelnberg.de) in Co-Regie mit Robin Humboldt war ihre Abschlussarbeit. Der Film startete im März 2015 in den deutschen Kinos und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Deutschen Dokumentarpreis, lief auf zahlreichen deutschen wie internationalen Festivals und wurde im SWR ausgestrahlt. Weitere Filme von Laurentia Genske sind El Afuera und der Kurzfilm El Manguito, der im März 2017 bei den 63. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen den 3sat Förderpreis und das Prädikat "besonders wertvoll" erhielt. Laurentia Genske lebt und arbeitet in Köln.
Laurentia Genskes Website: www.laurentiagenske.com

Regie: Robin Humboldt wurde 1986 geboren, lebt und arbeitet in Köln. Von 2007 bis 2014 studierte er an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) im Studiengang Dokumentarfilm- und Spielfilmregie. Während des Studiums entstanden sowohl dokumentarische als auch fiktionale Kurzfilme, die auf zahlreichen Festivals eingeladen wurden. Der preisgekrönte Film "Am Kölnberg" war ebenso wie Laurentia Genskes auch Robin Humboldts Abschlussarbeit. Für die Entwicklung von "Zuhurs Töchter" erhielt er 2016 das Gerd-Ruge-Stipendium der Film und Medienstiftung NRW.

Zuhurs Töchter
Deutschland 2021
Buch und Regie: Laurentia Genske und Robin Humboldt
Verleih: Camino Filmverleih
Laufzeit: 89 Minuten
Kinostart: 4. November 2021
Mehr zum Film und der Trailer unter: www.camino-film.com

Die Deutschlandpremiere von Zuhurs Töchter fand im Mai 2020 auf dem DOK.fest in München statt, wo der Film den mit 5000€ dotierten Preis im Wettbewerb DOK.deutsch gewann.

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Beitrag vom 17.10.2021

AVIVA-Redaktion