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AVIVA-BERLIN.de im April 2017 - Beitrag vom 28.02.2016

Nea Weissberg, Jürgen Müller-Hohagen. Beidseits von Auschwitz. Identitäten in Deutschland nach 1945. Dreißig Beiträge und Schlussgedanken von Halina Birenbaum
Magdalena Herzog

Viel zu spät wird die Frage nach den seelischen Auswirkungen des NS nicht mehr allein den Kindern der Opfer, sondern auch den Kindern der Tatbeteiligten gestellt. Denn während die Frage nach der ...



... Identität für die Nachkommen der Verfolgten keineswegs eine neue ist im öffentlichen Diskurs oder in literarischen und akademischen Publikationen, ist sie das weitestgehend für die Nachkommen der Verfolgenden. Ein Zufall, dass diese Initiative von jüdischer Seite kommt, ist es nicht.

Ein persönlicher und psychologischer Zugang zu den seelischen Auswirkungen des NS
Nea Weissberg, die als Verlegerin, Publizistin und Psychodramatherapeutin tätig ist, war diejenige, die 28 Personen bat, einen Text über die Rolle der Shoa in ihrer Identität zu schreiben. Sie selbst ist Tochter polnischer Juden, deren Familien ermordet wurden und die nach Kriegsende ihr Leben in Berlin weiterführten.
Entstanden ist eine brisante und perspektivenreiche Aufsatzsammlung der Kinder von – hauptsächlich jüdischen – Verfolgten und nichtjüdischen Verfolgenden aus unterschiedlichen Ländern, der DDR und der BRD. Der Ansatz ist ein persönlicher und psychologischer, die Hausgebenden treten als Analysierende und als Involvierte auf. Beide Seiten finden sich bei ihnen wieder: Neben Weissberg ist Jürgen Müller-Hohagen Herausgeber, der das Dachau Institut Psychologie und Pädagogik leitet. Ein Teil seiner Familie gehörte den sogenannten Mitläufern an, die treu hinter dem Regime standen, gemäß dem gegenwärtigen Konsens jedoch keine Täter_innen waren.
Die Herausgebenden haben den Dialog zwischen Jüdinnen/Juden und Nichtjüdinnen/Nichtjuden stellvertretend mit den Autor_innen geführt. Dieser Dialog, so scheint es vor allem bei den Artikel der Kinder der Tatbeteiligten durch, war einer des Bewusstwerdens der familiären Verstrickungen in die NS-Diktatur und dem Ende des Verleugnens und Verschleierns. Es ist zu erahnen, wie kontrovers schmerzhaft und wohl auch verletzend dieser Prozess für alle Beteiligten verlief.

Wer war Täter_in?
Den Herausgebenden liegt deutlich daran, den Begriff der Täterschaft zu schärfen.
Die wohlwollende Sichtweise, Mitläufern sei keine Verantwortung anzutragen, wird in dem Band grundsätzlich in Frage gestellt. Hilde Gött setzt sich in ihrem Artikel intensiv und konstruktiv mit den Begrifflichkeiten Täter_innen, Mitläufer_innen und Tatbeteiligte auseinander und ordnet diese gleichzeitig in die eigene Familiengeschichte ein. Die Position der Herausgebenden ist klar: das Nichtstun und Zuschauen ist eine Form der Mittäterschaft. Dies widerspricht freilich der Selbstwahrnehmung der mehrheitsdeutschen Bevölkerung unterschiedlicher Generationen. Diese sind davon überzeugt, an den Verbrechen des NS nicht beteiligt gewesen zu sein. Dies hat Harald Welzer in seiner Studie Opa war kein Nazi 2002 herausgearbeitet. Somit wird deutlich, dass es auf Seiten der Nachkommen der Tatbeteiligten mitnichten selbstverständlich ist anzunehmen, der NS habe seelische Spuren hinterlassen. Dahin gehend sind die Fragestellung und der persönliche, statt akademische Ansatz dieser Anthologie neu.

Die Bedeutung des Endes legalisierter Gewaltausübung
Dass die Gewalt, die während des NS legal ausgeübt wurde, massive Folgen nach Kriegsende hatte, wird in dem Artikel von Ursula Sperling-Sinemus deutlich. Ihr Stief- und Ziehvater Alois Schintholzer war an Massenmorden beteiligt, sowie daran, Adolf Eichmann nach dem Krieg außer Landes zu bringen. Der Name Schintholzer ist in der Enzyklopädie des Holocaust von 1993 nicht vermerkt. Davon erfuhr die Autorin 1979 aus der Frankfurter Rundschau. Sie hatte es insofern geahnt, als in ihrer Kindheit oft geheimer Besuch kam – ehemals ranghohe Vertreter der SS, wie sich später herausstellte – und zwei der Kinder regelmäßig misshandelt wurden. Die bisher legalisierte Gewalttätigkeit wurde nun in das private Umfeld hineingetragen (s. dazu auch Artikel von Müller-Hohagen). Damit wird mit der Vorstellung gebrochen, die Gewalttätigkeit der Täter_innen ließe sich auf die NS-Zeit beschränken. Stattdessen wirkten sie nach und damit auf die nächste Generation. Während der Nachforschungen der Autorin, kam zum Vorschein, was Nea Weissberg "den Schweigekodex" nennt:
"Das Beschweigen ist ein Kaschieren, das der Verschleierung dient, um den möglichen Fragen der Kinder oder Enkel nach dem Wissen über den Anteil an Mitschuld, Profitschuld, Unterlassungsschuld oder Schweigeschuld erst gar nicht zuzulassen."
Beate Niemann, die bereits viele Jahre den Nachforschungen über ihren Vater Bruno Sattler gewidmet hat, beschreibt die Präsenz und Heftigkeit dieses Schweigekodex auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext.

Legalisierter Raub
In den Artikeln von Niemann und Anni Söntgerath wird außerdem äußerst konkret der legalisierte Raub vom Eigentum jüdischer Deutsche besprochen und wie nichtjüdische Deutsche davon profitierten. Was vornehmlich im öffentlichen Diskurs auf der Ebene von Kunstbesitz und Einkünfte für den Fiskus bekannt ist, wird hier runtergebrochen auf die Ebene jedes einzelnen Bürgers, der sich preiswert und komplikationslos das Eigentum von Jüdinnen und Juden aneignen konnte. Söntgerath beschreibt dies am Beispiels eines Schranks, der 1938 im Zuge der sogenannten "Arisierung" illegal in den Besitz ihrer Familie kam. Mit Hilfe der Stiftung Zurückgeben suchte die Autorin nun jemanden, der diesen Schrank besitzen möchte – um ihn, gerechterweise zurückzugeben. So symbolisch und wichtig dieser Ansatz auch ist, so unpassend ist die sprachliche Herangehensweise, denn die Autorin schreibt aus der Perspektive des Schrankes. Dies ist als eine Emotionalisierung zu verstehen, die ablenkt von den Umständen, die hinter dem Erwerb des Schrankes stehen, den Profiteuren und den ursprünglichen Besitzenden des Schrankes.

Die Ambivalenz des Eingestehens von Schuld
Den Eindruck, dass es auf der Seite des Nachkommen der Opfer zwar nicht einfacher, jedoch gemütlicher ist, bekommen die LeserInnen auch bei den Beschreibungen von Sperling-Sinemus’ Besuch der "Halle der Namen" in Yad Vashem und den Worten, die sie den Kindern in den Mund legt, die auf den Fotografien abgebildet sind: "Wir sind Kinder, wir wissen nichts von Schuld und schon gar nichts von dieser Schuld, die Du schon Dein Leben lang trägst [...] Niemand verlangt, dass Du sie trägst, wir schon gar nicht! Wir Toten kennen keine Rache und keine Schuld." Hier sucht die Autorin Absolution für ihre Familie bei den Opfern und spricht sich diese in ihrer Phantasie zu. Dieses Bedürfnis ist nachvollziehbar und oft zu finden in der Form, wie offizielle Gedenkstunden gestaltet sind. Zu erfüllen ist es nicht. Doch diese blinden Flecken zeigen, wie langwierig und schmerzhaft dieser Prozess der Auseinandersetzung ist. Gleichzeitig anerkennt Sperling-Sinemus die Gräben zwischen den Kindern der Opfer und Tatbeteiligten und das Bedürfnis, besonders von nichtjüdischer Seite, diese zu überwinden. Denn sind es besonders die Fragen von Seiten der Nachkommen der Opfer, die sie zu ihrer Auseinandersetzung bewegen.

Ein besonders starker Moment in ihrem Artikel ist hingegen die Anerkennung in sich selbst, trotz einer linken politischen Haltung Antisemitismen in sich zu tragen, allein aus der Frage heraus "wo soll er nach 1945 hingegangen sein?". Mit diesem, tatsächlich ungemütlichen Eingeständnis erkennt sie in sich auch das, was Müller-Hohagen Täterhaftigkeit nennt. Dieses Eingeständnis wäre bei einem Großteil der deutschen Mehrheitsgesellschaft von Nöten – es würde nämlich bedeuten, die Auseinandersetzung mit der Shoa nicht mehr nur auf der Verstandesebene "mit dem Blick auf die allgemeine Geschichte - Auschwitz" zu führen, sondern auch "im Bezug auf unsere konkrete Vorfahrenschaft und uns selbst." Sie muss jenseits offizieller Gedenkstunden in jedem einzelnen stattfinden und die Verschleierung muss gelüftet werden, die um die Mittäterschaft und die Verwicklungen jeder Familie kreist. Dass dieser Prozess trotz Schuldanerkennung innerhalb der Familie niemals beendet ist und ausgehalten werden muss, zeigt sich auch daran, dass die Autorin Petra G. ihren Namen nicht vollständig nennt.
Die Autor_innen stellen sich einer konkreten Konfrontation und mehrheitlich dem öffentlichen Bekenntnis dazu. Der persönliche und psychologische Zugang zeigt, dass die Schreibenden sich nicht hinter einem akademischen Sprachgebrauch verstecken.

Die Seite der Nachkommen der Opfer
Diese Aspekte sind nur einige des Bandes, der auch einen bedeutenden Teil jüdischer Nachkriegsgeschichte in der BRD und DDR (jeweils vornehmlich Berlin) erzählt. Auch hier werden persönliche Geschichte und schmerzhafte Erfahrungen preisgegeben. Es ist deutlich zu erkennen, dass den Kindern der Opfer die Shoa wesentlich präsenter ist in ihrem Leben, als den Kindern der Tatbeteiligten, die vornehmlich im Erwachsenenalter über die Involvierung ihrer Familie erfahren haben. Insofern spiegelt der Band einen gesellschaftlichen Zustand wieder.

AVIVA-Tipp: Die Anthologie Beidseits von Auschwitz. Identitäten in Deutschland nach 1945 ist eine längst überfällige Publikation, in der die Autor_innen aus persönlicher Perspektive ihren familiären Bezug zum NS offenlegen bzw. die schmerzhaften Erfahrung von Ermordung, Verlust von Familienangehörigen und weiterleben in der BRD/DDR schildern. Das spannende sind die Reflexionsprozesse, die mit dieser Offenlegung einhergingen und in die Artikel einfließen. Jede dieser privaten und daher politischen Erfahrungen und Eingeständnisse sind schätzenswerte, lesenswerte Artikel. Gleichzeitig fordern besonders diejenigen der Nachkommen der Tatbeteiligten heraus: hier liegt die Innovation, der Mut und die Provokation des Projekts. Es ist allen und insbesondere den Nachkommen der Tatbeteiligten ans Herz zu legen, dieses Buch zu lesen! Teils ausführliche Literaturlisten geben gleichzeitig Einblicke in die Forschungslandschaft zum Thema.

Zur Autorin: Nea Weissberg, geboren 1951 in Berlin als Tochter polnischer Juden und Shoaüberlebenden geboren. Sie arbeitete als Lehrerin in Berlin und gründete 1993 den Lichtig Verlag. Sie verlegt Bücher zu jüdischen Themen, darunter auch Kinderbücher und Kalender. Sie arbeitet außerdem als Psychodramatherapeutin. In diesem Rahmen entstand der Band "Beidseits von Auschwitz". Außerdem hat sie selbst Bücher zum Thema zweite Generation und dem Leben als Mutter einer Tochter mit Behinderung geschrieben.

Nea Weissberg, Jürgen Müller Hohagen (Hrsg.). Beidseits von Auschwitz. Identitäten in Deutschland nach 1945. Dreißig Beiträge. Schlussgedanken von Halina Birenbaum
Lichtig Verlag, erschienen April 2015
Hardcover, 346 Seiten
Preis: 21,50 Euro
ISBN: 978-3-929905-34-2
www.lichtig-verlag.de

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20 JAHRE LICHTIG VERLAG. Ein Portrait der Verlegerin Nea Weissberg Auslöser für die Gründung des Verlages, mit dem Nea Weissberg einen kontinuierlichen Dialog zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen fördert, war 1989 die Begegnung mit Halina Birenbaum (2014)

Das Glück hat mich umarmt Die Deutschen und die Polen wurden auf ihre Plätze verwiesen, indem es ihnen ihre Täter- und Mittäterschaft vor Augen geführt wurde. Vergleichbares wird frau derzeit schwer in der Belletristik finden. (2009)

Mirna Funk - Winternähe Berlin-Mitte. Angesagte Gegend mit angesagten Menschen. Lola, 34, Fotografin, arbeitet in einer Agentur, ist (Ost)Deutsche, Jüdin und hat den Hals von ihrem antisemitischen Umfeld gestrichen voll. (2015)

Wendy Lower - Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust 13 weibliche Biografien – sie stehen stellvertretend für Hunderttausende Frauen, die sich am Krieg und am Holocaust in Osteuropa und Deutschland beteiligten. Mit ihnen befasst sich die Professorin und Geschichtswissenschaftlerin Wendy Lower in ihrem mit dem National Book Award 2013 ausgezeichneten Sachbuch. (2014)

Weitere Infos:
Dachau Institut Psychologie und Pädagogik: www.dachau-institut.de

Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall
www.fischerverlage.de



Literatur > Juedisches Leben Beitrag vom 28.02.2016 Magdalena Herzog 

   




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