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AVIVA-BERLIN.de 11/16/5782 - Beitrag vom 28.11.2021


Der 20. Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin ging an Charlotte Knobloch und Daniel Libeskind
AVIVA-Redaktion

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Charlotte Knobloch wurde für ihr langjähriges Engagement gegen Antisemitismus und für den Aufbau jüdischen Lebens seit der Nachkriegszeit ausgezeichnet. Architekt Daniel Libeskind erhielt den Preis für seine intensive Beschäftigung mit Geschichte, gesellschaftlichen Belangen und kultureller Vermittlung.




Der "Preis für Verständigung und Toleranz"

Das Jüdische Museum Berlin zeichnet mit dem "Preis für Verständigung und Toleranz" seit 2002 Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wirtschaft aus, die sich auf herausragende Weise um die Förderung der Menschenwürde, der Völkerverständigung, der Integration von Minderheiten und des Zusammenlebens unterschiedlicher Religionen und Kulturen verdient gemacht haben. Der Preis wird traditionell im Rahmen eines festlichen Dinners gemeinsam vom Jüdischen Museum Berlin und den Freunden des Jüdischen Museums Berlin verliehen.

Der 20. "Preis für Verständigung und Toleranz" wurde in diesem Jahr an die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Charlotte Knobloch und den Architekten Daniel Libeskind verliehen. Die Laudatio für Charlotte Knobloch hielt Stephan Harbarth, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, die Laudatio für Daniel Libeskind wurde von der Kuratorin und internationalen Kunsthändlerin Daniella Luxembourg verfasst. Da sie aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Preisverleihung teilnehmen konnte, verlas die Schauspielerin Iris Berben ihre Rede. Hetty Berg, die Direktorin des Jüdischen Museums Berlin, überreichte die Preise.

Preisverleihung am 13. November 2021: 20. "Preis für Verständigung und Toleranz" an Charlotte Knobloch und Daniel Libeskind im Jüdischen Museum Berlin. V.l.n.r. Schauspielerin Iris Berben. Architekt und Preisträger Daniel Libeskind. Direktorin des Jüdischen Museums Berlin Hetty Berg. Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Preisträgerin Charlotte Knobloch. Präsident des Bundesverfassungsgerichts Stephan Harbarth. (©Sharon Adler/AVIVA-Berlin, 2021)


In der Begründung für die Vergabe des Preises an Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland (2006 bis 2010), heißt es: "Charlotte Knobloch hat sich um den Aufbau jüdischen Lebens seit der Nachkriegszeit verdient gemacht. Ihre Stimme ist aus dem öffentlichen Diskurs in Deutschland nicht wegzudenken. Sie begann früh, sich in internationalen und nationalen jüdischen Institutionen wie dem Jüdischen Weltkongress und dem Europäischen Jüdischen Kongress zu engagieren und bekleidete dort wichtige Ämter – manche als erste Frau. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist eine treibende Kraft für einen friedlichen Dialog zwischen Kulturen und Religionen. Mit stets klaren Worten tritt sie Antisemitismus und der Diskriminierung von Minderheiten entgegen."

Die Jury begründet ihre Entscheidung, neben Charlotte Knobloch den Architekten Daniel Libeskind mit dem Preis zu ehren, unter anderem wie folgt: "Daniel Libeskind zufolge muss Architektur mit der Vergangenheit umgehen und gibt Raum für Gedächtnis und Erinnerung. Zugleich gestaltet Architektur Zukunft. Sein Architekturverständnis ist zutiefst demokratisch: Stadträume gehören der Allgemeinheit, bei architektonischen Projekten sollten die Menschen, die vor Ort leben, Mitspracherecht haben. Libeskinds Architekturen sind Orte, an denen Freiheit, Verständigung und Toleranz gedeihen können. Neben dem Jüdischen Museum Berlin hat Daniel Libeskind das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück entworfen, das Jüdische Museum in Kopenhagen, das Zeitgenössische Jüdische Museum in San Francisco, den Ground-Zero-Masterplan der Neugestaltung des World Trade Center in New York, das Amsterdamer Namen-Monument, aktuell die Neugestaltung der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh – und viele andere Bauten, die sich mit Vergangenheit und Zukunft auseinandersetzen."

Preisträgerin Charlotte Knobloch als Charlotte Neuland 1932 in München geboren, war von klein auf antisemitistischen Angriffen ausgesetzt. Sie entging der Deportation ins Konzentrationslager nur, weil eine ehemalige Hausangestellte ihres Onkels sie in Franken bei ihrer katholischen Bauersfamilie aufnahm und als ihr eigenes Kind ausgab. Nach dem Krieg kehrte sie mit ihrem Vater nach München zurück, wo sie 1951 Samuel Knobloch heiratete.
Der Blick Charlotte Knoblochs richtet sich auf die Gegenwart und die Zukunft: Unermüdlich klärt sie über das Judentum auf, geht gegen Judenhass vor, fordert mehr Einsatz der Behörden gegen Volksverhetzung und warnt davor, die Errungenschaften der letzten 76 Jahre in Deutschland für allzu selbstverständlich zu halten. Dennoch blickt Knobloch voller Zuversicht auf die junge Generation, der sie bescheinigt, Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft zu übernehmen. Obwohl sie bis heute immer wieder Anfeindungen ausgesetzt ist, bekennt sie sich zu Deutschland als ihrer Heimat: "Ich bin stolz darauf, eine jüdische Deutsche zu sein."
Die Liste der jüdischen Institutionen, für die Charlotte Knobloch gearbeitet hat, ist beeindruckend – neben den bereits genannten seien exemplarisch noch der Jüdische Frauenbund und die Women´s International Zionist Organization genannt. Das Engagement Knoblochs für den Neubau des jüdischen Gemeindezentrums und der Synagoge in München trug entscheidend zur Umsetzung der Pläne bei.
Charlotte Knoblochs wurde mit zahlreichen Auszeichnungen für zivilgesellschaftliches Engagement bedacht, unter anderem der Moses Mendelssohn Medaille, dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, dem Großen Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland oder dem Eugen-Biser-Preis, den sie als erste Frau und erste Jüdin für ihren Beitrag zu Frieden und Freiheit erhielt.
Mehr zu Charlotte Knobloch im Interview mit Sharon Adler (AVIVA-Berlin) für die Reihe "Jüdinnen in Deutschland nach 1945. Erinnerungen, Brüche, Perspektiven" im Deutschland Archiv Online der Bundeszentrale für politische Bildung: www.bpb.de

Preisträger Daniel Libeskind wurde 1946 in Łódź geboren, zog 1957 zunächst nach Israel und 1959 in die USA, wo er an der Cooper Union School of Architecture studierte. Er war Mitte Fünfzig und bereits viele Jahre als Professor für Architektur tätig, als er 2001 mit der Eröffnung des von ihm 1989 entworfenen Jüdischen Museums Berlin weltweite Berühmtheit erlangte. Viele Museumsbesucher*innen kommen, um die Umsetzung des Entwurfs "Between The Lines" zu sehen und den Bau mit den "Voids" zu durchschreiten, was eine Erfahrung für sich ist – von den Ausstellungen abgesehen. Im Grundriss eines zerbrochenen Davidsterns kommen sowohl Libeskinds dekonstruktivistischer Ansatz als auch sein steter Bezug auf außerarchitektonische Inhalte zum Tragen. Der Deutsche Architekturpreis, den Libeskind für diesen Museumsbau erhielt, ist eine von seinen zahlreichen Auszeichnungen, zu denen u.a. die Goethe-Medaille, der Hiroshima Art Prize, die Goldmedaille für Architektur des National Arts Club oder die Buber-Rosenzweig-Medaille zählen.
Im Zuge seiner Entwürfe beschäftigt Daniel Libeskind sich intensiv mit Geschichte, gesellschaftlichen Belangen und kultureller Vermittlung. Sein Wirken reicht weit hinaus über herausragende Einzelbauwerke: Auch in Berlin brachte er sich nach dem Fall der Mauer intensiv in die städtebauliche Neugestaltung ein. Mit seinem Ansatz, hochdifferenzierte architektonische Formen und Bezüge zu verbinden und das öffentliche Interesse wie die öffentliche Nutzung in seine Entwürfe einzubeziehen, hat Daniel Libeskind die zeitgenössische Architektur und die Nutzung öffentlicher Räume maßgeblich geprägt.

Die Preisträger*innen 2002 bis 2020

Mit dem Preis für Verständigung und Toleranz des Jüdischen Museums Berlin wurden bereits ausgezeichnet: Berthold Beitz, Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, und Heinrich von Pierer, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Siemens AG (2002), der Bundesinnenminister a. D. Otto Schily und die Verlegerin Friede Springer (2003), der Unternehmer Michael Otto und Bundespräsident a. D. Johannes Rau (2004), der Sammler und Mäzen Heinz Berggruen und der Politiker Otto Graf Lambsdorff (2005), der Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin Daniel Barenboim und der BMW-Manager Helmut Panke (2006), der Bundeskanzler a. D. Helmut Kohl und der Historiker Fritz Stern (2007), der Unternehmensberater Roland Berger und der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész (2008), Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung Robert Bosch GmbH und Christof Bosch, Sprecher der Familie und Mitglied des Kuratoriums Robert Bosch Stiftung GmbH – beide als Vertreter des Hauses Bosch – und der Filmregisseur Michael Verhoeven (2009), der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma und der Wirtschaftsmanager Hubertus Erlen (2010), Bundeskanzlerin Angela Merkel (2011), Klaus Mangold, Vorsitzender des Aufsichtsrates Rothschild, Frankfurt und Moskau, und Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker (2012), Berthold Leibinger, Gesellschafter TRUMPF GmbH + Co. KG, Ditzingen, und Schauspielerin Iris Berben (2013), Verleger Hubert Burda und Bundesminister der Finanzen Wolfgang Schäuble, MdB (2014), W. Michael Blumenthal, Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin (2015), die Zeitzeuginnen Renate Lasker Harpprecht und Anita Lasker Wallfisch sowie der Unternehmer Hasso Plattner (2016) Joe Kaeser, Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG sowie Joachim Gauck, Bundespräsident a.D. (2017), Unternehmerin Susanne Klatten und der Schriftsteller David Grossman (2018), Bundesaußenminister Heiko Maas und Künstler Anselm Kiefer (2019) und zuletzt an die ehemalige US-amerikanische Außenministerin Madeleine Albright und den Pianisten Igor Levit (2020).

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Fotos: Sharon Adler

Quelle: Pressemitteilung Jüdisches Museum Berlin 13. November 2021







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