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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2017 - Beitrag vom 06.07.2017

Nadine Kegele - Lieben muss man unfrisiert. Protokolle nach Tonband
Christina Mohr

1977 erschien "Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband", Maxie Wanders Sammlung authentischer Alltagsgeschichten von Frauen aus der DDR. Vierzig Jahre später erneuert die Wiener Autorin Nadine Kegele das Experiment...



Die Messlatte liegt hoch für Nadine Kegeles Interviewbuch "Lieben muss man unfrisiert", das sogar denselben Untertitel trägt wie sein berühmtes Vorbild: "Protokolle nach Tonband". 1977 veröffentlichte die von Wien in die DDR emigrierte Autorin und Journalistin Maxie Wander den Band "Guten Morgen, du Schöne", in dem sie Frauen unterschiedlicher Jahrgänge, Herkünfte und Tätigkeiten aus ihrem Leben, über ihre Wünsche und Sorgen berichten lässt. Dem Echtheitsversprechen entgegengesetzt griff Wander durchaus in die Protokolle ein, kommentierte und formulierte um – machte aus Gesprächen Literatur. Ihr Buch war nicht das erste seiner Art, einige Jahre zuvor waren Sarah Kirschs "Fünf unfrisierte Erzählungen aus dem Kassetten-Recorder" erschienen, Wanders unkaschiert adaptiertes Vorbild. Doch "Guten Morgen..." wurde ungleich populärer, erfuhr sogar eine Bühnenfassung und mehrere Verfilmungen.

Die Wiener Autorin Nadine Kegele greift – quasi zum 40. Geburtstag von "Guten Morgen, du Schöne" – Maxie Wanders Prinzip wieder auf. Achtzehn Frauen lässt Kegele zu Wort kommen, im Alter von 16 bis 92 Jahren. Um den Bezug zum Vorbild gleich zu Beginn greifbar zu machen, notiert Kegele anstatt eines Vorworts ein fiktives Gespräch zwischen ihr und (der 1977, also zum Erscheinen ihres Buches mit nur 44 Jahren an Krebs gestorbenen) Wander, das tatsächliche Vorwort stammt von keiner Geringeren als Marlene Streeruwitz.

Kegeles Protokolle lesen sich spannend, abwechslungsreich – und aktualisieren beispielsweise die Wander´sche Erkenntnis, dass auch anno 2016/17 die Hauptlast der Familienarbeit bei den Frauen liegt, Sozialismus hin, modernes Europa her. Interessant an den heutigen Protokollen ist, dass Frauen vordergründig aus wesentlich mehr Optionen wählen können: Studium ja oder nein, Wissenschaftlerin, Unternehmerin, Tänzerin – alles ist möglich, auch die Verwendung von Sprache ist diverser, direkter, über Sex wird unverblümt gesprochen. Die 92-jährige Fanny redet natürlich anders als die 16-jährige Schülerin Hillary, und doch gibt es vieles, was die Frauen eint. Problematische Beziehungen/Männer sind das eine, prekäre Lebensbedingungen das andere, Sorge um die Kinder (vorhanden oder nicht) ist sowieso schichtenübergreifend.

Dass Kegele wie Wander auktorial in die Protokolle eingreift, ist zu vermuten und höchst legitim – ihre Protagonistinnen sind authentisch, nicht unbedingt aber identisch mit einer bezeichneten Person.
Kegele lässt Drastik in den Berichten zu: "Wenn jemand wissen will, wie das ist, ein Kind zu bekommen, sage ich immer: Wie einen Brotlaib scheißen", wird beispielsweise die 45-jährige "Ruth, Scheidungsanwältin" zitiert. Körperliches will saftig beschrieben sein. Doch Kegele baut nicht auf knallige Statements als Selbstzweck, ihr geht es um die Vielfalt der Lebenswelten: Die Schülerinnen wollen als Erstes das Ladegerät der Interviewerin borgen, geraten dann in einen twittermäßigen Rederausch um Jungs, Sex, Aufklärung, Menstruation, Religion, Beyoncé. "Greta, 42, Bibliothekarin" macht keinen Hehl aus ihrem Dasein als nerdige Cat Lady, die 38-jährige "Unternehmerin Elena" spricht offen über ihr Alkoholproblem und ihre schwierige Kindheit, die 28-jährige Nehir über ihr Leben als Gastarbeiterkind.

Es ist nicht notwendig, die Kapitel ihrer Reihenfolge nach zu lesen – jedes Protokoll ist für sich genommen eine eigene Realität, die sich ins Panoptikum anderer Lebensläufe einreiht, diese kontrastiert und ergänzt. "Geschichte durch Geschichten schreiben", dieses Prinzip erfüllt Nadine Kegele mit ihren Protokollen vollumfänglich, oder, um Maxie Wander zu zitieren, "Man müsste über alles reden können." Nadine Kegele und ihre Interviewpartnerinnen können es.

AVIVA-Tipp: Ein solches Buch sollte nicht alle 40, sondern jedes Jahr erscheinen, um die Lebenswelt(en) von Frauen zu dokumentieren. Jedes Kapitel ein Miniroman und Tatsachenbericht zugleich.

Zur Autorin: Nadine Kegele, 1980 in Bludenz geboren, lebt in Wien. Bürolehre, zweiter Bildungsweg, Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Gender Studies. Erwerbsarbeiten als Sekretärin, Finanzassistentin, Mediaplanerin, Lektorin, DaZ-Trainerin. Schreibt für den Standard und die Obdachlosenzeitung Augustin.
Zahlreiche Preise und Stipendien, Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2013. Zuletzt erschien ihr Debütroman "Bei Schlechtwetter bleiben die Eidechsen zu Hause".
Nadine Kegele im Netz: www.nadinekegele.net

Nadine Kegele
Lieben muss man unfrisiert. Protokolle nach Tonband

Vorwort von Marlene Streeruwitz
Hardcover mit Schutzumschlag, 352 Seiten
Kremayr Scheriau, 1. Auflage März 2017
ISBN 978-3-218-01066-5
22,90 Euro

Mehr Infos zum Buch sowie der Buchtrailer unter: www.kremayr-scheriau.at


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Literatur > Sachbuch Beitrag vom 06.07.2017 Christina Mohr 

   




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