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24.05.2020

Angeli Janhsen – Gut schreiben über neue Kunst
Bärbel Gerdes

Um neue Kunst zu verstehen, bedarf es oftmals der Vermittlung. Doch beim Schreiben über neue Kunst, sei es in wissenschaftlichen Arbeiten oder Rezensionen, greifen tradierte Begrifflichkeiten und Kategorien nicht mehr. Die Freiburger Kunsthistorikerin und Professorin für Kunstgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, mit dem Schwerpunkt moderne und zeitgenössische Kunst Angeli Janhsen hat einen Ratgeber geschrieben, der zur eigenen Auseinandersetzung einlädt.



Die Ikonografie befasst sich mit der Interpretation und Deutung der bildenden Kunst. Historische Zusammenhänge werden erklärt, Symbolik aufgelöst. Kunsthistorische Texte fungieren als Dolmetscher, wodurch die Leser_innen eine Bedeutung erhalten und Einsicht gewinnen.

Dies gilt jedoch nicht bei neuer Kunst, da allgemeingültige Zeichen meistens fehlen. Eine allgemeine Bildung, aus der sich ein Kollektiv bildet, gibt es immer weniger. Während sich beispielsweise noch vor 20 Jahren Menschen durch Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Rundfunk informierten und dadurch ein kollektiver Wissensstand erschaffen wurde, bezieht jede_r heute ihre/seine Informationen auf sehr individuelle Weise. Werte lösen sich auf, Dinge bedeuten verschiedenen Menschen Verschiedenes.

Janhsen versteht unter neue Kunst sowohl zeitgenössische als auch frühere Kunst, Kunst seit dem Beginn der Moderne, etwa seit 1800. In ihr muss erkannt und verstanden werden, was das Besondere ist, inwiefern sie sich von alter Kunst unterscheidet.
Dabei möchte die Kunsthistorikerin mit diesem Band keine Regeln aufstellen, sondern sie möchte die Leserin auffordern, selbst zu erkennen, sich auseinanderzusetzen, Fragen aufzuwerfen. Es geht darum, einen offenen Blick, Orientierungssinn und Takt zu entwickeln und damit jeder neuen Situation genauer zu entsprechen. Und derer gibt es viele.

Neue Kunst tritt in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen auf. Traditionelle Kategorien und Zugänge gelten oft nicht. Nicht nur gibt es keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsamen äußeren Kennzeichen mehr, auch die Orte, an denen sie auftritt, sind vielfältig und unvorhersehbar. Gegenstände werden deformiert, entwertet, fragmentiert. Kunstwerke lösen sich auf. Kunstwerke sind nur für den Augenblick vorhanden, können nicht langfristig in Museen gesammelt und in Sammlungen kuratiert werden, sind nicht reproduzierbar. Manches Kunstwerk erfordert Handlungsanweisungen, tritt interaktiv mit der Zuschauenden in Verbindung. Die Rezipienten sollen selbst etwas tun, werden vielleicht selbst Teil des Kunstwerks. Aktionskunst, Performances, Minimal Art ..., all dies sind Kunstformen, die nicht mehr mit tradierten Begriffen und aus bislang gültigen Perspektiven beschrieben und betrachtet werden können.

Adressat_innen sind häufig nicht mehr Menschengruppen, sondern die Einzelnen. Jede_r interpretiert selbst. Natürlich gab es immer den individuellen Blick, doch oftmals eingebunden in einen kollektiven. Kunst ermöglicht heute Erfahrungsräume, die sehr persönlich, sehr speziell sind.

Auf diese Situationen muss sich das Schreiben über neue Kunst einstellen. Voraussetzung dafür aber ist, dass der Texterin dies bewusst ist. Janhsens sehr hilfreiche Checkliste führt zahlreiche Aspekte auf, mit der sich die Betrachterin auseinandersetzen muss.
Das Schreiben über Kunst war nie einfach, da Visuelles mit Sprache ausgedrückt werden muss. Bildbeschreibungen können dem Bild nie gerecht werden. Das Beschreiben eines Kunstwerks kann dieses sogar verdecken und sich zwischen Kunstwerk und der Rezipientin stellen. Aber vorsichtiges Beschreiben kann auch die Augen öffnen.

Was aber soll das Schreiben über neue Kunst dann bewirken? Erklärungen und Interpretationen sind oftmals weder erwünscht noch sinnvoll, weil die Betrachterin dem Werk unvoreingenommen begegnen und es auf ihre Weise interpretieren und betrachten soll. Andererseits wird ein Werk manches Mal erst durch Erklärung verständlich, durch Hinweise, Hilfestellungen. Doch Angeli Janhsen warnt: Neue Kunst ist keine Rätselaufgabe. Wer über sie schreibt, soll kein Rätsel richtig lösen, aber er hat hoffentlich etwas zu sagen.
Eher ginge es um die Weitergabe von Informationen, um behutsame Beschreibung dessen, was zu sehen ist.
Unbedingt nützlich sind Texte zu neuer Kunst nur, wenn sie Neues anstoßen, wenn sie aufmerksam machen, resümiert Janhsen.

AVIVA-Tipp: Das sehr interessante, anregende und lesenswerte Buch von Angeli Janhsen, die an der Universität Freiburg eine Professur für Kunstgeschichte innehat, geht auf die vielfältigen Aspekte des Schreibens über neue Kunst ein. Zahlreiche Literaturtipps im Text und ein übersichtlich gestaltetes Literaturverzeichnis geben der Leserin wichtige Hilfestellungen und ein gutes Rüstzeug an die Hand – vom Schreibratgeber bis zu Werken zur Geschichte des Schreibens, von der Verbindung von Schreiben und Sehen zur Ikonographie und Kulturgeschichte.

Zur Autorin: Angeli Janhsen wurde 1957 geboren und studierte in Bochum Kunstgeschichte und Germanistik. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über "Sarah Schumann. Kunst und Frauenbewegung". 1987 promovierte sie, 1992 wurde sie mit "Dies. Hier. Jetzt. Wirklichkeitserfahrungen mit zeitgenössischer Kunst" habilitiert. Seit 1999 ist sie Professorin für Kunstgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der modernen und zeitgenössischen Kunst am Kunstgeschichtlichen Institut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind moderne und zeitgenössische Kunst sowie Geschichte der Kunsttheorie.
Mehr Infos unter: www.kunstgeschichte.uni-freiburg.de

Angeli Janhsen
Gut schreiben über neue Kunst

Reimer Verlag, erschienen im Oktober 2019
224 S., Broschur
ISBN 978-3-496-01625-0
19,90 €
Mehr zum Buch: www.reimer-mann-verlag.de