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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 02.04.2018

Emma Cline – The Girls
Bärbel Gerdes

Der endlich, im Februar 2018, als Taschenbuch herausgegebene Roman "The Girls" der mit dem Granta´s Best Young American Novelist ausgezeichneten amerikanischen Essayistin und Schriftstellerin Emma Cline geht zurück auf die entsetzlichen Taten der Charles Manson "Family" und ist doch so viel mehr – die Geschichte eines Mädchens, das "einfach nur dazu gehören möchte".



"Wir wollen alle gesehen werden."Dieser auf einer der letzten Seiten geäußerte Satz fasst vielleicht am besten zusammen, wie eine Katastrophe hätte verhindert werden können und wie leicht es gewesen wäre, dies zu tun.

Kalifornien, Sommer 1969. Evie Boyd, 14 Jahre alt, lebt mit ihrer geschiedenen Mutter zusammen, die nach dem Weggang ihres Mannes ihr Leben neu ordnen und sich neu finden muss. "Sie veränderte sich unentwegt, Tag für Tag, Kleinigkeiten", beobachtet ihre Tochter, während ihre Mutter einer Freundin beichtet, sie bräuche einfach ein bisschen Raum und wieder und wieder ihre vertraute Geschichte aufleben lässt, "wie der fassungslose Überlebende eines Autounfalls."

Der Sommer zieht sich dahin und ist gleichzeitig ein Abschied: Evie soll in einigen Wochen aufs Internat. "Das Internat war als Korrektiv gedacht. Auch in ihren getrennten, sie jeweils ganz und gar in Anspruch nehmenden Welten waren meine Eltern enttäuscht von mir, bekümmert über meine mittelmäßigen Noten." Das durchschnittliche Mädchen, auf dem "keinerlei Schimmer von Größe lag", das nicht hübsch genug war für die Noten, die es bekam, deren "Waagschale sich nicht kräftig genug in Richtung Aussehen oder Klugheit" neigte, empfindet sich als Enttäuschung.

Und das ist das Großartige an diesem Roman: wie fein und exakt es Emma Cline versteht herauszuarbeiten, wie sehr dieses vernichtende Gefühl anfällig macht für Überredungen, Verführungen, Herausforderungen aller Art, nur um dazuzugehören, eine der anderen zu sein, endlich anerkannt zu werden.
"Pubertierende Mädchen muss man als eine der am meisten vernachlässigten gesellschaftlichen Minderheiten ansehen", erklärt Cline in einem Interview mit der "Intro"

Charles Manson, der in den 60ger Jahren eine Art Hippie-Sekte gründete, die erschreckende Berühmtheit durch die bestialischen Morde unter anderem an Sharon Tate erlangte, gibt zwar die Vorlage dieses Romans ab, vor allem aber geht es der Autorin um die Mädchen. "Die Mädchen schienen mir immer komplexer. Es hat mich gestört, dass sie wie eine Art Fußnote zu Manson behandelt wurden, der die Morde ja nicht einmal selbst begangen hat. Er war ein Feigling, der selber nicht tat, wozu er andere drängte," begründet sie ihre Motivation im Gespräch mit "Interview.de".

Die fünf Jahre ältere Suzanne erkennt in Evie sofort die Bedürftigkeit und den Hunger nach Anerkennung. So ist es ein Leichtes, sie in die Sekte, die auf einer abseits gelegenen, vermüllten Ranch haust, zum Mitmachen zu animieren. Drogen, Einbrüche und die Bereitschaft, mit dem Sektenführer Russell Sex zu haben, sind die Voraussetzungen dafür, dazuzugehören.
Erzählt wird die Geschichte aus der Rückschau: Evie Boyd lebt arbeitslos in einem ihr geliehenen Haus und wird durch das plötzliche Auftauchen eines jungen Paares mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. "Sie war bei dieser Sekte", erklärt Julian seiner Freundin, was Evie mit einem "Ich habe nur ein paar Monate lang mit ihnen rumgehangen, mehr war da nicht" kontert.

Doch dann stellt sie sich ihrer Geschichte, der Rolle, die sie darin spielte, und dem Sommer, der ihr ganzes Leben verändern sollte.
Emma Cline hat einen großartigen und vielschichtigen Roman geschrieben, der die Leserin von der ersten Seite an in seinen Bann schlägt. Denn neben der Sehnsucht nach Zugehörigkeit ist da auch die ganz besondere Beziehung zwischen Suzanne und Evie. Evie empfindet eine starke Zuneigung zu der Anführerin der Sektenmädchen und Suzanne erwidert diese am Ende des Buches auf frappierende Weise.
Klug strukturiert, metaphernreich und spannend erzählt Cline von der sich steigernden Kaputtheit und den zunehmenden Forderungen Russells, der die Mädchen schließlich auf einen Mordtrip schickt.
Emma Cline auf "Interview.de": "Wenn die Darstellung von jungen Frauen schiefläuft, dann, weil sie eindimensional gezeichnet sind. Das gute oder das böse Mädchen. Jeder hat widersprüchliche Begierden. Ein Mensch zu sein bedeutet, auch schreckliche Dinge zu denken. Und manchmal auch, schreckliche Dinge zu tun. Ich verstehe "The Girls" als eine Extremversion alltäglicher Ereignisse: Es geht um junge Frauen, die bemerkt werden wollen. Und eine Welt, die das ausnutzt."

AVIVA-Tipp: The Girls ist eine faszinierende Studie eines Mädchens, dessen Gefühl, eine Enttäuschung zu sein, anfällig macht für Missbrauch jeglicher Art - ein ungemein spannender und realistischer Roman.

Zur Autorin: Emma Cline, 1989 in Kalifornien geboren, schloss in New York ihren Master of Fine Arts ab. Sie lebt als Autorin in Brooklyn, New York und schreibt u.a. für O, The Oprah Magazine und The New Yorker, Paris Review und Tin House. Ihre Erzählung Marion wurde 2014 mit dem Plimpton Prize for Fiction der Paris Review ausgezeichnet. 2016 erschien in englischer und deutscher Sprache ihr Debütroman The Girls sowie, ebenfalls 2016, Arcadia. 2017 wurde sie zu Granta´s Best Young American Novelist gewählt.
Mehr Infos zu Emma Cline unter: emmacline.com

Zum Übersetzer: Nikolaus Stingl, 1952 in Baden-Baden geboren. Studium der Anglistik, Germanistik und Musikwissenschaften in Heidelberg. Seit 1980 arbeitet er als freier Literaturübersetzer. Er übersetzte u.a. Cormac McCarthy, William Faulkner, Paul Auster und Thomas Pynchon und 2017 Edna O´Briens Roman "Die kleinen roten Stühle". Er wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter 1995 mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis und 2007 dem Paul-Celan-Preis.

Emma Cline
The Girls

Orginialtitel: The Girls
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
dtv Verlag Erschienen im Februar 2018
Taschenbuch, 352 Seiten
10,90 Euro
ISBN: 978-3-423-14620-3
Mehr Infos zum Buch unter: www.dtv.de


Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 02.04.2018 Bärbel Gerdes 





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