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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 21.07.2018

Yitzhak Laor - Auf dieser Erde, die in Schönheit gehüllt ist und Wörtern misstraut
Lisa Goldberg

Unprätentiös und doch poetisch beschreibt der israelische Autor und Essayist Yitzhak Laor lyrisch seine Sicht auf die Welt. Seine gesammelten Gedichte aus über 30 Jahren sind im Sommer 2018 mit Unterstützung des DAAD Berliner Künstler*innenprogrammes »DAAD Spurensicherung« in der Übersetzung von Anne Birkenhauer erschienen.



"Kann ein Dichter, kann seine Sprache, sich ernstlich gegenüber der Macht der Schönheit, des Augenblicks, gleichgültig zeigen oder müssen er und seine Sprache es zulassen, dass Erinnerung (Geschichte, Politik) in die überwältigende Schönheit des Frühlings, der Liebe, der Jugend , der ewigen Wiederkehr des Lebens eingreift?"

Diese elementaren Fragen bringen den Kern des poetischen Denkens von Yitzhak Laor auf den Punkt. Bisher sind zwei Romane ("Steine, Gitter, Stimmen", "Ecce homo") des israelischen Dichters, Autors, Literaturkritikers und Publizisten in deutscher Sprache erschienen – nun ist erstmals Poesie in Form eines zweisprachigen Sammelbandes der in Israel vieldiskutierten Persönlichkeit in der Reihe »DAAD Spurensicherung« veröffentlicht worden. Chronologisch angelegt umfasst dieser Lyrikband autobiographische Gedichte der Jahre 1982 bis 2016. Laor thematisiert darin verschiedene Facetten des (alltäglichen) Lebens, von Liebe bis zum Tod und auch eine Tragik, die er im Menschsein selbst sieht.

"…und wenn du groß bist suche den Frieden, mein Sohn, auch bei denen, die dir nachjagen"

Der politische Aktivist zeigt sich in diesem Gedichtband sehr persönlich: Er schreibt von Gefühlen und Gedanken, die ihn seit seinem Armeeeinsatz begleitet haben, von der Liebe zu seiner Frau Alina, aber vor allem von der besonderen Beziehung zu seinem Vater – und davon, selbst Vater zu werden: 1995 wurden Yitzhak und seine Frau Eltern von Yoseph – das berührende Gedicht "Und schöne Tage sehn" aus dem Jahr 1996 macht seine Vatergefühle deutlich: "Jeden Morgen wenn ich aufsteh, geh ich zuerst in dein Zimmer zu lauschen dem Schmatzen deines Saugens, jedem einzelnen, und leere Momente meines in die Tages deines Lebens."

Körperlichkeit in Sprache

Die Sprache in Laors Gedichten ist beinahe physisch spürbar. In meinem persönlich favorisierten Gedicht "Zweite Person" (1988) spricht er ganz konkret von dem Hautkontakt, "leg deine Hand auf meine Haut und ich lern meine Stimme kennen: leg deine Hand, auf meine Haut" und eben darin liegt die Laor-typische Ehrlichkeit, die sich ein paar Zeilen später auch selbst widerlegen kann. Denn es geht in diesem Gedicht um Abstand und eine Einsamkeit seinen lyrischen Ichs: "Nach und nach vergaß ich sogar meine Stimme so sehr war ich allein, hatte mich verurteilt/ohne Reden, ohne Flüstern, teilte keine Erfahrung von nichts/mit niemandem, nicht mal mit mir selbst (…)". Eben diese Passagen drückt die Übersetzerin Anne Birkenhauer so aus: "Jetzt wackelt es [die Übersetzung] wieder".

Was eine gute Übersetzung ausmacht

Anne Birkenhauer suchte kein Konzept hinter den Worten, sondern bemühte sich, die eigentümliche Realität vom Laut über Inhalt einzufangen und deutete solche "Abstürze" als Chance für die Leserin, durch Nähe zum Kern des Textes zu gelangen. Darüber hinaus entstehe, laut Birkenhauer, durch die Übersetzung eine relative Distanz: im Deutschen könne nur vage angedeutet werden, was sich in dem hebräischen Original in seinem eigenen "Flow" ausdrückt. So folgte die Übersetzerin nicht einfach dem "Wort für Wort"-Prinzip, sondern übersetzte sinngemäß in das deutsche Symbolsystem, damit auch der Kern dessen, was Laor ausdrücken will, im ganzen Umfang, mit aller Tiefe und Bedeutung als Ganzes gelesen werden kann.

Unterstützt wird dieser Ansatz im Buch durch die visuelle Gegenüberstellung des originalen hebräischen Texts (links) und der entsprechenden deutschen Übersetzung (rechts). Dadurch ist der direkte Vergleich der beiden Texte möglich und es fällt auf: für ein Wort des Hebräischen scheinen wesentlich mehr deutsche Wörter nötig sein, um zu erfassen, was das sprachliche Original bedeutet.

Laor als Kritiker seiner Zeit

Yitzhak Laor versucht nicht, zu gefallen. Für den erklärten Pazifisten, der 1948 – im Jahr der Staatsgründung Israels – geboren wurde, sowie für die gesamte Bevölkerung Israels, bestimmen Kriege die Zeitrechnung. Was für Deutschland beispielsweise das Jahr der Wende ist, so stellt für Israel jeder Krieg eine elementare Zäsur dar.
Nachdem Laor im Juni 1967 am Sechstagekrieg teilgenommen hatte, verweigerte er im Folgenden (ab 1972) den Armeedienst in den besetzten Gebieten – was eine Inhaftierung des damals 24 jährigen zur Folge hatte. Heute gilt er in Israel als eigenwilliger Aktivist, der mit seiner Haltung polarisiert, so auch regelmäßig in den israelischen Medien, darunter vor allem in "Haaretz"

Bei Laors Texten in diesem Sammelband geht es jedoch vielmehr um die Vereinbarkeit von Meinung und Erlebtem, und die Zartheit der Gefühle, die er in seine Poesie legt. Die Brutalität und Klarheit der Realität fasst er in beinahe banale Bilder – ein Beispiel dafür ist "Mein Gefährte" (1990), in dem Laor konkret von einem Erleben während des Sechstageskrieges spricht. Der Originaltitel kann, wie von Anne Birkenhauer auf Deutsch übersetzt, "Gefährte": ("rea" + personalsufix "i" = mein) bedeuten, es kann aber auch der talmudische Begriff für "Kot" gemeint sein – je nach gewählter Übersetzung des Begriffs changiert auch der Sinn des Gedichts.

Es sind gerade die politischen Gedichte aus den frühen 1990er Jahren, die eine starke Sogwirkung auf die Leserin haben und unmittelbar in das Gefühlsgeflecht des jungen Soldaten Laor hineinziehen. Ein Grund für dessen kritische Haltung der israelischen Politik gegenüber mag darin liegen, dass Laor in Hadera aufwuchs: Eine Stadt im Norden Israels, nahe Haifa. Zaun an Zaun lebte er dort mit Zionist*innen, Araber*innen, und Shoa-Überlebenden zusammen – friedlich und als Menschen – umso mehr schmerzt ihn die bis heute regelmäßig wieder ausbrechende Gewalt.

Buchpremiere an einem heißen Frühlingstag

Auf Einladung des Berliner Künstlerprogrammes der daadgalerie in Kooperation mit der "Langen Buchnacht in der Oranienstraße" und dem Verlag Matthes &Seitz war AVIVA-Berlin bei der Buchpremiere Yithak Laors Poesie Debuts dabei.



An diesem 26. Mai 2018 füllte sich trotz des ausgezeichneten Wetters der Raum der daadgalerie-studios schnell und bis auf den letzten Platz. Die Gelegenheit, Yitzhak Laor und die Übersetzerin Anne Birkenhauer persönlich zu erleben, wollten sich viele FreundInnen der Israelischen Literatur nicht entgehen lassen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Katharina Hacker, selbst Autorin und eine langjährige Freundin Anne Birkenhauers.

Trotz seiner 70 Jahre war Yitzhak Laor keine Spur von Müdigkeit anzumerken. Im Gegenteil: in Sportschuhen und mit wachen Augen reagierte er auf die Interpretationen und Fragen sowohl der Moderatorin als auch Übersetzerin so agil und schnelldenkend, dass es schnell zu einem intensiven inhaltlichen Austausch kam. Es folgte ein starker Dialog über seine Lyrik, das Ringen um "das richtige Wort" und die Vereinbarkeit von radikaler Haltung und subtiler Poesie zwischen dem Autor und der Übersetzerin, in dem Laor betonte, dass "durch jede Übersetzung die Lyrik an Volumen gewinnt" und es "keine richtige oder falsche Interpretation" seiner Gedichte gäbe. Diese repektvolle, leidenschaftliche und vor allem authentische Interaktion miterlebt haben zu können, verstärkte bei der Rezensentin den positiven Eindruck der fließenden Zusammenarbeit, was die Übersetzung vom Original ins Deutsche anbelangt.

AVIVA-Tipp: Laors zeitgenössische israelische Lyrik wird besonders die Hebräisch-Deutsch sprechende Leserin insofern ansprechen, als dass sie die Geschichte Israels, jüdische Tradition und Gegenwart verbindet. Laors Gedichte berühren, ohne künstlich schön zu wirken und gewinnen durch die Übersetzung Anne Birkenhauers noch zusätzlich an Tiefe.

Zum Autor: Yitzhak Laor wurde 1948 in Pardes Hanna nahe Haifa, als Sohn Shoa-Überlebender geboren. Sein Vater kam aus Bielefeld, die Mutter aus Riga – beide emigrierten 1934 nach Israel.
Er ist bekannt als kritischer Dichter, Roman- und Bühnenautor, und Essayist. Yitzhak Laor gründete 2004 mit dem Magazin Mitaam , was auf Deutsch etwa als "Im Auftrag von" übersetzt werden kann, "A Review of Literature and Radical Thought". Bis Ende 2011 wurde alle drei Monate eine neue Ausgabe veröffentlicht: In sieben Jahren kamen so 28 Ausgaben mit Essays, Prosa und Poesie, unter anderem auch zeitgenössische palästinensische Gedichte, zustande. Dabei betont Laor, dass Mitaam weder staatliche finanzielle Zuwendungen beantragt noch erhalten habe.
Die Gedichte und Romane des politischen Aktivisten, insbesondere seine Kritik am Krieg im Libanon, polarisieren in Israel: so weigerte sich Ministerpräsident Yitzhak Shamir 1990, Laor den Poesiepreis des Ministerpräsidenten zu überreichen. 1992 erhielt er den Bernstein-Poesiepreis, 1994 den Israelischen Literaturpreis. Yitzhak Laor lebt in Tel Aviv.
Weitere Informationen auf der Website von "Yitzhak Laor" (in englischer Sprache)

Zur Übersetzerin: Anne Birkenhauer wurde 1961 in Essen geboren.
Sie ist bekannt für die Authentizität und Vielzahl ihrer Übersetzungen aus dem Hebräischen ins Deutsche: Von Lyrik, Belletristik über Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher übersetzte sie Titel namhafter Autor*innen wie Mira Magén ("Zuversicht", "Zu blaue Augen"), Amos Oz, David Grossman, Eshkol Nevo, Sarah Shilo oder Daniella Carmi.
In Kontakt mit der hebräischen Sprache kam sie erstmals 1980, als sie mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste nach Israel reiste. Nach dem Studium der Judaistik und Germanistik an der Freien Universität zog sie schließlich nach Jerusalem. Anschließend an wissenschaftlichen Tätigkeiten an der Hebräischen Universität und Dolmetscherschule in Ramat Gan widmete sie sich hauptberuflich nach 1990 der Übersetzung von Literatur. Für eine Gastprofessur kehrte Anne Birkenhauer im Wintersemester 2014-15 für ein Semester an die Freie Universität Berlin zurück.
Zuvor erhielt sie 2010 gemeinsam mit David Grossman für den Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" den internationalen Literaturpreis "Albatros" und im darauffolgenden Jahr erneut für die Übersetzung von David Grossman den "Jane Scatcherd Preis". Es folgten 2015 der Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und 2016 der Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds. Anne Birkenhauer lebt in Jerusalem.
Mehr Infos zu Anne Birkenhauer unter: www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de sowie uevz.literaturuebersetzer.de

Yitzhak Laor
Auf dieser Erde, die in Schönheit gehüllt ist und Wörtern misstraut

Verlag Matthes & Seitz Berlin. Reihe: DAAD Spurensicherung Bd. 30. Erschienen: 2017
240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
Übersetzung: Anne Birkenhauer. Nachwort: Michael Krüger
Alle Gedichte stammen aus: Yitzhak Laor, chajim achad
ISBN: 978-3-95757-461-9
Preis: 28,00 Euro
Mehr Infos zum Buch unter: www.matthes-seitz-berlin.de und www.berliner-kuenstlerprogramm.de


Text und Foto: Lisa Goldberg

Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 21.07.2018 Lisa Goldberg 





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