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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 08.12.2014


Susanne Kippenberger - Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern
Claire Horst

Erstaunlich, dass die Mitfords in Deutschland kaum bekannt sind. Eine derart schillernde Familie waren sie, dass sie in unzähligen britischen Dokumentationen und Büchern porträtiert worden sind.




Nicht nur die unglaublichen Kontraste zwischen den sechs Schwestern, auch die Lebenswege jeder einzelnen geben genug her, um Bände zu füllen.

"Ich bin normal, meine Frau ist normal, von meinen Töchtern aber ist eine verrückter als die andere", soll Baron Redesdale, der Vater der sechs Mitford-Schwestern, einmal gesagt haben. Verrückt" ist vielleicht das falsche Wort – außergewöhnlich war diese Familie in jedem Fall. Neben Pamela, der häuslichen Schwester, die mit Pferden und Hunden auf dem Land lebte, waren da Diana, die Hitler verehrte und mit dem Führer der britischen Faschisten verheiratet war, und Unity Valkyrie, auch sie Hitler-Freundin. Sie schoss sich 1939 in den Kopf, nachdem Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatte und überlebte mit einer geistigen Behinderung. Erst im November 2014 starb mit Deborah die jüngste der Schwestern, und die einzige, die ein klassisches Herzoginnen-Leben im Familienschloss geführt hatte. Außerdem gab es Nancy, eine Erfolgsautorin, die den größten Teil ihres Lebens in Paris verbrachte. Der einzige Bruder, Tom, starb als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Burma.

Kippenberger hat die rebellischste der Schwestern ausgewählt. "Warum von den sechs Schwestern gerade sie? Weil Decca für mich nicht nur die faszinierendste, sondern auch die sympathischste ist", so die Autorin im Vorwort. Ihrer Biografie hat sie ein Zitat aus dem Film "Harold and Maude" vorangestellt – eine Liedzeile von Cat Stevens: "If you want to sing out, sing out / And if you want to be free, be free." Zu ihrer Heldin passt die Zeile ganz wunderbar, denn Jessica (genannt Decca) Mitford ließ sich nicht den Mund verbieten. Bis zu ihrem Lebensende überzeugte Kommunistin und Bürgerrechtlerin, Selfmade-Journalistin und Buchautorin, arbeitete sie vorrangig zu Themen, an denen sich andere nicht die Finger verbrennen wollten.

Schon mit 12 Jahren legte Decca ein "Weglaufkonto" bei der Privatbank ihrer aristokratischen Familie an, das sie mit 19 plünderte, um mit ihrem Cousin, den sie später heiratete, in den spanischen Bürgerkrieg zu ziehen. Gemeinsam gingen die Jugendlichen in die USA. Als ihr Mann im Krieg starb, schlug Decca sich zunächst mit Jobs durch, trat der KP der Vereinigten Staaten bei, schrieb Artikel und Bücher und solidarisierte sich mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Mit ihrem zweiten Mann, dem Anwalt Bob Treuhaft, unterstützte sie protestierende StudentInnen und MenschenrechtsaktivistInnen, die mit Repressionen zu kämpfen hatten.

Ohne selbst eine Schule besucht zu haben – die Mutter hatte darauf bestanden, die Töchter zu Hause von Gouvernanten unterrichten zu lassen –, wurde Decca zu einer bekannten Journalistin und Autorin. Ihre journalistische Arbeit war dabei immer eng verknüpft mit ihrem politischen Aktivismus – an das Credo, dass eine Journalistin stets Objektivität wahren müsse, glaubte sie nicht. So wurde sie 1967 gemeinsam mit eine Gruppe von "Freedom Riders", Menschen, die sich gegen die "Rassentrennung" einsetzten, vom Ku Klux Klan in einer Kirche in Alabama eingeschlossen und angegriffen. Ihre investigative Arbeit zur US-amerikanischen Bestattungsindustrie, "The American Way of Death", machte sie berühmt und führte zu Anhörungen im Kongress, die sich mit den unlauteren Praktiken vieler Bestatter beschäftigten.

Kippenberger ist von ihrer Figur fasziniert, das ist dem Buch anzumerken, und doch verfällt sie nie in kritiklose Begeisterung. Ihre Jessica Mitford ist sich ihrer elitären Herkunft durchaus bewusst, und auch, wenn sie mit der Familie gebrochen hat, weiß sie die Vorteile durchaus zu schätzen. Dass sie Kommunistin ist, heißt noch lange nicht, dass sie Luxus nicht genießen kann– und sie weiß, was sie wert ist. So lässt Kippenberger die Redakteurin einer fast mittellosen linken Literaturzeitschrift zu Wort kommen, mit der Decca um jeden Cent Honorar feilschte, lässt auch Deccas Kinder und FreundInnen von den weniger angenehmen Eigenschaften der Autorin und Aktivistin erzählen: Dogmatisch konnte sie sein, nicht willens, auch die Fehlschläge des Sozialismus wahrzunehmen.

Kippenbergers Decca ist witzig, bissig, eigenwillig, aber auch unnahbar und verletzlich. Sie kann aus vollem Hals lachen, ganze Menschenmassen zum Singen bewegen, aber auch politische Feinde bloßstellen.

Fast 600 Seiten umfasst die Nacherzählung von Jessica Mitfords Leben, allein die Literaturliste reicht über zehn Seiten. Nicht nur das Leben dieser außergewöhnlichen Frau wird erzählt, das Buch ist eine Erzählung über politische Bewegungen des 20. Jahrhunderts in den USA und in England.

AVIVA-Tipp: "Das rote Schaf" ist ein großes Lesevergnügen. Diese Decca ist zwar faszinierend, wird aber niemals als Heldin glorifiziert. Ihre Lebensgeschichte nimmt so viele unerwartete Wendungen, lässt die Leserin mit so vielen historischen Persönlichkeiten zusammentreffen, dass sich die Biografie bis zur letzten Seite mit Spannung lesen lässt.

Zur Autorin: Susanne Kippenberger, 1957 geboren, wuchs als jüngste der vier Schwestern des Künstlers Martin Kippenberger in Essen auf. Sie ist seit 1989 Redakteurin beim Berliner Tagesspiegel, schreibt regelmäßig u.a. für Die Zeit, und ist Autorin des gefeierten Porträts "Kippenberger. Der Künstler und seine Familien" (2007), das sie über ihren Bruder schrieb. Zuletzt erschien 2009 "Am Tisch". (Verlagsinformationen)

Susanne Kippenberger
Das rote Schaf der Familie. Jessica Mitford und ihre Schwestern

Hanser Berlin, erschienen im September 2014
Fester Einband, 624 Seiten
ISBN: 978-3-446-24649-2
26,00 Euro
www.hanser-literaturverlage.de


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