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AVIVA-BERLIN.de im April 2018 - Beitrag vom 12.04.2018

Sasha Marianna Salzmann - Außer sich
Anke Gimbal

Der Debutroman von Sasha Marianna Salzmann, Theaterautorin, Essayistin und Dramaturgin, gefeierte Hausautorin des Berliner Maxim-Gorki Theaters, hat autobiographische Züge. Ihre Hauptfigur Ali/Alissa/Anton sucht nach ihrer Identität auf allen Ebenen, u.a. Herkunft, Heimat, Geschlecht.



"Ich weiß nicht, wohin es geht, alle anderen wissen es" – so lautet der erste Satz in Salzmanns Buch. Es ist Alis Gedanke anlässlich der ersten Fahrt "nach Hause". Gemeint ist damit eine Reise nach Moskau, einige Zeit nach der Immigration der Familie aus Russland nach Deutschland. Valja, Alis Mutter, hatte entschieden, dass die Kinder ein besseres Leben haben sollten und die Auswanderung in die Wege geleitet. "Ali und ihren Bruder Anton hatte man nicht gefragt." Das "nach Hause" geht dann auch gründlich schief, denn wie die Kinder bald von ihren früheren Freundinnen und Freunden erfahren, gehören sie nicht (mehr) dazu – sie haben die falsche Religion und die falschen Turnschuhe.

"Zu Hause"

Wo ist also für Migrant*innen "nach Hause" oder auch "zu Hause"? Wo sind sie bei sich oder "außer sich"? Salzmann setzt die Begriffe in ihren Kapitelüberschriften folgerichtig in Anführungszeichen. Die Familienmitglieder ihres Buches kommen wie auch die Autorin selbst als sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Kontingentflüchtlinge sind Flüchtlinge aus Krisenregionen, die im Rahmen internationaler humanitärer Hilfsaktionen aufgenommen werden. Die Aufnahme jüdischer Zuwanderer*innen aus der ehemaligen Sowjetunion erfolgte aufgrund des Beschlusses der Regierungschefs des Bundes und der Länder von Anfang 1991 in entsprechender Anwendung. Die Regelung galt bis zum Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes 2005. In den ca. 25 Jahren wanderten ca. 225.000 Juden/Jüdinnen bzw. deren Angehörige nach Deutschland ein. Ökonomische Gründe sowie die Unsicherheit angesichts der instabilen politischen und wirtschaftlichen Situation in der ehemaligen Sowjetunion waren – wie auch bei Alis Familie – der häufigste Grund für die Entscheidung pro Auswanderung. Antisemitismus spielte zwar auch eine Rolle, war aber meist nicht entscheidend.

Leute mit türkischem, russischem oder sonstigem familiären Hintergrund werden von ihren deutschen Bekannten gerne gefragt, ob oder wann sie mal wieder "nach Hause" fahren. Und das völlig unabhängig von der Staatsangehörigkeit, davon, ob sie seit ihrer Geburt, dem 6. Lebensjahr oder erst seit Kurzem in Deutschland leben und welche Sprache sie hauptsächlich oder vielleicht einzig sprechen. Gleichzeitig wird aber Integration, Verfassungspatriotismus, Aufgeben der anderen Staatsangehörigkeit (der "heimatlichen"?) und Anpassung verlangt. In Deutschland befinden sie sich "zwischen Integration und Isolation", so ein AVIVA-Beitrag über Lena Gorelik, die 1992 als Kontingentflüchtling aus St. Petersburg nach Deutschland kam.
Die Elterngeneration hat Probleme mit der Sprache (die wenigsten sprechen Deutsch, Kostja z.B. kann es kaum), dem Arbeitsleben (fehlende Anerkennung von Berufsabschlüssen), der Rente (niedrig). Die Kinder haben einen schweren Start, werden wiederum mit Antisemitismus und außerdem Rassismus konfrontiert, lernen aber wie Ali und Anton in Salzmanns Roman die neue Sprache und haben eine Chance, anzukommen.

"Ich weiß nicht, wohin es geht, alle anderen wissen es"

Ali, die als Alissa zur Welt kam, weiß nicht, wohin es geht. Das zieht sich durch das ganze Buch und betrifft nicht nur ihren Aufenthaltsort, sondern u.a. auch ihre Geschlechtszugehörigkeit. Ähnlich geht es vielen der Romanfiguren, denen sie begegnet. Inzwischen erwachsen, sucht sie in der Türkei nach ihrem Zwillingsbruder Anton, der verschwand und schließlich eine Postkarte aus Istanbul schickt. In die Suche nach dem Bruder bettet Salzmann die Biographien von Alis Großeltern und Eltern, in diese wiederum in die Geschichte russischer Juden/Jüdinnen, die Geschichte der Juden/Jüdinnen in der Sowjetunion und auch die aktuelle türkische Geschichte. Wobei es mit der Erinnerung im Buch und auch tatsächlich so eine Sache ist. "So oder auch anders wird es gewesen sein", schreibt Salzmann.

Die Protagonist*innen des Buches haben viele Facetten, Geschlechter, Beziehungen, die häufig undurchschaubar und in der Zeit verschoben sind. Sie – er – ich gehen ineinander über. Auch ob Anton existiert oder am Ende Ali/Alissa und Anton dieselbe Person sind, bleibt unklar. Die Großeltern väterlicherseits sind namenlos, existieren nur in Bezug auf den Sohn Kostja, Alis "sowas wie" Vater, der als gewalttätiger Alkoholiker, vor dem die Kinder Angst haben, insgesamt nicht gut wegkommt. Er selbst sieht sich aber ganz anders und liebt seine Kinder.

Die Familiengeschichte zeigt stark autobiographische Züge. Salzmann bezeichnet sich in einem Interview mit dem taz-Journalisten Ulrich Gutmair vom 9.10.2017 als "genderfluid" und trägt wie Ali am liebsten weiße Hemden. Ihr Roman entstand im Wesentlichen in der Türkei, wo Salzmann immer wieder viel Zeit verbringt und schildert hochaktuell die politische Lage wie die Demonstrationen im Taksim Gezi Park und den Putschversuch in der Nacht auf den 16. Juli 2017.

AVIVA-Tipp: "Außer sich" ist komplex, die Sprache nicht einfach, die vielen Perspektivwechsel erleichtern das Lesen nicht. Aber zum einen wird die Lektüre nach den ersten Seiten und etwas Gewöhnung einfacher und zum anderen lohnt sich das Lesen dieses Buches unbedingt. Die Themen sind aktuell: Demokratie, Antisemitismus, Migration, Integration, die Parallelen zwischen gestern und heute. Die offene Zukunft, denn die anderen wissen auch nicht, wohin es geht. Wie die Autorin selbst sagt, dient ihr Roman wie ihre weißen Hemden als Projektionsfläche – die Leser*innen interpretieren ihre eigenen Erfahrungen hinein, verstehen den Inhalt vor ihrem eigenen Leben und den eigenen Fragen. Daher lässt einen "Außer sich" einen lange nicht los.

Zur Autorin: Sasha Marianna Salzmann, 1985 in Wolgograd geboren, aufgewachsen in Moskau, 1995 Emigration als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland, nach diversen Flüchtlingsunterkünften erste eigene Wohnung in Bad Nenndorf, Studium der Literatur, Theater und Medien an der Universität Hildesheim und Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. 12 Jahre Redakteurin von freitext, 2012/13 während ihres Aufenthaltes in Istanbul als Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya, seit 2013 Hausautorin des Maxim-Gorki-Theaters Berlin (bis 2015 Künstlerische Leiterin des Studio Я), 2014 Gründung des Neuen Instituts für Dramatisches Schreiben in Berlin (mit Maxi Obexer). Sie unterrichtet politisches Schreiben, initiiert Werkstätten und Lesungen. leitet aktuell die Literaturwerkstatt "Flucht, die mich bedingt". 2016 war sie die Mitinitiatorin von "Desintegration, Ein Kongress zeitgenössischer jüdischer Positionen".
Ihr Theaterstück Weißbrotmusik gewann 2009 den Exil-Dramatiker*innenpreis der Wiener Wortstaetten und 2012 den IKARUS als bestes Jugendstück, eine Auszeichnung für herausragende Theaterinszenierungen für Kinder und Jugendliche. 2012 wurde sie für Muttermale Fenster Blau mit dem 17. Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker*innen ausgezeichnet. Ihr Abschlussstück an der Universität der Künste Muttersprache Mameloschn wurde 2013 als bestes Stück des Jahres mit dem Publikumspreis bei den Mülheimer Theatertagen geehrt. Außer sich landete auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2017 und auf der Shortlist für den ZDF-"aspekte”-Literaturpreis 2017, es gewann den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2017 und den Mara-Cassens-Preis 2017 des Literaturhauses Hamburg.
Mehr Infos zu Sasha Marianna Salzmann unter: sashamariannasalzmann.com

Sasha Marianna Salzmann
AUSSER SICH

Suhrkamp Verlag Berlin, erschienen 2017
Hardcover, 366 Seiten
ISBN 978-3-518-42762-0
22,00 Euro
Auch als eBook erhältlich
Mehr Infos zum Buch sowie eine Hörprobe von "Außer sich" von Sasha Marianna Salzmann unter. www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lana Lux – Kukolka
Ein Buch der Schauspielerin und Autorin, die auf ihrem Blog "52 SCHABBATOT" literarische Texte, "Jüdische und Unjüdische" Geschichten erzählt. Ein Buch, das sprachlos macht. Wegen der sachlich-kühlen - bisweilen naiven - Darstellung von Gewalt an Mädchen, und was dennoch kaum aus der Hand zu legen ist. Weil die Geschichte der kleinen Kukolka ans Herz geht und weil es der Autorin durch die sprachliche Nüchternheit gelingt, einen gesunden Abstand zu der Geschichte zu wahren. Ohne diesen Abstand wäre die Lektüre nahezu unerträglich. (2017)

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Eine der besten jungen AutorInnen Australiens richtet in ihrem ersten Erzählband den Fokus auf die Erwartungen und Enttäuschungen junger Frauen und Teenagerinnen. Zuviel Sex and the City, aber anspruchsvolle offene Enden. (2016)

Alexandra Friedmann - Besserland
Die in Weißrussland geborene Journalistin und Übersetzerin kam 1989 über Umwege mit ihrer Familie nach Krefeld und lebt heute in Berlin. In ihrem temporeichen Debütroman schildert sie mit jüdischem Humor die abenteuerliche Reise der Familie Friedmann von Weißrussland in den Westen. (2015)

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Eine Untersuchung der postmodernen Generation junger Berliner Jüdinnen und Juden, deren Identität durch den urbanen Raum geprägt wird. Die dem Buch zugrunde liegende Dissertation wurde 2013 mit dem "Humboldt-Preis" - Sonderpreis "Judentum und Antisemitismus" ausgezeichnet. (2014)

Olga Grjasnowa - Die juristische Unschärfe einer Ehe
Das Spröde und Sperrige des Titels täuscht: Erzählt wird eine rasante Dreiecksgeschichte, die scheinbar mühelos alle Grenzen hinter sich lässt, darunter auch die zwischen hetero-, homo- und bisexuell. (2014)

Michael Kerstgens - NEUES LEBEN. RUSSEN - JUDEN – DEUTSCHE
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Lena Gorelik - Verliebt in Sankt Petersburg. Meine russische Reise
Die Autorin von "Meine weißen Nächte" und "Hochzeit in Jerusalem" legt nach. Mit dem intimen Reisebuch über Stadt, Land, Fluss und Menschen wirft sie einen ironisch-liebevollen Blick auf Klischees. (2008)

Lena Gorelik - Meine weißen Nächte und Hochzeit in Jerusalem
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Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 12.04.2018 AVIVA-Redaktion 

   




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