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AVIVA-BERLIN.de im März 2017 - Beitrag vom 20.02.2017

Victoire Dauxerre - Size Zero. Ein Topmodel über die dunklen Seiten der Modewelt
Hannah Hanemann

Drei Äpfel am Tag und als Nachtisch Abführmittel - für Victoire Dauxerre während ihrer kurzen Karriere als Model eine normale Ernährung. Ihr autobiographischer Bericht ist eine wütende Anklage gegen die Modeindustrie und zugleich Tagebuch einer Selbstzerstörung.



Es ist wieder soweit. Jeden Donnerstagabend findet auf Pro7 ein Showlaufen junger, hübscher und vor allem magerer Mädchen statt, die sich mit geradem Gang gegenseitig auszustechen versuchen. Die Rede ist natürlich von der Serie "Germanys Next Topmodel" unter der Leitung von Heidi Klum.
Wie auch immer frau zu ihrer Sendung steht, "Germanys Next Topmodel" hat bereits in der Vergangenheit viel Kritik einstecken müssen. Nicht zuletzt wegen der zweifelhaften Schönheits- und Verhaltensregeln, die den Zuschauerinnen vermittelt werden: Sei groß, dünn, immer freundlich und widersprich nicht!

Tagebuch über die Selbstkasteiung eines Models

Dass diese Regeln in der Modewelt an der Tagesordnung sind, kann auch Victoire Dauxerre bezeugen. Das ehemalige französische Model hat am eigenen Leib erfahren, welchen Druck die Fashionindustrie auf junge Mädchen ausübt - und wie schwierig es ist, sich diesem zu entziehen.
In ihrem autobiographischen Buch beschreibt sie ihren Aufstieg zum gefragten Runway Model, ihre anfängliche Euphorie, die schnell in die totale Erschöpfung und Selbstkasteiung umschlägt. Ab dem ersten Tag nach ihrer "Entdeckung" durch einen Modelscout hört sie praktisch auf zu essen: mehr als drei Äpfel pro Tag erlaubt sie sich so lange nicht, bis sie bei einer Größe von 178 Metern besorgniserregende 47 Kilogramm wiegt. Mit diesem Gewicht passt sie in Kleidergröße 32, die legendäre "Size Zero", die in der Modebranche für Models Standard ist.
Weder ihre Agentur noch ihre Eltern scheint das jedoch sonderlich zu beunruhigen, weshalb auch Victoire ihr Essverhalten als normal wahrnimmt und den unrealistischen Körperidealen, die ihr vermittelt werden, protestlos hinterherjagt.

So ist es zunächst weniger der Verzicht auf Nahrung, der sie an der Modeindustrie abstößt, als die Behandlung der Models durch DesignerInnen und StylistInnen.
Sie fühlt sich zunehmend entmenschlicht, zum Objekt degradiert und gleichgeschaltet - wie einer von vielen hübschen Kleiderbügeln.
Hinzu kommt der Umgang der Models untereinander, der von Eifersucht und Konkurrenzdenken geprägt ist. Victoire ist einsam, verzweifelt und schließlich auch wütend. Ihre Essstörung ist sie jedoch lange nicht bereit anzuerkennen. Erst als sie körperlich völlig zusammenbricht und schließlich einen Suizidversuch unternimmt, realisiert sie, dass sie aussteigen muss.

Magerwahn und Entwürdigung in der Modeindustrie sind nicht neues

Spätestens seit der verstörenden Kampagne des magersüchtigen Models Isabelle Caro, deren Fotos 2007 eine breite Öffentlichkeit schockierten, oder Sara Ziffs Dokumentarfilm "Picture Me" von 2010, sind die Schattenseiten der Modeindustrie kein Geheimnis mehr. Seitdem häufen sich Berichte ehemaliger Models, die sich über unmenschliche Behandlungen in der Modebranche beschweren. Die öffentliche Empörung zeigt erste Wirkung: In Frankreich ist 2016 ein Gesetz in Kraft getreten, das die Beschäftigung von Models mit einem BMI unter 18,5 verbietet - ob das in der Praxis eingehalten wird, ist jedoch fraglich.

Victoire Dauxerres Geschichte ist eine von vielen. Leider ist es weder die schockierendste noch bestverfasste Geschichte, weshalb "Size Zero" aus den unzähligen Berichten ehemaliger Models nicht wirklich heraussticht und keine neuen Erkenntnisse liefert. Der deutsche Untertitel "Ein Topmodel über die dunklen Seiten der Modewelt" lässt eine tiefergehendere Analyse erwarten, als das Buch tatsächlich liefert. Das Problem der Anorexie wird zwar thematisiert, jedoch ausschließlich auf den Zwang durch die Agenturen reduziert, statt in seiner psychologischen Komplexität erklärt und untersucht zu werden. Auch bleiben andere negative Aspekte der Modeindustrie, wie (emotionaler) Missbrauch oder sexuelle Belästigung, unerwähnt. So ist "Size Zero" ein weiterer persönlicher Erfahrungsbericht - mehr aber auch nicht.

AVIVA-Tipp: "Size Zero. Ein Topmodel über die dunklen Seiten der Modewelt" von Victoire Dauxerre liest sich wie ein Tagebuch. Ihr Bericht ist anklagend und wütend, jedoch wenig informativ oder überraschend. Als Warnung vor allem an jüngere Leserinnen, die von einer Karriere als Model träumen ohne eine Vorstellung von der harten Realität des Modebusiness` zu haben, ist es aber sicher lesenswert.

Über die Autorinnen: Victoire Dauxerre wurde 1992 in Paris geboren. 2011 war sie eines der meistgebuchten Laufsteg-Models und absolvierte Modeschauen in Paris, Mailand und New York für zahlreiche große DesignerInnen. Nach einem harten Kampf gegen die Magersucht studiert sie heute Schauspielerei und Theater in England. Seit ihr Buch in Frankreich erschienen ist, setzt sie sich gegen das fragwürdige Schönheitsideal im Modelbusiness ein.
Mehr Infos zu Victoire Dauxerre: www.twitter.com/victoiredaux
Valérie Péronnet wurde 1964 in Dakar geboren. Sie arbeitet als unabhängige Journalistin und Buchautorin und schreibt regelmäßig für das "Psychologies Magazine". Ihr erster Roman "Jeanne et Marguerite" erschien 2011 im Calmann-Lévy Verlag und wurde 2013 fürs Theater adaptiert.
Mehr Infos zu Valérie Péronnet: calmann-levy.fr/auteurs/valerie-peronnet

Victoire Dauxerre
Size Zero. Ein Topmodel über die dunklen Seiten der Modewelt

Originaltitel: Jamais assez maigre. Journal d´un top model
Mitautorin: Valérie Péronnet
Übersetzt von: Alexandra Baisch
272 Seiten, Klappenbroschur
Piper Verlag, erschienen am 01.02.2017
15,00 Euro
ISBN: 978-3-492-06057-8
www.piper.de

Beratungsstellen und Hilfe bei Essstörungen
www.bzga-essstoerungen.de
www.dick-und-duenn-berlin.de

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Literatur > Sachbuch Beitrag vom 20.02.2017 AVIVA-Redaktion 

   




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