Der 7. Oktober 2023. Das Schweigen der Mehrheit ist unerträglich. Unerträglich laut. - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de 11/21/5784 - Beitrag vom 25.10.2023


Der 7. Oktober 2023. Das Schweigen der Mehrheit ist unerträglich. Unerträglich laut.
Sharon Adler

Über den Schmerz, die Trauer, die Hilflosigkeit, die Verzweiflung in der Diaspora über Israel angesichts des Terrors der Hamas einerseits, der Verurteilung durch die UNO und Mehrheitsgesellschaft und des Schweigens und der Empathielosigkeit andererseits.




Seit dem frühen Morgen des 7. Oktober 2023 ist nichts mehr, wie es war. Die Welt, die Welt in Israel und in der gesamten jüdischen Community, ist seitdem eine andere. Dieser Morgen begann damit, dass unsere Handys in kurzer Folge die Signaltöne eingehender Messages ausgaben. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass etwas passiert ist. Die Nachrichten kommen aus Israel und aus der jüdischen und israelischen Community weltweit. Von der Familie, von Freundinnen und Freunden, von Kolleg*innen: "In Israel ist Krieg", "es ist etwas Furchtbares passiert", "wir sind in Sicherheit", "wir haben Angst" …

Und dann der Blick auf die Nachrichten: das, was wir in den deutschen und internationalen Medien sehen, sind furchtbare und in ihrer Grausamkeit unbeschreibliche Bilder von fliehenden jungen Menschen, die auf einem Musikfestival von Terroristen unbarmherzig abgeschlachtet, verschleppt, vergewaltigt wurden. Seit der Shoah, seit dem Holocaust, sind nicht mehr so viele Jüdinnen und Juden an einem einzigen Tag getötet worden.



Meine timeline besteht seitdem beinahe* (*beinahe, denn es gibt auch Posts von Menschen, die davon anscheinend völlig unberührt sind. Kaum vorstellbar, aber Leute, die ich persönlich kenne, posten weiterhin fleißig Fotos von Filmpremieren, Vernissagen, Sonnen-Auf- und Untergängen etc. etc.) nur noch aus den herzzerreißenden Nachrichten über vermisste Frauen, Männer und Kinder, über Tote und Verletzte in den Kibbuzim, aber auch aus Solidaritätsbekundungen und Aufrufe für Spendenaktionen, aus Angeboten für psychologischen Support von jüdischen Organisationen zum Umgang mit Traumata; Posts von Israelis, die ihre Wohnungen für die Überlebenden öffnen, die Blut spenden, die in jeder nur möglichen Art versuchen, zu helfen.

Meanwhile in Berlin: In Neukölln, wo ich als Kind zeitweise bei meiner Urgroßmutter aufgewachsen bin, gehen Menschen auf die Straßen, die ganz unverhohlen das barbarische Massaker an ermordeten Kindern, Frauen und Männern feiern. Die Bonbons und Kuchen verteilen, die Hetze und Hass gegen den Staat Israel und seine Bewohner*innen skandieren. Die zu seiner Vernichtung aufrufen und zum Töten aller Jüdinnen und Juden, weltweit.

Bin ich überrascht? Ist das ein neues Phänomen? Nein.

Diese Bilder kennen wir seit Jahren. Die gibt es bei jedem Anschlag auf israelische Bürger*innen in der gesamten arabischen Welt. In der Sonnenallee anders ist, dass an der Seite dieser Leute, die die Terrororganisationen Hamas und Hisbollah unterstützen, junge deutsche Sympathisant*innen stehen. Das schmerzt. Es schmerzt auch das Schweigen der Club- und Musikszene, der Fraueninitiativen, der Kulturinstitutionen. Anders in Hollywood: 700 Schauspieler*innen und Filmschaffende haben den offenen Brief der NGO "Creative Community For Peace" unterzeichnet, in der sie die Terrorgruppe zur Freilassung ihrer israelischen Geiseln aufrufen und vor einer Fehlinformations-Propaganda-Kampagne des Iran warnen. Bei uns hüllt sich Kulturstaatsministerin Roth auch dann in Schweigen, wenn die von ihr hofierten Ruangrupa-Kuratoren der documenta 15 auf den Terror der Hamas mit einem "Like" reagieren. Wie gewohnt, wenn es um Antisemitismus und um Israelhass im Kulturbetrieb geht.

Das Schweigen der Mehrheitsgesellschaft ist laut. Und unerträglich. Unerträglich laut.



Während die Jüdinnen und Juden in der Diaspora ihren Schmerz sichtbar machen, versuchen, sich gegenseitig zu unterstützen so gut es eben geht und in ständigem Kontakt stehen, Petitionen wie "Bring Them Home Now" und offene Briefe zur Freilassung der Geiseln aufsetzen, Mahnwachen und Kundgebungen organisieren, müssen sie sich gleichzeitig gegen die deutsche Kälte wappnen: Die Empathielosigkeit, mit der eine deutsche Militärexpertin in einer Late-Night-Talk-Show schwadroniert, man habe ja die Fotos der geköpften israelischen Babies "nie gesehen", ist schwer auszuhalten, und macht sprachlos.



Aber es gibt auch eine Welle der Solidarität, Menschen, die an unserer Seite stehen. Viele aber sind es nicht. Es könnten durchaus mehr sein. Eine wichtige Geste war die Beleuchtung des Brandenburger Tors mit den Farben und Symbolen der israelischen Flagge, doch nur wenige Tage später war das schon Geschichte. Die Initiator*innen des Festival of Lights kamen leider nicht auf die Idee, ein Zeichen von Solidarität mit den Menschen in Israel zu setzen und zeigten stattdessen gewohnt poppig bunte Bilder. Apropos Flaggen: Von denen, die deutschlandweit an öffentlichen Gebäuden aufgezogen wurden, blieben nicht sehr viele lange hängen. Die meisten wurden abgerissen, gestohlen, verbrannt, zertrampelt.

Der Arm der Hamas und seiner Unterstützer*innen in Deutschland ist lang und mächtig. Jüdische wie nichtjüdische zivilgesellschaftliche Personen, darunter Exil-Iraner*innen, die sich zuletzt in Paris bei einer Solidaritäts-Rallye an die Seite Israels gestellt haben, und zahlreiche Organisationen warnen seit Jahren vor der Gefahr, die vom Iran ausgeht, und fordern das Ende der wirtschaftlichen Beziehungen mit diesem autokratischen Regime, ein Ende aller Deals, den Ausstieg aus dem Atomprogramm mit dem Iran. Was ist passiert? Nichts. Im Gegenteil, die milliardenschweren Deals laufen immer weiter und Handshakes mit Mullas sind im politischen Geschäft in Deutschland an der Tagesordnung. Business as usual.

Immerhin soll die Organisation Samidoun, eine Unterstützerin der Hamas in Deutschland jetzt verboten werden. Endlich. Es bleibt zu hoffen, dass das Innenministerium, die Polizei und die Justiz im Blick behalten, dass diese Leute weiter aktiv und gewaltbereit sein werden: Auf den Straßen, in den Schulen, in Universitäten und Vereinen. Und sie sind gewaltbereit. "Tod den Juden" ist für sie keine Floskel.

Aber dass Samidoun nicht die einzige Organisation dieser Art ist, sollte wohl jedem klar sein. In Deutschland musste die Sicherheit vor jüdischen und israelischen Einrichtungen massiv erhöht werden, der Sportverein TuS Makkabi Berlin e.V. hatte seinen Spielbetrieb vorübergehend eingestellt und die Mehrzahl der jüdischen Schüler*innen fühlt sich an staatlichen Schulen vor verbalen wie physischen Attacken schon lange nicht mehr sicher.

Neukölln jedenfalls ist für Jüdinnen und Juden, ob aus Deutschland, Israel oder anderswo aus der Welt, nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 eine No-Go-Area geworden. Es wäre Harakiri, sich dort offen mit Kippa oder einer Kette mit Davidstern-Anhänger in ein Café zu setzen.

Dieser 7. Oktober 2023 ist übrigens, nach dem gregorianischen Kalender, auch der 4. Jahrestag des Attentats auf die Synagoge in Halle an Yom Kippur.
Das von Politiker*innen so gern beschworene "Nie wieder" ist genau jetzt. In diesem Sinne: Shame on you, Guterrez, shame on you Steffen Hebestreit.

.tbc.

Ein Audio dieses Kommentars kann auf Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton nachgehört werden. (Beitrag vom 18. Oktober 2023).







Jüdisches Leben

Beitrag vom 25.10.2023

Sharon Adler