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AVIVA-BERLIN.de im September 2017 - Beitrag vom 24.08.2017

Theresia Enzensberger - Blaupause. Buchrezension und Infos zu Lesungen mit der Autorin
Yvonne de Andr├ęs

In ihrem Deb├╝troman zeigt die Journalistin und Autorin Theresia Enzensberger anhand der fiktiven Figur Luise Schilling, dass am Bauhaus Gleichberechtigung und Entfaltungsm├Âglichkeiten f├╝r Frauen nur auf dem Papier bestanden. Auch die progressiven Bauhauslehrer waren in ihrem Rollenverst├Ąndnis alles andere als modern. Frauen sollten ...



... deren Meinung nach Weben und nicht Architektur studieren.


Die junge BerlinerinLuise Schilling will unbedingt Architektur am Bauhaus studieren. Das Bauhaus war in den fr├╝hen1920er Jahren der Ort f├╝r die Idee der Avantgarde. Mit seinem vision├Ąren Ansatz wollte Walter Gropius den traditionellen Kanon in der Baukultur ├╝berwinden und die Baukultur reformieren.So ist es f├╝r die Tochter aus gutem Hause der Ort, an den sie unbedingt hinmuss. Die erste Herausforderung besteht darin, ├╝berhaupt dort angenommen zu werden ÔÇĺ gegen den Willen ihres Vaters. 1921 beginnt sie am Bauhaus in Weimar zu studieren. Ihre zweite Herausforderung besteht darin, sich in einem von M├Ąnnern dominierten Fach, Architektur - Respekt zu verschaffen.

Progressive Vision├Ąre - unmoderne Machos

Von Anfang an rebelliert Luise gegen die M├Ąnnerb├╝nde der Bauhausmeister wie Walter Gropius und dem Naturmystiker Johannes Itten. Johannes Itten entwickelte den Bauhaus-Vorkurs ÔÇô ein Pflichtkurs, um in eine der Werkst├Ątten aufgenommen zu werden. Nach dem Vorkurs entschied Johannes Itten, in welcher Werkstatt Luise und andere ihr Studium beginnen durften.Bei der Begutachtung ihres fragilen Holzmodellskanzelteer Luise komplett ab: "Keine Sorge, Luise, die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich w├╝rde dir allerdings empfehlen, in die Textilwerkstatt zu gehen. Dort kannst du auch dein Talent f├╝r Farbgebung weiterentwickeln, das du schon unter Beweis gestellt hast."

Damit bleibt ihr die Tischlerei verschlossen und der Zugang zum Architekturstudium. Sie ist frustriert. Und Gedanken voller Selbstzweifel jagen ihr durch den Kopf: "Ich ├Ąrgere mich ├╝ber meine Naivit├Ąt. Ich hatte nie daran gezweifelt, dass man mich in der Tischlerei aufnimmt. Und dann kommt mir ein Gedanke, der mich noch mehr ersch├╝ttert. Was, wenn Johannes recht hat? Vielleicht fehlt es mir tats├Ąchlich an Talent. Mit Grauen denke ich an mein erstes Treffen mit Gropius zur├╝ck. Wahrscheinlich wollte er mir schon damals behutsam zu verstehen geben, dass ich f├╝r die Architektur nicht geeignet bin, und ich war zu verblendet, um es mir einzugestehen."

Luise sollte Recht behalten. Es war nicht fehlendes Talent, sondern vielmehr das schon benannte patriarchale Denken, das ihr und anderen Studentinnen den Weg versperren sollte "Ich hatte nie daran gezweifelt, dass man mich in der Tischlerei aufnimmt."

Ideologie auf dem Campus

Luise st├╝rzt sich in die Ideen und Tr├Ąume der 1920er Jahre. Am Bauhaus freundet sie sich, nach anf├Ąnglicher Ablehnung, mit einer verschwiemelten esoterischen Gruppe junger StudentInnen an, die der asketischen Mazdaznan-Bewegung angeh├Âren und dem Bauhausmeister Johannes Itten wie einem Guru folgen. Sie tragen braune Kutten, leben spartanisch, meditieren viel, fr├Ânen dem fr├╝hen Aufstehen, ern├Ąhren sich vegetarisch, fasten, vertreten offen antisemitische Parolen und eine grobe "Rassen"lehre. Von diesen emanzipiert sie sich und st├Â├čt auf den jungen Kommunisten Friedrich, der den Konstruktivisten anh├Ąngt und Luise mit seiner klaren politischen Haltungen fasziniert. "Es schmeichelt mir, dass er mir so viel zutraut, und ich will mich beweisen. Mein Flei├č bleibt nicht unbemerkt, und auch meine Geschicklichkeit nimmt zu."

In Dessau lernt sie ├╝ber Friedrich den Frauenheld und politisierten Reklamezeichner Hermann kennen, in den sie sich verliebt. Ein Zeitgeistmensch, der einen Schnurrbart tr├Ągt und so opportunistisch seine Gesinnung unterstreicht. Bis Luise bei Hermann eine Nationalsozialistische Zeitung entdeckt und die Beziehung einen Knacks erh├Ąlt. Und so argumentiert Hermann: "┬┤Der Nationale Sozialist┬┤ ist keine schlechte Zeitung. [...] Wer jede berechtigte Kritik gleich als ┬┤Antisemitismus┬┤ brandmarkt, sch├╝ttet ja das Kind mit dem Bade aus."

Die Blaupause

Luise beschreibt, wie der Bauhausmeister ihren Siedlungsentwurf betrachtet: "Gropius┬┤ Gesichtsausdruck wandelt sich, er sieht mich pr├╝fend und skeptisch an. Er schweigt. Ich hatte damit gerechnet, dass es nicht einfach wird. Ich hole die Zeichnungen f├╝r meine fiktive Gro├čsiedlung in Berlin aus der Tasche, inklusive Umgebungsplan und Modellskizze. Ich sehe ihm seinen Widerwillen an, als er nach ihnen greift." Trotzdem war er ihren Ausf├╝hrungen intensiv gefolgt und hatte viele Nachfragen gestellt.

Am Pr├╝fungstag wird ihr Entwurf, die Blaupause einer fiktiven Gro├čsiedlung Berlins, Luise noch zum Verh├Ąngnis.Er wird zum Stein des Ansto├čes, der zu ihrer Ausgrenzung f├╝hrt.Tage vorher hatte sie zuf├Ąllig entdeckt, dass Walter Gropius mit ihrem Entwurf die Ausschreibung f├╝r die Siedlung Dammerstock in Karlsruhe gewonnen hatte.

Hans Meyer r├Ąuspert sich bei der Pr├╝fung und sagt: "Um ehrlich zu sein, Fr├Ąulein Schilling, wir fragen uns, wie eine Frau zu derartigen funktionalen, um nicht zu sagen maskulinen Entw├╝rfen kommen kann [...] Wir zweifeln die Integrit├Ąt einer Bauhaus-Sch├╝lerin nur ungern an. Aber Ihre Entw├╝rfe weisen frappierende ├ähnlichkeit mit Walter Gropius┬┤ j├╝ngstem Projekt auf. Wollen Sie dazu Stellung nehmen?" Das Pr├╝fungskomitee ber├Ąt sich nach Luises Erkl├Ąrung, dass dies ihr Entwurf sei mit Walter Gropius. Ihr wird trotzdem das Diplom verliehen, doch der Entwurf wird wegen der ├ähnlichkeit mit dem von Gropius einkassiert. "Das Ausma├č seines Betrugs, dessen ich mir nun so sicher bin, ersch├╝ttert mich, aber da ist nicht nur Wut und Dem├╝tigung, sondern auch Entt├Ąuschung. Ich f├╝hle mich von mir selbst verraten: Anscheinend habe ich an einem St├╝ck Hoffnung festgehalten, anscheinend ist mir das alles doch nicht so gleichg├╝ltig, wie ich es gerne h├Ątte."

Benachteiligung und Emanzipation
Luise verliert trotz der Widrigkeiten und Schwierigkeiten ihr Ziel nicht aus den Augen. Die Entt├Ąuschung ist immens. "Ein neuer Mensch, das war das Ziel. Bewegt und gepr├Ągt durch die neuen Formen, die ihn umgeben. Aber wie soll das m├Âglich sein, wenn diese Formen doch immer nur von alten Menschen mit all ihren Fehlern und M├Ąngeln geschaffen werden k├Ânnen?" So l├Âst sich Luise immer mehr von den Ideen und Vorstellungen ihrer Bauhausmeister. Jahre sp├Ąter, am 18. Mai 1959 ist Luise Schilling die zust├Ąndige Angestellte im "New York City Department ofBuildingsÔÇŁ,die die Pl├Ąne des "Pan-Am"-Geb├Ąudes von Walter Gropius pr├╝ft und genehmigt. Es ist ihre dritte und letzte indirekte Begegnung mit Walter Gropius.

Luise Schilling, bleibt sich treu. Sie h├Ąlt an ihrer Vision von einer Architektur, die dem Menschen dient, fest. Die Ich-Erz├Ąhlerin l├Ąsst unswie bei der Lekt├╝re eines Tagebuch direkt an ihren Gef├╝hlen, Eindr├╝cken und Gedanken teilhaben. Diese Passagen werden mit vielen anderen Stimmen verwoben. Das Hauptthema des Romans ist der Blick auf den blinden Fleck der Moderne, die Miss- und Verachtung weiblicher Kreativit├Ąt durch die Alpha-M├Ąnnchen.

Umfangreich stellt Theresia Enzensberger die Zeit am Bauhaus in Weimar 1921 und Dessau 1926 dar. Leider wird die Zeit nach Luise Schillings Pr├╝fung am Bauhaus, sowie die NS-Zeit nicht thematisiert. Anhand von vier Dokumenten, betitelt mit "Aus Luise Schillings Nachlass", erfahren wir ├╝ber den Verbleib und die T├Ątigkeit von Luise Schilling in New York City.
AVIVA-Tipp: Theresia Enzensberger ist ein vielbeachteter Deb├╝troman gelungen. Mit "Blaupause" erz├Ąhlt sie einerseits eine Emanzipationsgeschichte und zeichnet dar├╝berhinaus ein plastisches Bild der Einrichtung "Bauhaus", sowie der politischen und ideologischen Str├Âmungen dieser Zeit. Mit ihrem spannenden und vielschichtigen Roman stellt sie p├╝nktlich zum einhundertj├Ąhrigen Jubil├Ąum des Bauhauses das Frauenbild der Bauhausmeister in Frage. Die Welt neu denken beinhaltete zwar gro├če Ideen, nicht aber die Gleichberechtigung f├╝r Frauen.

Zur Autorin: Theresia Enzensberger, geboren 1986 als Tochter der Redakteurin und Autorin Katharina Enzensberger (geb. Katharina Kaever) und des Lyrikers Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger, studierte Film und Filmwissenschaft am Bard College in New York. Sie schreibt als scharfsichtige und pointierte Journalistin unter anderem f├╝r die FAZ, FAS, ZEIT Online, Krautreporter und Monopol. 2014 gr├╝ndete sie in Berlin das preisgekr├Ânte BLOCK Magazin als Crowdfunding-Projekt.
"BLOCK ist ein Magazin, das sich dem Relevanzgehechel, das in der Medienlandschaft vorherrscht, entzieht. Beitr├Ąge werden nicht aufgrund ihrer Aktualit├Ąt, sondern aufgrund ihrer Qualit├Ąt ausgesucht. Autoren, K├╝nstler und Journalisten k├Ânnen ├╝ber das Thema, die L├Ąnge und die Form ihres Beitrags selbst entscheiden. Dadurch ergibt sich eine wilde Mischung aus Essays, Reportagen, Gedichten, Fotografien und Kunst. Rezensionen, die haupts├Ąchlich zur Positionierung des Magazins dienen, und katalog├Ąhnliche "Lifestyle"- Seiten ├╝berlassen wir getrost anderen Bl├Ąttern." (Quelle: BLOCK Magazin)
Mehr Infos unter: block-magazin.de und www.facebook.com/blockmagazin

Theresia Enzensberger
Blaupause

Hanser Verlag, M├╝nchen, erschienen: 12.07.2017
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 256 Seiten
ÔéČ 22,00 [D] | ÔéČ 22,70 [A]
ISBN: 978-3-446-25643-9
www.hanser-literaturverlage.de

Lesungen:

Mittwoch, 06.09.2017 um 20:00 Uhr
Ort: Georg B├╝chner Buchladen am Kollwitzplatz, W├Ârther Stra├če 16, 10405 Berlin
Veranstalter Georg B├╝chner Buchladen am Kollwitzplatz

Donnerstag, 19.10.2017
Ort: Kantine am Berghain, Am Wriezener Bahnhof, 10243 Berlin

Dienstag, 24.10.2017 um 20:00 Uhr
Ort: Buchhandlung Ocelot, Brunnenstra├če 181, 10119 Berlin
Veranstalter Buchhandlung Ocelot

Mittwoch, 06.12.2017
Ort: Humboldt-Bibliothek, Karolinenstra├če 19, 13507 Berlin
Veranstalter Bezirksamt Reinickendorf von Berlin / Abt. Bauen, Bildung und Kultur

Mehr zum Thema:
Vom 30.01.-22.04.2013 zeigte das Bauhaus-Archiv/ÔÇëMuseum f├╝r Gestaltung in Berlin die Ausstellung "Eigentlich wollte ich ja Architektin werden"... Gertrud Arndt: Weberin und Fotografin am Bauhaus 1923-1931

Urspr├╝nglich wollte Gertrud Arndt (1903-2000) Architektin werden, doch am Bauhaus existierte noch kein regul├Ąrer Studiengang in Architektur. Der Formmeister der Weberei, Georg Muche, erkannte aber ihre besondere Begabung auf diesem Gebiet und vertraute ihr die Ausf├╝hrung eines Teppichs nach eigenem Entwurf an. Gertrud Arndt entwickelte sich schnell zur Spezialistin, ihre ber├╝hmteste Arbeit wurde ein Teppich f├╝r das Direktorzimmer von Walter Gropius. Nach Abschluss ihrer Gesellenpr├╝fung wendete sie sich ausschlie├člich der Fotografie zu: Ab 1929 fotografierte sie sich in einer Serie sogenannter "Maskenportr├Ąts". Sie inszenierte sich mit wenigen Hilfsmitteln, heute sind diese Fotografien international bekannt.
Weitere Infos zum Bauhaus-Archiv/ÔÇëMuseum f├╝r Gestaltung in Berlin finden Sie unter:
www.bauhaus.de

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Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 24.08.2017 Yvonne de Andr├ęs 

   




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