Claudia Durastanti - Die Fremde. Lesung am 25. Mai 2021 im Italienischen Kulturinstitut in Berlin - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 22.04.2021


Claudia Durastanti - Die Fremde. Lesung am 25. Mai 2021 im Italienischen Kulturinstitut in Berlin
Sabina Everts

Exzentrisch, gehörlos und frei. Die Eltern von Claudia Durastanti sind "Menschen wie Erdrutsche". Anhand zerklüfteter Familienbande erzählt die italienische Autorin und Romanprotagonistin von Beziehungen zwischen Stille und Sprache.




Im Süden Italiens gibt es eine schroffe, ungezähmte Region, die den Namen "Basilicata" trägt. An der Küste fallen steile Felsen in das Meer hinab, einsame Landstraßen winden sich durch zerklüftete Hügel und versprenkelte Dörfer. Es ist eine Gegend, in der die Menschen einander kennen und in die die Mutter der Romanprotagonistin mit ihren beiden Kindern zurückkehrt. Ihre Familie und ihr Leben in Brooklyn in den USA hat sie zurückgelassen und ist ohne -oder vor- ihrem Ehemann in eine Welt geflohen, die ihr zugleich vertraut und fremd ist.

Wenn zwei Menschen kollidieren

Für das junge Mädchen Claudia beginnt hier, in dieser eigenartigen Umgebung, eine anarchische Kindheit. Ihre Mutter, eine Frau ohne Gehör, unergründlich und ungestüm, will vor allem eines sein: frei. Mit ihrer Tochter unternimmt sie stundenlange Wanderungen durch Regen und über staubige Straßen, verschwindet für mehrere Tage und überlässt ihre Kinder sich selbst.

Sie ist die Namensgeberin des Romans, sie ist "die Fremde". Die Menschen in der "Basilicata" hören ihre Sprache mit uneindeutigem Akzent und hoher Stimme und interpretieren sie nicht als Person mit einer Beeinträchtigung, sondern als eine Migrantin mit fehlerhafter Sprache. Genau so will sie es, und es ist dieser Eigensinn, der sie auf beinahe mythologische Weise mit dem Vater ihrer beiden Kinder verbindet.

Er, ebenso exzentrisch wie sie, ist ein wandelnder Schauspieler, ein "Gauner", ein Vater, der fortwährend mit sich selbst ringt und schon als Jugendlicher diejenigen ohrfeigt, die anhand von Gebärden mit ihm kommunizieren wollen.
Er, der die Opferwilligkeit seiner Frau testet, indem er sie Spülmittel trinken lässt und seine Tochter entführt, um sie als Druckmittel zu benutzen, hegt eine idolisierende Liebe zu wahnsinnigen Charakteren wie "Alex" aus dem Film "Uhrwerk Orange" und taucht im Leben seiner Familie immer wieder wie aus dem Nichts auf. Er ist ein phantastischer Lügner, überspannt, emotional und suizidal.

Aus dem Aufeinanderprallen dieser zwei Charaktere entsteht für die Ich-Erzählerin ein Leben, in dem sie sich ebenso rastlos bewegt wie ihre Eltern.

Coming-of-age-and-language

Ihre Kindheit und Jugend verbringt die junge Claudia nicht in der Schule, sondern lesend auf dem Dach ihres Hauses, wo sie sich in Büchern vergräbt und ihre eigene Sprache entwickelt. Eine Sprache, anders als die Kombination aus "Röcheln und zu laut ausgestoßenen Worten" ihrer Eltern, eine literarische Sprache, gebastelt aus den Übersetzungen von Werken amerikanischer Autor*innen wie John Steinbeck und F. Scott Fitzgerald.

Sie ist klug und eigenständig. Sie wird die fehlende Zeit im Unterricht ausgleichen und eines Tages nach London gehen und Schriftstellerin werden. Sie wird einen Roman mit dem Titel "La straniera" schreiben, der in viele Sprachen übersetzt und für den renommierten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, nominiert werden wird. Sie wird mit der "Fremden" erst ihre Mutter, dann auch sich selbst meinen und in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur erzählen, dass ihre Mutter von der phantastischen Geschichte ihrer Tochter begeistert sei, sich selbst in ihr aber überhaupt nicht erkenne.

Abschnitte mehrfach lesen

"Die Fremde" ist eine Supernova aus Orten, Menschen und philosophisch-essayistischen Exkursen. In ihr durchwandern wir die kargen Hügel der "Basilicata" und die Straßen des East Village in London, baden in einer sumpfigen Bucht auf Coney Island, fahren in einem Zug von Kalkutta nach Delhi und hören die unendliche Stille der Wüste in einem schalltoten Raum im Guggenheim Museum in New York. Wir treffen Menschen, die "wie Erdrutsche" sind, wie "tiefschwarze Galaxien", unberechenbar, gewaltig und nebelhaft.

Es ist schwierig, sich hier nicht zu verlieren. "Die Fremde" zu lesen, bedeutet auch, das Buch ab und an zur Seite zu legen und sich auf die vielen Fragen einzulassen, über die Durastanti immer wieder in Handlungsunterbrechungen sinniert: Wo sind die Grenzen zwischen Realität und Fiktion? Kann "fremd-sein" auch "frei-sein" bedeuten? Gehören Menschen einander, wann ist etwas noch Liebe und wann schon Gewalt?

Claudia Durastanti zeigt mit "Die Fremde", dass widersprüchlich Scheinendes nicht immer widersprüchlich ist und dass zwei Versionen derselben Geschichte wahr sein können, wenn sie im Kern dasselbe erzählen. Zum Beispiel, dass zwei Menschen sich gegenseitig das Leben gerettet haben.

Stille und Sprache

Ein Kernthema des Romans ist die Sprache. Sie überschreitet die Grenzen von Stimmbändern, Gehör und Schall, wird in Gebärden zur Performance mit dem ganzen Körper, materialisiert durch Vibrationen in Telefonhörern und zerspringt im Streit auf dem Boden zu Glasscherben. Sie ist Claudia Durastantis größte Ressource und das zugleich verbindendste und trennendste Element zwischen ihr und ihren Eltern.
Der "Stille und dem sich ausbreitenden weißen Schatten" setzt sie beschriebene Seiten entgegen. "Manchmal haben wir einander tief verletzt, doch es war das Bemühen, sich verständlich zu machen.", schreibt sie an einer Stelle im Roman.

Geschichten, die nie geschrieben hätten werden sollen

Anhand Durastantis schonungsloser autobiographischer Erzählstrategie entsteht im Roman trotz heftiger Detonationen zwischen den Figuren eine besondere Intimität. Die blasse Konturierung des Genres zwischen Autobiographie, Autofiktion und Essay erschafft eine eigensinnige Authentizität und besondere Nähe zu den Figuren. Auf die Frage nach den Beweggründen für einen Roman mit real existierenden Vorbildern aus der eigenen, engsten Familie, antwortet Claudia Durastanti dem Hanser Verlag in der Rubrik 5 Fragen an…

"Ich glaube, ob ein*e Schriftsteller*in eine persönliche Geschichte irgendwann tatsächlich schreibt, hängt davon ab, wie lange sie oder er sich dagegen auflehnt. […] Die besten autobiografischen Geschichten in der Literatur sind für mich jene, die nie geschrieben hätten werden sollen. […] Wenn du sie über lange Zeit hindurch aufbaust, dann werden sie auf die eine oder andere Art irgendwann explodieren. Und deshalb sind das Projekte für einmal im Leben."

"Die Fremde" ist eine Geschichte, deren Ursprung weit vor der Geburt der Autorin liegt und die sich nun in Form eines Romans wie eine topographische Karte ihrer individuellen Biografie entfaltet. Eine literarische Explosion, auf die hoffentlich noch viele weitere "einmalige Lebens-Projekte" folgen werden.

AVIVA-Tipp: Claudia Durastanti hat eine Geschichte über eine Familie geschrieben, deren Beziehungen untereinander ebenso zerklüftet und ungestüm sind wie die Landschaft der süditalienischen "Basilicata". "Die Fremde" erzählt von Menschen, die leidenschaftlich und exzentrisch Barrieren gesellschaftlicher Normen sprengen, zueinander finden, indem sie sich verletzen und im aneinander Aufreiben ihre eigene und ihre gemeinsame Sprache erschaffen.

Zur Autorin: Claudia Durastanti wurde 1984 als Kind gehörloser Eltern in New York, Brooklyn geboren und wuchs mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in einem kleinen süditalienischen Dorf in der Region "Basilicata" auf. Sie studierte Kulturanthropologie und Journalismus an der Sapienza Università di Roma und war Fellow für Literaturwissenschaft an der American Academy in Rom. Die heute in London lebende Autorin und Übersetzerin gehört zu den Gründer*innen des Italian Festival of Literature in London und schreibt für die italienische TageszeitungLa Repubblica und die Wochenzeitschrift Internazionale. Zu den von ihr ins Italienische übersetzen Autor*innen gehören Donna Haraway, Naoise Dolan und Ocean Vuong.
"Die Fremde" ist Claudia Durastantis vierter Roman und der erste, der ins Deutsche und in zahlreiche andere Sprachen übersetzt wurde. Im Jahr 2019 wurde der Roman für die Shortlist des renommierten italienischen Literaturpreises Premio Strega nominiert und mit dem Publikumspreis, dem Strega OFF, ausgezeichnet.
Mehr Infos: twitter.com/CDurastanti

Zur Übersetzerin: Annette Kopetzki wurde 1954 in Hamburg geboren und studierte Germanistik, Philosophie und Pädagogik an der Universität Hamburg. Von 1980 bis 1992 lebte und arbeitete sie in Italien und war als Lektorin für deutsche Sprache und Literatur an den Universitäten Gabriele d´Annunzio in Pescara und an der Sapienza Università di Roma tätig. Als freiberufliche Journalistin schreibt sie für Zeitungen, Zeitschriften und den Hörfunk. 2021 ist neben ihrer Übersetzung von "Die Fremde" auch Paolo Casadios "Der Junge, der an das Glück glaubte" erschienen.

Claudia Durastanti
Die Fremde

Originaltitel: La straniera
Übersetzt aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Zsolnay Verlag, erschienen Februar 2021
Hardcover, 305 Seiten
ISBN: 978-3-552-07200-8
24,00 Euro
Mehr zum Buch und Lesungstermine unter: www.hanser-literaturverlage.de

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Beitrag vom 22.04.2021

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