AVIVA-Interview- + Fotoprojekt JETZT ERST RECHT: Judith - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Juedisches Leben JETZT ERST RECHT!



AVIVA-BERLIN.de 13/1/5781 - Beitrag vom 02.01.2021


AVIVA-Interview- + Fotoprojekt JETZT ERST RECHT: Judith
Judith Tarazi, Sharon Adler

Um die Gedanken und Erfahrungen, Perspektiven und Forderungen jüdischer Menschen zu Antisemitismus in Deutschland sichtbar zu machen und ihnen abseits der Statistiken ein Gesicht und eine Stimme zu geben, hat die Fotografin und Journalistin, Herausgeberin von AVIVA-Berlin, Sharon Adler das Projekt "JETZT ERST RECHT! STOP ANTISEMITISMUS!" initiiert, das von der Amadeu Antonio Stiftung gefördert wird. Eine der Teilnehmer*innen ist die Kunsttherapeutin Judith Tarazi. Ihr Slogan lautet: "JETZT ERST RECHT! - STOP ANTISEMITISMUS" – "Kein Raum für Hass!"




AVIVA: Thema Antisemitismus in Deutschland heute: Der Jahresbericht 2019 des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Bundesverband RIAS) e.V. dokumentiert 1.253 antisemitische Vorfälle in vier Bundesländern. Kannst Du in dem aktuellen Kontext bitte einmal genauer erläutern, welche Message Du mit Deinem Statement "Kein Raum für Hass!" auf unserem Demo-Plakat transportieren willst?



Judith Tarazi: "Kein Raum für Hass" bedeutet für mich persönlich, dem Hass, der einem entgegenschlägt etwas anderes entgegen zu setzen. "When they go low, we go high" (Michelle Obama). Nicht immer einfach...

AVIVA: Was denkst Du, müsste und könnte die Politik und die Gesellschaft leisten, um dem wachsenden Hass entgegen zu wirken? In welchen Bereichen vermisst Du zivilgesellschaftliches Engagement, Solidarität oder Empathie?

Judith Tarazi: Hass entsteht ja aus eigener Unzufriedenheit und aus Ängsten. Von früher Kindheit an wird gelernt, anderen zu misstrauen. In jeder Gesellschaft gibt es Unzufriedenheit, Menschen, die sich erheben, indem sie auf andere Herabsehen. Ich denke, langfristig ist dies in einem reichen Land wie Deutschland vor allem eine bildungspolitische Aufgabe.

Zivilgesellschaftliches Engagement, Solidarität oder Empathie gibt es ja durchaus, allerdings bilden sich hier natürlich Blasen und an die, die erreicht werden sollten, kommt man oft nicht heran.

Interessant in diesem Zusammenhang finde ich das aktuelle Vorgehen der Jüdischen Gemeinde in Bremen. Dort verzichtet man bewusst auf eine(n) Antisemitismusbeauftragte(n). Man sieht keinen Nutzen darin, da die langjährige Strategie der Bekämpfung der judenfeindlichen Ressentiments versagt habe. Ein Antisemitismusbeauftragter als Institution sei ein lebendig gewordenes Versagen der demokratischen Gesellschaft.
Um Normalität in der Beziehung zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Juden in Deutschland zu erreichen, arbeitet die Gemeinde seit Jahren daran, ein Forum verschiedener gesellschaftlicher Akteure aufzubauen, die sich gemeinsam für das jüdische Leben in der Stadt engagieren.
Das ist auch, was ich vermisse: den Wunsch nach Begegnung und ein wahrhaftiges Interesse an der Vielfalt aktuellen, lebendigen jüdischen Lebens.

AVIVA: Aktuell während der Covid-19-Pandemie kursieren auf den sogenannten "Hygienedemos" der "Querdenker" altbekannte antijüdische Verschwörungstheorien und die Bagatellisierung und Leugnung der Shoah, darunter Bilder von Menschen in KZ-Kleidung oder von Anne Frank und Sophie Scholl. Im Zeitraum vom 17. März bis 17. Juni 2020 wurden dem Bundesverband RIAS 123 Kundgebungen und Demonstrationen bekannt, bei denen es zu antisemitischen Äußerungen kam.
Welche Klischees werden bedient und was hat Dich an diesen Bildern am meisten geschockt oder verletzt?

Judith Tarazi: Da gab es Bilder, die einen erst einmal sprachlos machen: Diese totale Verharmlosung der Shoah. Die Vergleiche mit Anne Frank oder auch Sophie Scholl und das Tragen von KZ-Kleidung zeigen die perfide Aneignung eines Opfer-Mythos, durch die man glaubt, unangreifbar zu werden. Weil man glaubt selbst Opfer einer Weltverschwörung zu sein entsteht eine Art Opferneid. Das finde ich sehr verstörend.

Die alten antisemitischen Verschwörungstheorien, die jetzt wieder auftauchen zeigen, wie dünn die Decke der Zivilisation ist und wie hartnäckig bestimmte Ideen weiterköcheln.
Trotzdem möchte ich nicht aufhören zu fragen: Was ist da passiert? Was geht hier schief? Kann man Menschen, die so denken und agieren noch in irgendeiner Form erreichen?
Ich finde aber auch, es kann nicht die Aufgabe allein der jüdischen Menschen in Deutschland sein, gegen Antisemitismus vorzugehen.

AVIVA: "Omanut", oder "Kunst" auf Hebräisch, heißt ein erfolgreiches Projekt der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) für Menschen mit geistiger Behinderung und psychischen Erkrankungen, das Du als Kunsttherapeutin leitest. Musstest Du oder die Teilnehmenden im Rahmen von Omanut aktuell oder in der Vergangenheit schon einmal Antisemitismus und Hass erfahren? Welche Erfahrungen hast Du gemacht?

Judith Tarazi Es gibt durchaus immer mal wieder verstörende Begegnungen.
Und offen gesagt bin ich froh, wenn unsere Kippa-tragenden Teilnehmer unterwegs eine Mütze tragen.
Da sind diese offensichtlichen Geschichten, zum Beispiel sind wir vor unserem Gebäude angepöbelt worden.
Auch nicht gerade subtil, aber anders, sind dann Bemerkungen von Externen wie zum Beispiel Ich hab’ nichts gegen Juden, die sind ja auch Menschen, Ihr müsst keine Angst haben oder Seid Ihr wirklich alle Juden, das sieht man ja gar nicht.
Das kommt dann so unvermittelt, dass es einen sprachlos hinterlässt.
Wenn ich für die ZWST unterwegs bin, auf Seminaren zum Beispiel, wird schon mal versucht, völlig vom Kontext losgelöste Diskussionen über die Politik Israels zu führen.

AVIVA: Die meisten jüdischen Einrichtungen in Deutschland werden überwacht und bewacht, und das hat einen guten Grund. Fühlst du dich sicher , da Omanut ja einen hebräischen Namen trägt wenn du im Kunstatelier arbeitest oder wenn ihr Ausstellungen habt, die frei und für jede/n zugänglich sind?

Judith Tarazi: Wir haben das Glück, dass unser Atelier in einem Haus der Jüdischen Gemeinde beheimatet ist und genießen dort den Schutz der Polizei.
Ich persönlich finde das sehr beruhigend.
Allerdings sind wir so im öffentlichen Raum nicht wahrnehmbar. Und das ist schade.
Neben dem Atelier betreiben wir noch eine kleine Galerie in Tempelhof. Da haben wir vorher wirklich diskutiert, ob wir sie Jüdische Galerie Omanut nennen und haben uns dafür entschieden. Bisher haben wir nur gute Erfahrungen gemacht und sind dort im Kiez auch gut eingebunden. Das finde ich wichtig und schön.
Ich muss aber zugeben, dass ich jedes Mal, wenn ich dorthin komme, erleichtert bin, dass alles noch in Ordnung ist.

Antisemitismus an Schulen

AVIVA:
Unter Kindern und Jugendlichen wird das Wort "Jude" auf Schulhöfen oder in sozialen Netzwerken ganz offen als Schimpfwort benutzt. Es bleibt aber nicht immer bei verbalen Attacken, sondern kommt immer wieder zur Gewaltbereitschaft durch Schüler*innen.
Wurden Deine Kinder schon einmal Opfer oder Zeug_innen von Antisemitismus? Warum, denkst Du, kommt es sogar schon unter Kindern und Jugendlichen zu antisemitischen Denken und Gewaltbereitschaft?

Judith Tarazi: Meine Kinder haben die Jüdischen Schulen in Berlin besucht.
Erfahrungen mit Antisemitismus haben sie also eher außerhalb erlebt.
Eine Geschichte ist mir besonders in Erinnerung: Die Klasse meines Sohnes ist auf Klassenfahrt in Stralsund gewesen. Während des Essens wurden die Kinder (die Jungen trugen Kippa) massiv von einer anderen Schulklasse (auch aus Berlin) antisemitisch beschimpft. Die Auseinandersetzungen wurden dann sogar körperlich.
Der Fall, der meinen Sohn sehr aufgewühlt hatte, wurde dann leider nicht weiter besprochen, geschweige denn mit der anderen Schule aufgearbeitet obwohl wir Eltern darauf gedrungen haben. Eine verpasste Gelegenheit.
Antisemitismus und Gewaltbereitschaft haben unterschiedliche Ursachen, die Auseinandersetzung damit ist komplex und überfordert sicherlich viele Lehrkräfte.

AVIVA: Welche Maßnahmen in der Jugend- oder Erwachsenenbildung wären Deiner Meinung nach wichtig für eine wirksame Bildungsarbeit gegen Antisemitismus? Welchen Auftrag siehst Du in der Arbeit der Bildungsinstitutionen? Was kann nachhaltig wirken und wo siehst Du mehr Bedarf?

Judith Tarazi: Ich bin ein großer Fan des Bildungsprojektes "Meet A Jew" des Zentralrates der Juden. Hierbei stellen sich jüdische Menschen den Fragen von Schüler:innen, gehen furchtlos in die Schulen und sorgen so für Begegnungen und Normalität. Das ist meines Erachtens nach der Schlüssel. Nichts ersetzt eine persönliche Begegnung.
Wichtig ist es auch, den Teilnehmenden zu signalisieren, dass es keine falschen Fragen gibt.
Wie schon gesagt, kann es natürlich andererseits nicht sein, dass jüdische Menschen die Hauptverantwortlichen in der Bekämpfung von Antisemitismus und in der Aufklärungsarbeit sind.

AVIVA: Wie beurteilst Du es in dem Kontext, dass die Mutter des Halle-Attentäters Lehrerin ist und an der Grundschule in Helbra (Sachsen) Deutsch, Sachkunde und Ethik unterrichtet? (Nach dem Attentat sagte sie gegenüber Spiegel TV: "Er hat nichts gegen Juden in dem Sinne. Er hat was gegen die Leute, die hinter der finanziellen Macht stehen – wer hat das nicht?")

Judith Tarazi: Überraschend finde ich das nicht.
Viele Lehrer:innen kennen Antisemitismus als etwas Abstraktes, etwas das mit ihrem Leben nichts zu tun hat und sind dementsprechend unvorbereitet.
Oft werden antisemitische Übergriffe und Äußerungen banalisiert.
Und natürlich gibt es auch die, bei denen die tief verwurzelten antisemitischen Einstellungen vorhanden sind, die sich zum Beispiel in der Unterstützung und Verbreitung von Verschwörungstheorien zeigen.
Ich denke, hier gibt es auf mehreren Ebenen viel zu tun:
Kurzfristig wären die Einrichtungen Beschwerdestellen und konkrete Handreichungen für Lehrkräfte im Umgang mit Antisemitismus sicher sinnvoll.
Langfristig müssen Antisemitismuskonzepte mehr in den Lehralltag integriert werden, die bisherige Vermittlung der Shoah und der Geschichte nach 1945 sollte auf den Prüfstand.


Judith Tarazi ist Grafikdesignerin und Kunsttherapeutin. Sie leitet seit 2012 das Kunstatelier Omanut, ein künstlerisch orientiertes Projekt für Menschen mit geistiger Behinderung und psychischen Erkrankungen.

Unter dem Dach der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland bietet das Kunstatelier Omanut jüdischen und nicht-jüdischen Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen eine vielseitige Tagesbetreuung und Beratung in familiärer Atmosphäre an.

Mehr Infos zum Kunstatelier OMANUT unter: www.kunstatelier-omanut.de und facebook.com/KunstatelierOmanut

JETZT ERST RECHT!
Um die Erfahrungen, Perspektiven und Forderungen von jüdischen Menschen in Deutschland sichtbar zu machen und ihnen abseits der Statistiken ein Gesicht und eine Stimme zu geben, hat die jüdische Fotografin und Journalistin, Herausgeberin von AVIVA-Berlin Sharon Adler ihr neues Projekt JETZT ERST RECHT! initiiert.



Gefördert wurde das Interview- + Fotoprojekt von der Amadeu Antonio Stiftung.



Copyright: Gestaltet wurde das Signet JETZT ERST RECHT! von der Künstlerin Shlomit Lehavi. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich nach vorheriger schriftlicher Anfrage und Genehmigung durch AVIVA-Berlin.

Copyright Foto von Judith Tarazi: Sharon Adler


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Omanut - die heilende Kraft der Kunst
Omanut, oder Kunst auf Hebräisch, heißt ein erfolgreiches Projekt der ZWST für jüdische Menschen mit Behinderung. Die Kunsttherapeutin Judith Tarazi spricht über den Alltag des Kunstateliers. (2014)

Ayse-Gül Yilmaz und Judith Tarazi
Beide Frauen arbeiten im sozialen Bereich. Viel mehr wussten sie nicht übereinander, als sie sich in der AVIVA-Redaktion trafen. "Du bist erst die zweite Jüdin, mit der ich bewusst spreche" fiel Ayse-Gül auf. Im Gespräch fanden sich viel Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede.
Das AVIVA-Projekt unter dem Titel/Motto "Lokale Geschichte(n) Charlottenburg-Wilmersdorf", erdacht und konzipiert von Sharon Adler, AVIVA-Berlin, wurde im Jahr 2014 als Vorläufer-Projekt zum Foto- und Dialogprojekt "Schalom Aleikum" von AVIVA-Berlin.

ZWST eröffnet neue Beratungsstelle für Betroffene antisemitischer Gewalt in Berlin
Mit der neuen Beratungsstelle soll ein Angebot speziell für Ratsuchende nach Erfahrungen antisemitischer Gewalt geschaffen werden, das sich durch einen niedrigschwelligen Ansatz auszeichnet. (24.04.2017)


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Beitrag vom 02.01.2021

AVIVA-Redaktion 






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