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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.11.2017

Marianne Zückler - Osteuropa Express. Erzählungen über Freiheit, Liebe, Sexualität und Ausgrenzung
Ahima Beerlage

In vielen osteuropäischen Ländern ist die Situation homosexueller, trans- und intersexueller Menschen unsicher bis gefährlich. In ihren Erzählungen begibt sich die Autorin und Theaterwissenschaftlerin in acht Schicksalen, die auf realen Interviews mit unmittelbar Betroffenen aus Polen, Ungarn, Lettland, Litauen und Deutschland fußen, auf Spurensuche.



Religion und Propaganda

Sie kommen aus verschiedenen Berufen oder studieren. Sie sind Single, leben in einer Partner*innenschaft oder bei den Eltern. Sie sind schwul, lesbisch oder trans und leben in Polen, Ungarn, Lettland, Litauen oder als Austauschstudierende in Deutschland. Es sind acht Menschen, die Eines gemeinsam haben: Sie wollen ihre sexuelle Identität ohne Angst und Repressionen leben.

Da ist Krisztina, eine junge Musikerin aus Ungarn, die noch bei ihren Eltern lebt und die in dem Jahr zur Welt kam, als in Deutschland die Mauer fiel. Ihr ist früh bewusstgeworden, dass sie sich in ihrem Körper nicht zuhause fühlt. Sie sucht nach Antworten in ihrem Philosophiestudium. Doch Krisztina wird enttäuscht. "Alles Makulatur. Aktuelle philosophische Fragestellungen zu Geschlecht und Gender streifen die verstaubten Professoren bestenfalls am Rand. Es gibt für sie nur die Geschlechter Adam und Eva. Nichts daneben und dazwischen." Krisztina wird überfallen und verprügelt. Die Angst danach sitzt tief, besonders da Krisztina weiß, dass sie die Polizei, die auf Seiten der Angreifenden steht, nicht einschalten kann. Auch André/Andrea aus Lettland, die älteste Person unter den acht Protagonist*innen, macht von klein auf schlimme Gewalterfahrungen als Transmädchen und -frau. Doch diese Gewalt und ihre Herkunft als Waisenkind ohne Papiere hat André/Andrea nicht gebrochen. "Schon verrückt – keine Identität ohne behördliche Papiere? Identität ist etwas ganz Anderes, etwas Angeborenes. Ich fühle mich mit mir verbunden, das ist meine Identität." Anna dagegen kämpft gegen Vorurteile, die sie von klein auf durch die konservative Auslegung der katholischen Lehre in Polen und durch homophobe staatliche Propaganda verinnerlicht hat. "Lesben, Schwule und Transsexuelle waren für mich kranke Wesen. Menschen zweiter Klasse. (...) Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl wurde von den Medien berichtet, man werde lesbisch oder schwul, wenn man verstrahlte Lebensmittel wie Hühnchen oder Pilze isst." Auch Kazimierz, Landschaftsarchitekt aus Breslau, ist zwar in einer fortschrittlichen polnischen Familie aufgewachsen, doch die katholische Kirche gehört zu seinem Alltag und prägt auch sein Leben als Schwuler – ebenso wie das Familienschicksal als Verfolgte der Stalinära. Eszter lebt zwischen zwei Kulturen. In den USA geboren, zieht es sie als Erwachsene zu den Wurzeln ihrer Eltern, die in Ungarn geboren wurden und im Alter dorthin zurückkehrten. Doch weder in den USA noch in Ungarn findet das hochintelligente androgyne Mädchen ihren Platz. Als sie ihre Sexualität entdeckt, gerät sie zunehmend unter Druck. Auch Asenka aus Lettland, die mit der Gewalt ihres alkoholabhängigen Vaters und den Tränen ihrer Mutter zu kämpfen hat, findet nicht ihren Platz in der streng nach Geschlechtern geteilten Welt. "Bei den Schlammschlachten der Jungs hatte ich nichts zu suchen. Die Schmink- und Verkleidungsspiele der Mädchen kamen mir albern vor. Ich fühlte mich nicht als eine von ihnen." Algis aus Litauen kämpft nicht nur damit, sein Image als Radiomoderator vom Verdacht der Homosexualität frei zu halten, sondern auch mit den Auswirkungen von jahrelangem Missbrauch durch Onkel und Tante, die sich nach außen tief katholisch geben, ihn aber schon als Jungen dazu bringen, mit ihm Heteropornos zu anzusehen.

Verwobene Schicksale

Die Lebensgeschichten der acht Hauptfiguren wurden von der Autorin episodisch miteinander verwoben. Dabei sind die verschiedenen Stationen ihres Lebens in einzelne Kapitel aufgeteilt, die Titel tragen wie beispielsweise Freiheit! Liebe! oder Glück auf dünnem Eis. Der Wechsel zwischen den einzelnen Protagonist*innen macht es manchmal schwer, ihren Lebenswegen zu folgen, ermöglicht es aber ebenso, die Parallelen und kulturellen Ähnlichkeiten zu erkennen. Alle Geschichten, so die Autorin, beruhen auf Interviews, die sie mit Betroffenen geführt hat. Ihr ist es gelungen, aus diesen Informationen packende Geschichten zu schreiben.

AVIVA-Tipp: Es lohnt sich immer, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Dabei hilft uns die Sammlung von Erzählungen, die die Autorin und Theaterwissenschaftlerin Marianne Zückler aus zahlreichen Interviews mit Menschen aus den osteuropäischen Ländern Polen, Ungarn, Lettland und Litauen geformt hat. Die Lebenswege der acht Protagonist*innen berühren in ihren Details und geben einen Einblick in die religiösen und kulturellen Diskriminierungen, mit denen Lesben, Schwule, trans- und intersexuelle Personen in diesen Ländern zu kämpfen haben. Sie ermutigen aber auch in ihrer stolzen und widerständigen Haltung, für die eigene Würde und Freiheit zu kämpfen.

Zur Autorin: Marianne Zückler wurde 1960 in Berlin geboren, studierte Germanistik, Erziehungswissenschaft und Theaterpädagogik. Seit 1994 arbeitet sie als freie Autorin und Dozentin für dokumentarisch-biografische Theaterarbeit, ihre Hörspielarbeit wurde mehrfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman Der blanke Hans und seine Frauen erschien 2015. Sie interessiert sich vor allem für die Verschränkung von Erfahrungs- und Erinnerungsräumen sowie die transgenerationelle Weitergabe von Kriegs- und Gewalttraumatisierungen.
Mehr Infos zu Marianne Zückler: www.europa-verlag.com

Marianne Zückler
Osteuropa Express
Erzählungen über Freiheit, Liebe, Sexualität und Ausgrenzung

238 Seiten, Klappenbroschur
Europa Verlag, erschienen 20. März 2017
ISBN: 978-3958900790
16,90 Euro
auch als eBook erhältlich


Literatur > Sachbuch Beitrag vom 23.11.2017 Ahima Beerlage 

   




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