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AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 09.02.2020


Jeanette Winterson – FranKissStein. Eine Liebesgeschichte
Bärbel Gerdes

In einem Bravourstück verbindet Jeanette Winterson die Liebesgeschichte Mary Shelleys und Percy Bysshe Shelleys mit der zweier Männer im heutigen Großbritannien. Dabei lässt sie Frankensteins Monster in Form Künstlicher Intelligenz neu erstehen – ein aufregender, kluger und spannender Roman.




Jeanette Winterson hat sich für diesen Roman wirklich etwas vorgenommen: ein Vexierspiel, ein Verwirrspiel mit der Leserin, ein Verschwimmen von Gegenwart und Vergangenheit, ein Entgrenzen von Geschlecht.

Ry Shelley, ein junger Arzt, besucht eine Robo-Tech-Messe in Memphis, Tennessee, um sich über die Auswirkungen von Robotern auf die psychische und physische Gesundheit zu informieren. Unter anderen lernt er Ron Lorde kennen, ein Unternehmer in Sachen Sexbots. Sexbots sind Roboter, deren Körper und Bewegungen denen von Frauen nachempfunden sind, deren Material menschlicher Haut angeglichen wird und die, gespeist mit Künstlicher Intelligenz (KI), mit ihrem Gegenüber kommunizieren können. Sie fragen nach dem Befinden, speichern Präferenzen und erfüllen sexuelle Wünsche. Einer von vier Männern kann sich vorstellen, eine Beziehung mit einem Sexroboter einzugehen.

Ry Shelley trifft aber auch auf Victor Stein. Der ist Wissenschaftler und Experte für KI. Zudem forscht er im Bereich Kryonik, der Frostkonservierung von Zellen und Organen zur Wiederbelebung in der Zukunft.
Da nicht alles ganz legal ist, was er erforscht – er möchte das menschliche Gehirn scannen, es vom Körper lösen und quasi als Festplatte unsterblich machen – unterhält er ein geheimes Labor.

Trotz seiner Vorbehalte ist Shelley fasziniert von Stein, und Stein geht es umgekehrt nicht anders. Während Stein seine manifest geglaubte Heterosexualität überwinden muss - Ry Shelley ist ein Transgender-Mann, der als Mary Shelley geboren wurde – soll Letzterer seinen Liebhaber mit menschlichen Köpfen aus seiner Klinik versorgen, damit dieser seine Forschungen weiter betreiben kann.

Indes sitzt Mary Shelley mit ihrem späteren Gatten Percy Bysshe und dem Dichter Lord Byron 1816 in den Schweizer Alpen fest, wo ein verregneter Sommer die Achtzehnjährige zum Schreiben ihres Frankenstein anregt. Kritisch beäugt von Nachbar*innen, die die freizügige Lebensart der drei verurteilen, genießen Mary und Percy ihr Liebesleben bei philosophischen und literarischen Gesprächen.

Mit Fantasie und Humor verwebt Winterson diese beiden Erzählstränge. Dabei belässt die die Leserin konstant im Zweifel, was Realität, was Fiktion ist. Hat tatsächlich ein anthropomorpher Roboter namens Sophia eine Rede vor der UN gehalten? Erhielt tatsächlich ein einer Frau ähnelnder Roboter die saudi-arabische StaatsbürgerInnenschaft – und mehr Rechte als saudi-arabische Frauen?

Beeindruckend ist das Wissen, das diesem flotten und sprühenden Roman zugrunde liegt. Mit leichter Hand wirft die Autorin ethische und moralische Fragen auf, regt zum Nachdenken an, verunsichert, zieht in Zweifel und fordert heraus.

AVIVA-Tipp: Ließ bereits Mary Shelleys Frankenstein die Leserin mit einer Gänsehaut zurück, so lässt Winterson eine schaurig-gruselige Zukunft entstehen, die bereits weit fortgeschritten ist, Realität zu werden. Jeanette Winterson hat einen überaus klugen, dabei humorvollen und spannenden Roman über Künstliche Intelligenz und eine trans-humane Welt geschrieben.

Zur Autorin: Jeanette Winterson wurde 1959 in Manchester geboren und von einer fundamentalistischen Pfingstler-Familie adoptiert. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Accrington, Lancashire. Mit 16 zog sie von Zuhause aus, weil sie sich in ein Mädchen verliebte. Sie studierte Englisch in Oxford. Ihr erster Roman "Oranges are not the Only Fruit" (1985) erhielt den Whitbread Award und wurde für die BBC verfilmt. Weitere Werke sind "Verlangen", "Das Geschlecht der Kirsche", "Der weite Raum der Zeit", "Die steinernen Götter" und "Der Leuchtturmwärter". Ihr autobiographischer Roman Why Be Happy When You Could Be Normal? (dt.: Warum glücklich statt einfach nur normal?) wurde 2012 veröffentlicht. 2013 erhielt sie dafür den "Lambda Literary Award" in der Kategorie "Lesbian Memoir/Biography". Neben Büchern für Erwachsene schreibt sie auch Jugendbücher. Winterson wurde 2006 zum Officer und 2018 zum Commander im "Order of the British Empire" ernannt. Jeanette Winterson lebt als freie Schriftstellerin in London.
Jeanette Winterson im Netz: www.jeanettewinterson.com und twitter.com/Wintersonworld

Zu den Übersetzerinnen:

Michaela Grabinger
studierte in München Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie. Von 1981 bis 1985 Tätigkeit als Schlussredakteurin in der Nachrichtenredaktion der "Süddeutschen Zeitung". Freiberufliche Tätigkeit als Lektorin und Korrektorin für diverse Verlage. Seit 1987 freiberufliche Übersetzerin von Belletristik und Sachbüchern für diverse Verlage. Zu den von ihr übersetzten AutorInnen gehören u.a. Joy Fielding, Michael Critchon, Anne Tyler, Kate O´Riordan und Elif Shafak.
Mehr Infos zur Übersetzerin: www.lektorat.de

Brigitte Walitzek, geboren 1952, lebt in Berlin. Seit 1986 ist sie Übersetzerin, u.a. von Margaret Atwood, Jane Bowles, Germaine Greer, Carson McCullers, Jeanette Winterson, Amy Waldman, Jennifer Egan, Sadie Jones, und Virginia Woolf.

Jeanette Winterson
FrankKissStein. Eine Liebesgeschichte

Originaltitel: Frankissstein. A Love Story (2019)
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger und Brigitte Walitzek.
Kein & Aber, erschienen 8. Oktober 2019
400 S., gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-0369-5810-1
24,00 €
Mehr zum Buch: keinundaber.ch

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Jeanette Winterson - Der weite Raum der Zeit
In dem modernen Cover von Shakespeares "Wintermärchen" zeichnet die britische Autorin mit streckenweise zu grellen Farben ein Familiendrama unter dem Stern einer unglücklichen Dreiecksbeziehung, und bedient sich dabei pathetisch-philosophischer Reflexionen. (2016)

Jeanette Winterson - Warum glücklich statt einfach nur normal?
Die britische Autorin hat ihre eigene Biographie als Bildungsroman geschrieben und offenbart sich darin als Missionarin der heilenden Wirkung von Liebe, Literatur und Vergebung. Ihre Erzählung deckt das Komische im Grausamen auf. (2013)

Jeanette Winterson - Die steinernen Götter
In drei Welten existieren, gleichgültig gegenüber Raum, Zeit, Geschlechtszugehörigkeit oder Inkarnationen, Billie und Spike. Ob Spike ein Roboter oder ein Mensch und Billie eine Frau oder ein Mann ist, erscheint genauso nebensächlich, wie die unterschiedlichen Szenarien. Wichtig ist nur, dass es sie gibt und dass sie sich begegnen. (2011)









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Beitrag vom 09.02.2020

Bärbel Gerdes 






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