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AVIVA-BERLIN.de im November 2022 - Beitrag vom 25.09.2022


Kateryna Ostrovska, Blondzhendike Lider
AVIVA-Redaktion

In ihrer Musik begibt sich Rosa Morena Russa (bürgerlich Kateryna Ostrovska), die sich selbst als säkulare Jüdin bezeichnet, auf die Suche nach der eigenen "Yidishkeyt" um damit eine zeitliche und räumliche Brücke zu schlagen: die Brücke über die Kluft zwischen der alten und der neuen Heimat, sowie zwischen dem vergangenen und gegenwärtigen jüdischen Leben in Deutschland. Inspiriert zu diesem Album wurde sie von den Gedichten der Lyrikerinnen Anna Margolin, Kadja Molodowsky, Malka Heifetz Tussman und Rochl Korn.




Die in Hamburg lebende Komponistin und Sängerin macht eine zeitgeistige Musik. Sie komponiert über kulturellen Grenzen hinweg, setzt sich mit unterschiedlichsten Musiktraditionen auseinander und verbindet diese in ihrer Musik zu einem einzigartigen Blend. Kateryna wurde im Süden Russlands in einer jüdischen Musiker*innenfamilie geboren, aufgewachsen ist sie in Russland und in der Ukraine. Mit 17 Jahren kam sie nach Deutschland und hat neben ihrer musikalischen Karriere Jura studiert.

"Blondzhendike Lider" ist ein Album, das als "modernes jüdisches Kunstwerk" konzipiert wurde, aber was kann das sein: ein jüdisches Kunstwerk? Im Idealfall sollte es "Jiddischkeit" beinhalten.

Die Geschichte des jüdischen Volkes ist auch eine Geschichte von Flucht und Auswanderung mit der daraus resultierenden Notwendigkeit, in mit verschiedenen Kulturen zu leben und zwischen verschiedenen Welten zu "wandern". "Das Fehlen einer Identität als Hauptmerkmal der jüdischen Identität" ist, in Anlehnung an Jacques Derrida, eines der wichtigsten Antriebselemente und Definitionsmerkmale von "Radical Jewish Culture" nach John Zorn. Die fortwährende Identitätssuche bereichert die Kunst und macht kreative Prozesse zu einer persönlichen Notwendigkeit. "Blondzhendike Lider" bedeutet aus dem Jiddischen übersetzt "die wandernden Lieder" oder "die wandernden Gedichte" und beinhaltet eine Anspielung an den Roman von Scholem Alejchem "Blondzhendike Shtern". Künstler*innen und Dichter*innen wanderten in fremde Länder und Kontinente aus, mit eigenen Werken im Koffer, und das jüdische kulturelle Erbe folgte ihnen. Nun haben lassen die zahlreichen Mitwirkenden von "Blondzhendike Lider" die Welt des jiddischen Gedichts in einem modernen musikalischen Gewand erstrahlen.

"Blondzhendike Lider" hat mehrere Ebenen: es definiert sich als zeitgenössisches jüdisches Kunstwerk, ist Prozess und Produkt der Identitätssuche der jüdisch-ukrainisch-deutschen Musikerin Kateryna Ostrovska (die aus diesem Grund ihr Pseudonym Rosa Morena Russa für diese Veröffentlichung abgelegt hat).

Der erste kreative Impuls zur Entstehung entstand in einer langen winterlichen Pandemienacht, als Kateryna Ostrovska den jiddischsprachigen Gedichtband "Splitter von Licht und Nacht" von vier Dichterinnen las. "Ich war komplett überwältigt von den Bildern dieser Gedichte. In vielen erkannte ich meine Gefühlswelt komplett wieder. Dass zwischen mir und den Dichterinnen fast ein Jahrhundert lag, war schwer zu glauben. Ich fühlte Nähe, Zugehörigkeit, Trost und Heimat, wollte mit diesen Frauen kommunizieren, mit deren geistigen Quintessenzen, die es vermochten, mich über die Jahrzehnte und deren eigenen Tod hinaus so umzuhauen. Die Vertonung des ersten Gedichts ("Shlanke shiffn" von Anna Margolin) fühlte sich fast wie eine spirituelle Sitzung an. Ich habe angefangen die Biographien von Dichterinnen zu lesen, um nach Erklärungen für diesen fast schmerzlichen Gleichklang zu suchen, und stellte fest: Frau, Künstlerin, Jüdin, Immigrantin. Diese Feststellung war der erste Anstoß für "Blondzhendike Lider". Ich wollte weitermachen, einen Austausch mit weiteren Künstlern anregen, die wie ich mit diesen Bildern zusammengehen, um daraus eine ´geistige Heimat der Heimatlosen´ erschaffen können."

Nun ist das Werk vollbracht mit 50 Minuten Spiellänge, über 50 beteiligten Künstler*innen und einer Reiseroute, die sich über Hamburg, Berlin, New York, Rio de Janeiro, Buenos Aires, São Paulo, Sankt Petersburg, Chişinău und Sofia erstreckt. Neben Vertonungen von Kateryna Ostrovska beinhaltet das Album auch die "Musikleihgaben" von Koryphäen der jüdischen Musik wie Josh Waletzky, Efim Chorny und Dr. Alan Bern (Künstlerischer Leiter von "Yiddish Summer Weimar" und Bandleader der Band "Brave Old World"), der mit seiner Vertonung von Kadya Molodowsky "iz mayn shtub den a shif" eine speziell für dieses Album erschaffene Komposition beigesteuert hat. Zwei weitere bedeutende Mitwirkende sind Marcelo Moguilevsky (ARG) und Benjamim Taubkin (BR), die bereits davor im Bereich der Freien Musik zusammengearbeitet haben, was sich aber erst nach den ersten Konzeptionsbesprechungen offenbart hat – ein wundersamer Zufall.

Die Orchestrierungen hat "Blondzhendike Lider" der Feder von Paulo Aragão zu verdanken. Kateryna Ostrovska entdeckte sein Werk auf dem Grammy nominierten Album "Noturno Copocabana" von Guinga. Im ersten Gespräch zweifelte Paulo, ob er die Ästhetik der jüdischen Musik treffen könne, da er noch nie mit dieser gearbeitet hat. Darauf antwortete Kateryna, dass es völlig ausreiche, wenn er einfach nur Paulo sei. "Dass Paulo ein Glücksgriff und ein Segen für diese Produktion war, habe ich spätestens gewußt, als er nach Gedichtsübersetzungen fragte - noch bevor er nach Musik verlangte. Und das als Arrangeur! Da wusste ich, dass er sich genauso von den poetischen Bildern durch die Musik führen lässt. Umso mehr fühlte ich mich bestätigt, als Alan Bern meinte, er wäre zu Tränen gerührt als er zum ersten Mal das Arrangement von "iz mayn shtub den a shif" hörte, es wäre das Schönste, was in seiner ganzen musikalischen Laufbahn jemals jemand mit seiner Musik gemacht habe."

Neben den Vertonungen enthält das Album eine "Nachdichtung" auf das Stück "Doce de coco" des brasilianischen Komponisten Jacob do Bandolim, Sohn einer jüdischen Einwanderin aus Lodz. Darauf zu hören ist ein Streicherarrangement des Hamburger Multiinstrumentalisten Friedrich Paravicini, unterstützt von dem Percussionsarrangement des wohl außerhalb Brasiliens bekanntesten Pandeiristen Marcos Suzano.

AVIVA-Tipp: Jede Zeile der vertonten Gedichte auf dem Album "Blondzhendike Lider" erzählt von Trauer und Verlust, aber auch von Hofffnung, von Zärtlichkeit und der unerschütterlichen Liebe für das Leben. Ein Werk von berührender Schönheit und kraftvoller Tiefe.

Kateryna Ostrovska
Blondzhendike Lider

DaCasa Records | Galileo MC VÖ: 23.09.22
Mehr Infos: rosamorena.de


Quelle Text: chateau du pop Pressemitteilung


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Beitrag vom 25.09.2022

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