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AVIVA-BERLIN.de im September 2019 - Beitrag vom 03.03.2019


A.L. Kennedy - Süßer Ernst
Bärbel Gerdes

In ihrem großartigen London-Roman hält die schottische Schriftstellerin A.L. Kennedy der britischen Gesellschaft einen glasklaren Spiegel vor. Geschrieben vor dem Brexit, entlarvt sie die Kälte und den Zynismus der Londoner Politik, die die Gesellschaft zu zerreißen droht.



Im Mai 2016 erschien die englische Ausgabe von Alison Luise Kennedys Roman Serious Sweet. Einen guten Monat später fand das Referendum statt, das Großbritannien ins Taumeln bringen und aus der Europäischen Union austreten lassen sollte.
Auch die #MeToo-Debatte gab es noch nicht.
Fast scheint es, als habe die Autorin in eine Glaskugel geschaut. Dass sich etwas zusammenbraut über den Londoner Himmel, dass etwas faul ist im Staate, schwebt über den ganzen Roman.

Einen Tag lang begleiten wir Meg und Jon durch die britische Hauptstadt, sie – 45 Jahre alt, gestrauchelte Wirtschaftsprüferin und trockene Alkoholikerin, er – 59, hoher Staatsbeamter und geschiedener Romantiker.
An diesem Tag wollen die beiden sich treffen. Denn Jon hat sich auf das Schreiben von Liebesbriefen an Frauen spezialisiert. Mittels einer Anzeige bietet er Handgeschriebene Briefe nach den Bedürfnissen der anspruchsvollen Frau. an, Zuneigungsbekundungen und Respekt wöchentlich geliefert. Antwort nicht erforderlich. 120 Pfund zahlen die Frauen für ein Dutzend Briefe, und auch Meg meldet sich. Es war Täuschung, aber wunderschöne Täuschung – jedenfalls Täuschung von seiner Seite aus -, gänzlich unbelastet von irgendwelchen Gedanken an eine Zukunft.

Auf Täuschung versteht sich Jon. Er arbeitet als Spin Doctor und glättet die Fehltritte hoher Politiker, beseitigt jedes Gefühl von Widerstand und übertüncht die möglichen Folgen jeder beliebigen Handlung. "Wenn Sie das Gefühl haben, dass ihnen irgendein Teil der Wirklichkeit einfach nicht gefallen mag, dann komme ich ins Spiel und formuliere diese Wirklichkeit für Sie um." Doch jetzt möchte er etwas anderes: "Mein Ziel war die Erzeugung und Fortsetzung von Sanftheit."

Meg wiederum hat jegliche Hoffnung auf Liebe oder Glück aufgegeben. Sie kämpft mit den Folgen einer Vergewaltigung, die sie abstürzen ließ in Alkoholismus, den Verlust ihrer Arbeit als Wirtschaftsprüferin und ihres Zuhauses. Nur die ererbte Wohnung ihrer Eltern ist ihr geblieben und einige Stunden Büroarbeit in einem Heim für aufgegriffene Tiere.
Jons zärtliche und romantische Briefe geben ihr einen kleinen Schimmer der Anerkennung und Würde, die sie verloren zu haben meint. Und auch ihm geben sie eine Sicherheit und Geborgenheit, die beide nicht zu leben wagen.

Eindringlich und sensibel erzählt Kennedy von diesem Tag, durch den sich die beiden ProtagonistInnen bewegen. Meg muss am Morgen zu einer gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung. Kennedy macht die Qual, die das für Meg bedeutet, ergreifend fühlbar. An ihrer Seite läuft stets die Versuchung des Trinkens, die Erinnerung und die Erschöpfung. "Du … lebst nicht wundervoll, aber du lebst, und das hat dich müde gemacht."

Jon wiederum hadert mit seiner Arbeit, den ständigen Lügen, der Kälte und dem Zynismus des politischen Betriebes. Er durchschaut, was alles in Großbritannien nicht funktioniert: die schlechte Gesundheitsversorgung, die Sozialleistungen, die kein Recht mehr sind, sondern ein Privileg, und die durch die Decke schießenden Mieten, insbesondere in London. "Es sollten keine Familien für Kleiderspenden oder Gratiskonserven Schlange stehen, als wären sie ausgebombt.", resümiert er.
"Bald wird die ganze Stadt gesäubert sein: ein riesiger Spielplatz für die obere Mittelschicht und darüber." - Doch das ist der Öffentlichkeit herzlich egal. "Großbritannien ist das Land der leichtgläubigen Trottel, schreibt Kennedy, der fettleibigen Raucher, der unterqualifizierten Dienstleister."

Die dritte große Protagonistin dieses Romans ist London. Verrauchte Pubs, das Regierungsviertel mit seinen teilweise maroden Gebäuden, die neue Skyline und spärlich möblierte Gemeindezentren, in denen sich die Anonymen AlkoholikerInnen treffen – Jon und Meg eilen mit Taxi, Bus und U-Bahn durch diese Stadt, die jeglichen Bezug zu den realen Lebensbedingungen seiner BürgerInnen verloren zu haben scheint. Beide sind im Selbstgespräch vertieft, und dieser Bewusstseinsstrom, dieser stream of consciousness, die Beschreibung eines einzigen Tages und die Stadt selbst lassen natürlich an einen anderen großen London-Roman erinnern: Mrs Dalloway von Virginia Woolf.

Zwischen all der Kälte, scheinbaren Ausweglosigkeit, der gesellschaftlichen Zersplitterung hat A.L. Kennedy wunderbare Kleinode großer Menschlichkeit platziert. Der Vater, der mit dem nagelneuen roten Kinderwagen in der schaukelnden U-Bahn steht und von einem Fremden anerkennend angesprochen wird – ob auf das Kind oder den Kinderwagen ist nicht ganz klar, das Kind, das fasziniert einem Saxophonspieler lauscht, der vor dem Kind in die Knie geht, damit es das Instrument berühren kann, der Mann, dem ein lila Luftballon vor die Füße fällt, den er lächelnd aufhebt -all diese kleinen Ereignisse zeugen von Mitmenschlichkeit und Anteilnahme.
Die Aufgabe eines Jahres bestand für mich darin, durch die Stadt zu fahren und nach Freundlichkeit zwischen den Menschen zu suchen. erklärt die Autorin im Interview mit Deutschlandfunk Kultur.

Der Tag vergeht und das Treffen rückt näher und wird verschoben, die beiden bewegen sich aufeinander zu und entfernen sich.
"Es wird erst absolut klar, wie allein man ist, wenn man die Hand eines anderen Menschen hält und merkt, dass man den ganzen Tag, den ganzen Tag, den ganzen Tag die abwesende Hand eines anderen gehalten hat, die schreckliche Tatsache und furchtbare Last genau dieses Mangels."

AVIVA-Tipp: Einen beeindruckenden, fesselnden und sehr aktuellen Roman hat A.L. Kennedy geschrieben, mit dem sie ein sehr genaues Stimmungsbild der gespaltenen und zerrissenen britischen Gesellschaft und des kalten Politikgeschäftes erzeugt. Die Flexibilität und Feinheit ihrer Sprache und ihre mitfühlend beobachteten ProtagonistInnen machen das Buch zu einem Lesegenuss.


Zur Autorin: Alison Louise Kennedy wurde 1965 in Dundee, Schottland, geboren und studierte Theaterwissenschaft im englischen Coventry. Ihr erster Roman Bliss erschien 1998 (dt. "Gleißendes Glück" , 2000). Seitdem veröffentlichte sie unter dem Namen A.L. Kennedy zahlreiche Romane und Erzählungen, darunter The Blue Book (2011, Deutsch u.d.Titel: Das blaue Buch, 2012) und der Essayband On Writing (2013, Schreiben, 2016). A. L. Kennedy trat als Stand-Up-Comedian auf Literaturfestivals auf und schreibt Kolumnen für The Guardian. Seit 2007 ist sie Associate Professor in Creative Writing an der Universität Warwick. Ihre Werke wurden mit zahlreichen Preisen gewürdigt, darunter 1994 den Somerset Maugham Award, 2007 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur und 2016 den Heinrich-Heine-Preis. 2017 wurde sie in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen. A.L. Kennedy lebt in Wivenhoe, Essex.
Mehr zur Autorin: www.a-l-kennedy.co.uk

Zum Übersetzer: Ingo Hertzke wurde 1966 in Alfeld geboren. Nach dem Studium der Klassischen Philologie, Anglistik und Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen und der University of Glasgow wurde er 2000 durch die Übersetzung von Gleißendes Glück von A.L. Kennedy bekannt. Alle ihre Werke bis auf eines sind von ihm ins Deutsche übersetzt worden. Zudem übersetzte er u.a. Paula Fox, Edward St Aubyn und A.M. Homes ins Deutsche. Hertzke wurde mehrmals mit dem Hamburger Förderpreis für Übersetzer ausgezeichnet sowie mit dem Preis der Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises. Er lebt in Hamburg.

Zur Übersetzerin: Susanne Höbel wurde 1953 in Unna geboren und studierte in Birmingham. Seit mehr als dreißig Jahren arbeitet sie als Übersetzerin englischer und amerikanischer Literatur, darunter Graham Swift, Margaret Foster und William Faulkner. Ihre Übersetzungen wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Höbel ist Mitglied der Jury der Ledig-Rowohlt-Stiftung und im Beirat der Zeitschrift Übersetzen.

A.L. Kennedy
Süßer Ernst

Orginaltitel: Serious Sweet
Aus dem Englischen von Ingo Hertzke und Susanna Höbel
Carl Hanser Verlag, erschienen im November 2018
500 S.
ISBN 978-3-446-26002-3
28,00 €
Mehr zum Buch: www.hanser-literaturverlage.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

A.L. Kennedy - Das blaue Buch
Lügen, Betrug und Kreuzfahrtromantik: In ihrem siebten Roman konfrontiert die schottische Autorin A.L. Kennedy eine Enddreißigerin mit ihrer Vergangenheit als Geliebte eines dubiosen Magiers und lässt sie ihren Lebensentwurf überdenken. (2014)

A.L.Kennedy - Was wird
Gewaltbeziehungen, missglückte Affären und einsame Singles, - in ihrem Buch "Was wird" zeigt die schottische Autorin Momentaufnahmen von Menschen, für die "Erfüllung" ein Fremdwort ist. Die HeldInnen der zwölf Kurzgeschichten sind Menschen, die sich in ihrem Unglück eigerichtet haben – weil sie trotz ihrer Sehnsüchte nach einem besseren Leben keine Alternativen sehen. (2009)





Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 03.03.2019 Bärbel Gerdes 





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