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AVIVA-BERLIN.de im April 2018 - Beitrag vom 14.12.2017

Maggie Nelson - Die Argonauten
Silvy Pommerenke

"Die Argonauten" der Dichterin, Kritikerin und Essayistin und Professorin an der University of Southern California Maggie Nelson haben in der Kategorie Kritik den National Book Critics Circle Award gewonnen und wurden zum Bestseller der New York Times. Inhaltlich sind sie zwar nur für einen kleinen Kreis geschrieben, aber die Aussagekraft für die queere Welt ist immens.



Die Ich-Erzählerin - in diesem Falle gleichzusetzen mit Maggie Nelson - gibt Gedankensplitter wider und macht das Persönliche öffentlich. Sie schreibt über ihre Beziehung zu Harry (und dessen geschlechtsangleichende Maßnahmen) und seinem Stief-Sohn aus einer anderen Beziehung, berichtet von ihrem Alltag der Patchwork-Familie und von den besonderen Momenten mit ihrem neugeborenen Kind Iggy. Das ist ein wenig so, als würde die Leser*in im persönlichen Tagebuch der Autorin lesen. Es gibt keine Stringenz im Erzählen, keinen durchgehenden Plot, erst recht keinen Spannungsbogen. Aber - und das "aber" soll in diesem Falle großgeschrieben werden -, es gibt etwas in dieser autobiografischen bzw. politischen Schrift (oder sollte es doch ein Memoir sein? Eine Literaturgattung, die derzeit groß im Kommen ist), was das Lesen äußerst lohnenswert macht. Maggie Nelson setzt sich auf äußerst intellektuelle Art und Weise mit den Themen Queer-Theory, Mutterschaft, Schwangerschaft (durch "künstliche" Befruchtung mittels In-vitro-Fertilisation oder per Samenspenderbehandlung - und die Probleme, sowohl praktischer als auch gesellschaftlicher Natur, die damit einhergehen können), Geschlechteridentität und Gesellschaftsnormativitäten (sowohl die Hetero- als auch die Homonormativität) auseinander. Das ist sicherlich nicht eine Lektüre für die Allgemeinheit, sondern spricht ein explizit vergeistigtes Publikum an, aber die Message ist eindeutig: Es geht um das Auflösen von heteronormativen Strukturen und die Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Normen und Strukturen.

Maggie Nelson geht dabei inhaltlich unter anderem auf Proposition 8 (einen Volksentscheid zur Änderung der kalifornischen Verfassung, nur noch heterosexuelle Ehen staatlich anzuerkennen), die queer-feindliche BIOLA (eine private christliche Hochschule im US-Bundesstaat Kalifornien) und noch viele andere - politisch brisante - Dinge ein. Außerdem seziert sie die Theorien von Roland Barthes, Peter Sloterdijk oder Judith Butler. Sie ist bei allem aber nicht nur politisch, sondern vor allem auch privat. Das gipfelt schließlich in der Geburt ihres Sohnes und dem fast gleichzeitigen Tod ihrer Schwiegermutter. Das sind die Momente des Memoir bzw. der politischen Schrift, die beim Lesen fast zu Tränen rühren. Gerade weil Maggie Nelson Tod und Geburt literarisch miteinander verzahnt, entsteht eine besondere poetologische Ausdrucksstärke.

Maggie Nelsons Intention, "Die Argonauten" geschrieben zu haben, liest sich fast schon banal: "Ich bin daran interessiert, meine Erfahrung darzulegen und meine spezielle Weise zu denken vorzuführen - welchen Wert das auch immer haben mag." Der Wert ist für die Leser*innen auf jeden Fall enorm. Sei es, dass Maggie Nelson darüber informiert, wie eine "künstliche" Befruchtung zustande kommen kann, dass diejenigen, die selbst keine Schwangerschaft erfahren haben, über den Prozess des Schwanger-Seins und der Geburt informiert werden, oder dass das Thema Transgender detailreich beschrieben wird. Und nicht zuletzt hinterfragt Nelson immer wieder die bestehenden gesellschaftlichen Normen und unterfüttert das mit Theorien von anderen politischen Denker*innen.

Und wieso nun der Titel "Die Argonauten"? Da hat sich Maggie Nelson der griechischen Mythologie bedient und verweist durch den Titel auf das Theseus-Paradoxon , das bereits in der Antike aufgezeigt wurde. Es berührt die Frage, ob ein Gegenstand (oder ein Mensch) seine Identität verliert, wenn viele oder gar alle seiner Einzelteile nacheinander ausgetauscht werden. Dieses philosophische Paradoxon ist zwar seit der Antike ungelöst, aber Maggie Nelson vermittelt zumindest ein paar Angebote, wie eine Antwort darauf aussehen könnte.

AVVA-Tipp: Intellektuelles Vorwissen kann bei der Lektüre von "Die Argonauten" sicher nicht schaden. Aber, auch wenn der Leser*in die griechische Mythologie oder gender-politische Diskurse nicht allzu sehr vertraut sind, so ist der Mehrwert außerordentlich und die kluge Art und Weise, wie Nelson argumentiert, beeindruckend. Vielleicht sind "Die Argonauten" nur für a happy few geschrieben. Betreffen tun sie uns aber alle!

Zur Autorin: Maggie Nelson, 1973 in San Francisco geboren, ist Dichterin, Kritikerin und Essayistin. Von ihr sind neun Bücher erschienen, darunter fünf Sachbücher, darunter The Argonauts (2015), The Art of Cruelty: A Reckoning (2011), Bluets (2009), The Red Parts: Autobiography of a Trial, sowie Women, the New York School, and Other True Abstractions (2007, für das sie den Susanne M. Glassock Award in Interdisziplinären Stipendien erhielt) "Die Argonauten" ist das erste in deutscher Übersetzung. 2016 wurde es mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet, im selben Jahr erhielt Maggie Nelson den renommierten MacArthur »Genius Grant«. Zuvor bekam sie ein Guggenheim-Stipendium für Sachbücher, ein NEA-Stipendium für Poesie, sowie ein Andy Warhol-Stipendium. Sie unterrichtet am California Institute of the Arts und ist Professorin an der University of Southern California.
Maggie Nelson ist mit dem US-amerikanischen Bildhauer, Performer, Videokünstler und Schriftsteller Harry Dodge (geboren 1966 in San Francisco, Kalifornien) verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Los Angeles.
Mehr Infos zu Maggie Nelson unter: dornsife.usc.edu

Zum Übersetzer: Jan Wilm, geb. 1983, studierte Anglistik und Amerikanistik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er lehrte zunächst anglistische Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt und lehrt derzeit an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo er 2014 seine Dissertation zu J. M. Coetzee und der Philosophie, The Slow Philosophy of J. M. Coetzee, abschloss. Die Dissertation erschien 2015 in Buchform. 2013 erschien, zusammen mit Mark Nixon, der Sammelband Samuel Beckett und die deutsche Literatur. Wilm lebt in Frankfurt am Main. (Quelle: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik)

Maggie Nelson
Die Argonauten

Originaltitel: The Argonauts
Übersetzt von Jan Wilm
Hanser Berlin Verlag, erschienen September 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten
ISBN: 978-3-446-25707-8
Euro 20,00
www.hanser-literaturverlage.de

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Literatur > Sachbuch Beitrag vom 14.12.2017 Silvy Pommerenke 

   




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