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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 24.08.2018

Elizabeth H. Winthrop - Mercy Seat
Bärbel Gerdes

´Grausige Gertie´ wird er genannt, der elektrische Stuhl, der zu Hinrichtungszwecken kreuz und quer durch das Land gefahren wird. In ihrem vielschichtigen und psychologisch tiefgreifenden Roman schildert die US-amerikanische Autorin Elizabeth H. Winthrop den Tag, an dem ein junger Schwarzer hingerichtet werden soll.



Ende der 80ger Jahre des 19. Jahrhunderts suchte der Staat New York nach einer "menschlichen und bequemen Art der Hinrichtung". Harold P. Brown, ein Mitarbeiter Edisons, entwickelte sie als elektrischen Stuhl. Tierversuche sollten klären, ob Wechsel- oder Gleichstrom vorteilhafter seien. 1890 kam der elektrische Stuhl das erste Mal zum Einsatz. Mit der Spannung musste noch experimentiert werden. Der Angeklagte überlebte die ersten Stromstöße, so dass sich seine Qual unendlich lange hinzog.
Elena Passarello berichtet in Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte wie 1903 die Elefantenkuh Topsy durch Strom hingerichtet wird, weil sie drei Wärter getötet hatte.
Noch heute wenden mehrere US-Bundesstaaten diese Tötungsart an.

Mercy Seat ist ein Lied von Nick Cave, das die Autorin zu diesem Roman inspirierte, ein meisterhafter Text. Will ist der Vergewaltigung eines weißen Mädchens angeklagt und zum Tode verurteilt. Er widerspricht dem – und stellt klar, dass das Mädchen und er ein Liebespaar waren. Grace kann sich nicht mehr äußern, denn sie hat sich das Leben genommen – aus Verzweiflung, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Wie ein Kaleidoskop hat Elizabeth H. Winthrop diesen Roman aufgebaut. Er spielt an nur einem Tag im Jahre 1943 in der Kleinstadt St. Martinville in Louisiana, der Tag, an dem die Hinrichtung stattfinden soll. Aus unterschiedlichen Perspektiven wird dieser Tag betrachtet.
Da ist der vierundzwanzigjährige Lane, ein Freigänger, der schon seit sechs Jahren wegen Mordes im Knast sitzt und weitere sechs Jahre absitzen muss. Er ist mit Captain Seward in einem Truck unterwegs nach St. Martinville, um den elektrischen Stuhl zu bringen. Seward wiederum ist der State Electrician, der Vollstrecker, der während der gesamten Fahrt trinkt. Sie halten an einer Tankstelle, die Dale und Ora gehören – Dale ein strammer Rassist, was seine Frau Ora nicht unterstützt.
Da ist Frank, Wills Vater, der sich viel Geld geliehen hat für einen Grabstein und der nun mit seiner alten Eselstute, die kaum den Karren mit dem Stein ziehen kann, auf dem Heimweg ist. Er will seinen Sohn noch ein letztes Mal sehen. Die Hinrichtung ist um Mitternacht.
Da ist der Bezirksstaatsanwalt. Polly Livingstone hätte der Todesstrafe niemals zugestimmt. Er weiß nicht, ob Will der Vergewaltigung schuldig ist. Doch er weiß, dass darauf nicht die Todesstrafe steht. Aber die Entführung seines Sohnes durch weiße Rassisten hat nachgeholfen, dass er diese unterstützte. "Gewisse Staatsanwälte sind besser als andere", sagt einer von ihnen, "bei diesen Typen, die´s mit den Niggern haben, weiß man nie. Aber solange es nicht in letzter Sekunde noch irgendwelche Änderungen gibt, würd ich mal sagen, Sie haben´s gut gemacht."
Und da ist Will, der seinen letzten Tag in der Zelle verbringt. Der Besuch erhält vom Priester, der nicht weiß, "was man jemandem sagt, der nicht im Sterben liegt ..., sondern dessen Tod unmittelbar geplant ist." Will, der den Anschuldigungen widerspricht, der aber glaubt, er verdiene es zu sterben. "Wegen mir ist Grace tot."

Elizabeth H. Winthrops vierter Roman – der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde – beeindruckt durch seine Vielschichtigkeit. Der Rassismus zieht einen Riss durch Familien, Ehen, durch die Gesellschaft und ist immer und für alle zerstörerisch. Kongenial schafft es die Autorin, Berührungspunkte zwischen den Personen herzustellen. Es sind Begegnungen, die den Atem stocken lassen.

Die Grausamkeit der Todesstrafe mit ihren furchtbaren Ritualen – dem Scheren des Kopfes, der letzten Mahlzeit, dem Ablaufen der Zeit – wird, ohne je reißerisch oder laut zu sein, dargestellt. Lane betrachtet den Stuhl:"An den Stellen, an denen die Fußknöchel festgebunden werden, ist das Holz versengt. Die Armlehnen sind vorne vom Angstschweiß der Hände, die sie umklammert haben, dunkel verfärbt. Oben an der Lehne ist eine Metallkrone festgeschraubt, an der Rückseite des Stuhles hängt eine schwarze Kapuze, um das Gesicht zu verhüllen."

Überhaupt ist dieser zutiefst berührende Roman eher ein stiller. Umso lauter dringt durch, wie viele Menschen sich schuldig machen bei der Vorbereitung und Durchführung einer Hinrichtung. Hansjörg Schertenleib hat den Text großartig übersetzt.

AVIVA-Tipp: Elizabeth H. Winthrops Roman, der auf eine wahre Begebenheit zurückgeht, ist ein großes Plädoyer gegen die Todesstrafe. Mit feiner Psychologie und Vieldimensionalität spürt sie den Figuren nach.

Zur Autorin: Elizabeth Hartley Winthrop wurde 1979 in New York geboren. Sie studierte an der Harvard Universität Englische und Amerikanische Literatur und Sprache. 2004 machte sie den Hochschulabschluss in Fiction an der University of California in Irvine und erhielt das Schaeffer Writing Stipendium. Winthrop schrieb bisher vier Romane: Fireworks (2006), December (2008), The Why of Things (2013) und Mercy Seat (2018). Für mehrere Zeitschriften, darunter The Missouri Review und The Red Rock Review, schreibt sie Kurzgeschichten. Zudem ist sie Lehrbeauftragte für Englisch und Creative Writing am Endicott College, Beverly, Massachusetts. Elizabeth H. Winthrop lebt in Gloucester, Massachusetts.
Mehr Infos unter: www.elizabethwinthrop.net

Zum Übersetzer: Hansjörg Schertenleib, 1957 in Zürich geboren, ist Schriftsteller und Übersetzer. Nach einer Ausbildung zum Schriftsetzer und Typografen besuchte er die Kunstgewerbeschule Zürich. Seit 1981 arbeitet er als freier Schriftsteller sowie als Musik- und Filmkritiker. 1996 wanderte er nach Irland aus und besitzt seit 2003 die irische Staatsbürgerschaft. Schertenleib veröffentlichte
Gedichtbände, Kinderbücher, Erzählungen und Romane. Als Übersetzer übertrug er u.a. Sam Shepard, Kenneth Cook und Eoin McNamee. Bis 2016 lebte Schertenleib in Donegal, Irland. Heute lebt er in Suhr, Schweiz, und in Maine, USA.
www.shertov.com

Elizabeth H. Winthrop
Mercy Seat

Originaltitel: Mercy Seat
Aus dem Englischen von Hansjörg Schertenleib
C.H. Beck Verlag, erschienen am 26.1.2018
251 S.
ISBN 978-3-406-71904-2
22,00 Euro
Mehr zum Buch: www.chbeck.de

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Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 24.08.2018 Bärbel Gerdes 





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