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AVIVA-BERLIN.de im Februar 2017 - Beitrag vom 05.04.2016

Efrat Gal-Ed - Niemandssprache. Itzik Manger- Ein europäischer Dichter und Itzik Manger - Dunkelgold
Romina Wiegemann

Efrat Gal-Ed legt mit dieser inhaltlich wie formal außergewöhnlich aufwendig gestalteten Biographie nicht nur ein umfangreiches und vielschichtiges, sondern auch ein kritisches Portrait von Itzik Manger vor. Anhand der bewegenden Lebensgeschichte eines der größten Stars der jiddischen Dichtung...



... zeichnet die Autorin gleichzeitig die letzte große Ära der jiddischen Kultur Osteuropas – Jiddischland – nach und führt in den faszinierenden transnationalen Denk- und Lebensmodus dieser Welt ein, die durch die Shoah fast gänzlich zerstört wurde.

Niemandssprache, Niemandsliteratur, Niemandswelt
Mit diesen drei Worten beschreibt der 1901 in Czernowitz geborene Itzik Manger im Jahr 1925 den Status der jiddischen Welt. Die Sprache Jiddisch sei genauso "herrenlos" wie diejenigen, deren Muttersprache sie ist. Weltenlos, gar vogelfrei fühlt sich auch Itzik Manger zur Zeit seiner literarischen Anfänge als Siebzehnjähriger. Seit frühester Kindheit mit dem rumänischen Antisemitismus konfrontiert, fühlt er sich von der existentiellen Bedrohung begleitet. Dieser biographische Bezug durchzieht Itzik Mangers gesamtes Werk. Dass die jiddische Sprache noch nicht in die Weltliteratur Einzug gehaltenen hat, belastet ihn in seiner Identität als jiddischer Künstler und ist etwas, wofür er sich einsetzen will. Die Parallelität, die er zwischen seiner Muttersprache und seinem Seelenzustand erkennen kann, lässt ihn zu einem explizit jiddischen Dichter werden. Manger kommt zur der Überzeugung, dass er nur dann authentisch sein kann, wenn er sich für seine Kunst des Jiddischen, der Volkssprache der osteuropäischen Juden, bedient. Diese Erkenntnis steht zu Beginn seines literarischen Programms.

Literarische Anfänge
Als Itzik Manger sich im Alter von knapp zwanzig Jahren dazu entscheidet, sein Leben der jiddischen Dichtkunst alleine zu widmen, hat er bereits einige gescheiterte Anläufe als Lehrling verschiedener Handwerksberufe hinter sich. Insbesondere der Versuch, sich zum Schneider ausbilden zu lassen, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, endet in einem Fiasko. In Jassy, einer Stadt, die das jiddisch-kulturelle Zentrum Rumäniens beherbergt, verbringt er eine wichtige Zeit. Dort wird nicht nur seine Dichtsprache geprägt, sondern auch seine soziale und politische Weltanschauung. Manger fühlt eine Nähe zu den Bundisten, den Mitgliedern der jüdischen Arbeiterbewegung, und veröffentlicht seine Balladen und Gedichte in ihren Schriften. Gleichzeitig sucht er Anschluss an literarische Kreise, was sich als schwierig erweist, denn anders als viele seiner Kollegen stammt er aus einfachen Verhältnissen und betreibt seine Dichtung als Hauptberuf. Zurückweisung ist für Itzik Manger Zeit seines Lebens kaum zu ertragen. Zugehörigkeit ist für ihn der Gegenentwurf zum jiddischen "hefker", dem herrenlosen, vogelfreien Dasein. Die nahezu unstillbare Sehnsucht nach Sichtbarkeit und Akzeptanz hegt er nicht nur für sich selbst. Anerkannt werden soll auch die jiddische Literatur insgesamt und einen angemessenen Platz in der Weltliteratur einnehmen. Als Verehrer der deutschen Lyrik nimmt sich Manger Goethe, Rilke und Hölderlin als Vorbilder für sein Schaffen. Im Jahr 1929 wird sein erster Gedichtband, "Schtern ojfn Dach" (Sterne auf dem Dach) sehr erfolgreich publiziert. Es gilt als das erste moderne jiddische Buch in Rumänien.

Emigration, Flucht, Exil
Nach seinem ersten Erfolg zieht es Manger nach Warschau. Dort, im "Paradies der jiddischen Sprache", verbringt er seine glücklichsten Jahre. Frieden findet er, stets getrieben von innerer Unruhe und Leidenschaft, trotzdem nicht. Er provoziert Skandale, legt sich auch mit dem jiddischen Schriftstellerverband an, der in seinen Augen zu elitär ist. Manger frönt regelmäßig dem Alkohol, er kennt kein Maß. Hitlers Wahl zum deutschen Kanzler beunruhigt ihn zutiefst, er äußert sich in Artikeln sehr kritisch über die Nationalsozialisten. 1938 wird Manger aus Warschau ausgewiesen. Die rumänischen Behörden verbieten ihm die Rückkehr. Getrennt von seiner in Rumänien verbliebenen Familie beginnt seine Odyssee. Im Londoner Exil geht es ihm sehr schlecht, die Heimatlosigkeit überwältigt ihn. Er fühlt sich seiner Kulturwelt beraubt, ist schwer depressiv. Erst in den 1950er-Jahren erhält er das langersehnte Visum für die Einreise in die USA. Auch dort bleibt er, mittlerweile kränklich und in ständiger Sorge um sein Bleiberecht, unerlöst. Anschluss an die jiddische Kulturszene findet er trotzdem, er wird gefeiert, publiziert und kann Kontakte und Freundschaften pflegen. Ab seinem 60. Geburtstag hegt er, mittlerweile amerikanischer Staatsbürger, den Gedanken, mit seiner Frau Ghenya nach Israel auszuwandern. Dort leben mittlerweile die meisten seiner LeserInnen. Als Manger 1966 nach seinem zweiten Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, wird er in Israel behandelt und schließlich in ein Sanatorium nach Gedera gebracht. Dort stirbt er im Jahr 1969. Itzik Manger erhält ein Staatsbegräbnis.

Rochl Auerbach
Trotz Mangers schwierigem Charakter, seinen verletzenden Ausbrüchen und seinem Hang zum Alkohol findet er in den verschiedenen Lebensabschnitten Partnerinnen, die zu ihm halten. Es ist äußerst fragwürdig, ob er ohne diese Frauen zu so großem Ruhm gekommen wäre. Sie unterstützen ihn emotional, setzen sich unermüdlich für ihn ein, pflegen seine Kontakte, kümmern sich um seine Veröffentlichungen und sonstige Belange. Die wichtigste Gefährtin wird aber immer die Journalistin Rochl Auerbach bleiben, mit der er in Warschau zusammenlebt. Sie ist intellektuell anregend, spornt ihn an und bringt Struktur in das Leben des von innerer Unruhe getriebenen Künstlers. Zur Zeit des Warschauer Ghettos wird Rochl Auerbach Mitarbeiterin des Untergrundarchivs von Emanuel Ringelblum. Als Einzige aus ihrer Familie überlebt sie die Shoah. Ihr restliches Leben wird sie gänzlich der Dokumentation der Vernichtung der polnischen Jüdinnen und Juden widmen. Nach dem Krieg treffen Manger und Auerbach sich in London wieder. Schnell ist ihr klar, dass er sich nicht geändert hat. Sie sieht sich nach dem Erlebten nicht mehr in der Lage, ihr Leben mit ihm zu teilen und verlässt ihn.

Shoah
In den Jahren, die auf die Shoah folgen, bleibt Itzik Manger stumm. Er kann nichts schreiben. Der Großteil der Menschen, für die er geschrieben hat, wurde ermordet. Er erfährt, dass sein Vater in einem transnistrischen Konzentrationslager zu Tode gekommen ist und sein geliebter Bruder Notte nach der Deportation nach Usbekistan gestorben ist. Von Rose Ausländer erfährt er, dass seine Schwester Schejndl noch am Leben ist. Im Jahr 1958 wird er von einem israelischen Journalisten zu seiner Schaffenspause befragt. Er antwortet: "Auf Blut mit Tinte zu antworten ist schlechter als das schlechteste Paradox." Sein Schmerz ist unstillbar, seine ursprüngliche Liebe für die deutsche Kultur war mit den Nachrichten von der Judenvernichtung in eine überwältigende Enttäuschung umgeschlagen. Als er seine "Stimme" wiederfindet, ist den Gedichten, Artikeln und Essays anzumerken, dass er sich stark mit Forschungsliteratur, Überlebendenberichten und Täterbiographien beschäftigt hat. Einmal schreibt er: "Auf dem Aschenhaufen eines unschuldig ermordeten Volkes kann kein zivilisiertes Glück mehr blühen."

AVIVA-Tipp: Mit bewundernswerter wie respekteinflößender Akribie hat Efrat Gal-Ed aus unzähligen Fragmenten die Lebensgeschichte des Dichters Itzik Manger zusammengesetzt. Um die knapp 800 Seiten umfassende Monographie spannend und abwechslungsreich zu gestalten, hat die Autorin sich für das talmudische Modell entschieden. Der Haupterzählstrang widmet sich Mangers Biographie. Nebentexte kommentieren, ergänzen und erzählen die Geschichte des untergegangenen "Jiddischland". Zahlreiche Abbildungen und Illustrationen machen den Band auch optisch enorm ansprechend. Efrat Gal-Eds Manger-Biographie ist ohne Übertreibung ein Meisterwerk, denn sie fasziniert, genauso wie ihr Protagonist.

Zur Autorin: Efrat Gal-Ed wurde 1956 in Tiberias, Israel geboren. Sie studierte Judaistik, Germanistik und Komparatistik sowie Malerei und promovierte in Jiddistik. Sie lebt als Malerin und Autorin in Köln und lehrt jiddische Literatur und Kultur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. (Quelle: Verlagsinformationen)
Mehr Infos und Kontakt unter: www.phil-fak.uni-duesseldorf.de


Itzik Manger. Dunkelgold. Gedichte

Eine wertvolle Ergänzung zur Manger-Biographie NIEMANDSSPRACHE ist der nun in dritter Auflage erschienene zweisprachige Gedichtband DUNKELGOLD. Efrat Gal—Ed hat dieser Neuauflage 14 neue Gedichte hinzugefügt, die zum Teil aus Mangers Nachlass stammen und bislang unveröffentlicht waren. Die Lektüre dieses jiddisch/deutschen Bandes, der zahlreiche Gedichte und Balladen aus jeder Lebensphase Mangers enthält, ermöglicht eine intensive Annäherung an Mangers Werk.

Die Ballade seiner Kindheit

DIE BALLADE MEINER KINDHEIT ist eines der Werke, die in dieser Neuauflage zum ersten Mal veröffentlicht wurden. Die Ballade entstammt Mangers im Jahr 1927 in Jassy angelegter Gedichtesammlung und enthält drei Schlüsselerlebnisse aus seiner Kindheit. Vermutlich war es dieser so eindeutig biographische Bezug, in dem die Auseinandersetzung mit seinem Vater eine Rolle spielt, der ihn vor einer Veröffentlichung zurückscheuen ließ. DIE BALLADE MEINER KINDHEIT ist aber gerade aus Grund ein wertvoller Schlüssel zu Mangers Werk und Person.

Schtern ojfn Dach

Aus dem ersten im Jahr 1929 in Bukarest erschienen Gedichtband "Sterne auf dem Dach" sind insbesondere die Gedichte "Ich bin der Abend" und "Jassy" bemerkenswert. In "Ich bin der Abend" geht Manger mit dem Zeitgeist und stellt eine Jesus-Figur in den Mittelpunkt, wie es in den 1920er- Jahren auch bei anderen jiddischen Dichtern beliebt ist. Manger, dessen Motiv das Tragische in der Welt war, fühlte sich generell von biblischen Stoffen angezogen und war auch von der Gestalt des leidenden Jesus fasziniert.
Jassy handelt von der Stadt, die das Zentrum jiddischer Kultur in Rumänien beherbergte und in der Manger seine Anfänge als Dichter nahm. In Jassy war im Jahr 1876 auch das erste jiddische Theater entstanden, das Abraham Goldfaden gegründet hatte. Ein Mann, den Manger Zeit seines Lebens bewunderte und dessen jiddisches Theater Gegenstand zahlreicher seiner Vorträge war.

Chumesch-lider

Die "Chumesch-lider", zu Deutsch die "Fünfbuch-Lieder", ist ein von Manger im Jahr 1935 in Warschau veröffentlichter Band mit Bibelgedichten. In ihnen werden die Erzmütter und Erzväter ironisierend als einfache und volkstümliche Schtetl—Jüdinnen und –Juden dargestellt. Damit handelt Manger sich herbe Kritik ein, von Seiten der Orthodoxie, aber auch von modernen Künstlern, wie etwa Marc Chagall, dem Mangers Umgang mit den biblischen Eltern zu "kumpelhaft" scheint.

Wolknss ibern Dach

"Wolken auf dem Dach" erschien im Jahr 1942 in London. Der Band umfasst 66 Gedichte und ist Itzik Mangers Vater, Hillel, gewidmet. "Dunkelgold" enthält aus dieser Sammlung das Gedicht "Seine Exzellenz mein Vater". Darin wendet sich Itzik Manger triumphierend an Hillel, der nicht daran glaubte, dass aus seinem Sohn etwas werden würde. "Ich wird ausziehen die Schuh..." ist ein Liebesgedicht, das Rochl Auerbach gewidmet ist. Auch eines der 21 seinem Bruder Notte gewidmeten Sonette ist in "Dunkelgold" vertreten, außerdem ein Gedicht über seine geliebte Mutter sowie eines über seine Schwester Schejndl.

AVIVA-Tipp: Die Auswahl der von Efrat Gal-Ed für "Dunkelgold" vom Jiddischen ins Deutsche übersetzten Gedichte ist so vielseitig, wie man sich den Menschen Itzik Manger nach der Lektüre seiner Biographie auch vorstellt. All seine Lebensthemen sind vertreten, die Komplexität und Vielseitigkeit dieses Künstlers wird deutlich.
Wem die Monographie "Niemandssprache" zu umfangreich ist, dem sei das Nachwort des Gedichtbands von Efrat Gal-Ed ans Herz gelegt. Dort wird Mangers Lebensgeschichte kurz, aber prägnant zusammengefasst. Sehr hilfreich für ein tieferes Verständnis sind auch die einzelnen Kommentierungen zu vielen Gedichten.
"Dunkelgold" ist ein jiddisch-deutscher Gedichtband, darum stehen die jiddische Originalversion in hebräischen Lettern und die deutsche Übersetzung im Vordergrund. Das ist formal nachvollziehbar, gleichzeitig aber möglicherweise ein Wermutstropfen für all diejenigen, die mit dem hebräischen Alphabet nicht vertraut sind. Die Transliteration der jiddischen Gedichte ist erst am Ende des Buches zu finden, was häufiges Vor- und Zurückblättern erforderlich macht, wollen sich die LeserInnen nicht mit der deutschen Übersetzung begnügen.



Efrat Gal-Ed
Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter

Juedischer Verlag im Suhrkamp Verlag, erschienen am 11.01.2016
784 Seiten, Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag. Mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-633-54269-7
44,00 Euro
www.suhrkamp.de



Itzik Manger
Dunkelgold- Gedichte

Jiddisch und Deutsch, aus dem Jiddischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Efrat Gal-Ed
Revidierte und erweiterte Neuauflage
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, erschienen am 11.01.2016
431 Seiten, Softcover
ISBN: 978-3-633-24106-4
29,95 Euro
www.suhrkamp.de

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Literatur > Juedisches Leben Beitrag vom 05.04.2016 Romina Wiegemann 

   




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