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AVIVA-BERLIN.de im August 2017 - Beitrag vom 23.02.2017

Barbara Yelin, David Polonsky - Vor allem eins: Dir selbst sei treu. Die Schauspielerin Channa Maron
Romina Wiegemann

In Deutschland ein vergessener Kinderstar, in Israel eine B├╝hnenlegende (HaBimah. Cameri). Die 1923 als Kind einer j├╝dischen Familie in Berlin geborene Channa Maron stand bereits als 5-j├Ąhrige auf den Brettern, die die Welt bedeuten. In Titelrollen, z. B. in "Rotk├Ąppchen", "Peterchens Mondfahrt" oder "P├╝nktchen und Anton", begeisterte sie...



... das Publikum verschiedener Berliner B├╝hnen. Durch die Macht├╝bernahme der Nationalsozialisten und die darauf folgende Flucht der Familie schien dieser Erfolg ein fr├╝hes Ende zu nehmen.


Doch es war Channa Marons eisernem Willen und ihrer gro├čen Begabung geschuldet, dass sie auch in ihrer neuen Heimat Israel nicht nur den Weg zur├╝ck auf die B├╝hne fand, sondern zu einem Theaterstar, zur "K├Ânigin des Theaters" avancierte. Basierend auf der Ausstellung "Dir selbst sei treu ÔÇô Graphic Art zu Channa Maron" des Goethe-Instituts Israel erschienen zwei Jahre nach ihrem Tod 2014 die (bio)graphischen Arbeiten von Barbara Yelin und David Polonsky zu Channa Maron nun auch als Buch.

Das erste der zehn von Barbara Yelin gezeichneten Panele zeigt Channa Maron im Jahr 1931 als Kind in Berlin. Das widerwillige achtj├Ąhrige M├Ądchen wird von ihrer ehrgeizigen Mutter zu einem Vorsprechen f├╝r "P├╝nktchen und Anton" am Deutschen Theater gezerrt. Ihren Gem├╝tszustand l├Ąsst Channa gekonnt in ihre Darbietung einflie├čen und begeistert den anwesenden Autor Erich K├Ąstner. Zu dieser Zeit, die politisch bereits vom Aufstieg der Nationalsozialisten ├╝berschattet ist, steht Channa fast t├Ąglich auf verschiedenen B├╝hnen. Zwei Jahre sp├Ąter ist die Familie bereits auf der Flucht. Channa und ihre Mutter emigrieren nach Paris, wo die beiden zwei Jahre voll Hunger und Angst verleben. Channa setzt ihre Schauspielk├╝nste nun f├╝r das Betteln um Brot ein. Schlie├člich erreicht die Mutter die Nachricht, dass Channas Vater eine Anstellung im britischen Mandatsgebiet Pal├Ąstina gefunden hat. Er emigriert von Berlin aus nach Pal├Ąstina, Channa und ihre Mutter folgen ihm 1935 dorthin. "In Berlin bin ich geboren, Israel ist meine Heimat." wird Channa Maron sp├Ąter sagen.

In Tel Aviv bl├╝ht die 12j├Ąhrige auf. Die in der neuen Heimat gewonnene Freiheit erlaubt es ihr, endlich Kind zu sein. In Windeseile lernt sie Hebr├Ąisch. Ihre Mutter ist wieder eifrig dabei, ihr Engagements zu verschaffen und klopft an viele T├╝ren, bis Channa schlie├člich wieder auf der B├╝hne steht. Es ist das Theater "HaBimah", damals das wichtigste und bis heute ein sehr bedeutsames Haus, in dem Channa erneut ihr K├Ânnen unter Beweis stellen kann.
"Manchmal ist es wichtiger, ein Mensch zu sein, als ein Schauspieler." Ein Satz, der auf Channa entscheidenden Einfluss hat. Er stammt von Fanny Lubitsch, ihrer Schauspiellehrerin, die damit ihre Meinung zur weltweit wachsenden Bedrohung durch die Nationalsozialisten 1942 kundtut. Channa l├Ąsst sich daraufhin von der britischen Armee rekrutieren. Die Frage, wie sich Schauspieler_Innen zu den bestimmenden Themen der Zeit verhalten sollen, was sie beitragen k├Ânnen, wird ab diesem Zeitpunkt ein wiederkehrendes Motiv f├╝r Channas politisches Engagement sein. Nach zwei Jahren in der britischen Armee wird Channa Mitglied des Unterhaltungskorps der j├╝dischen Brigaden und reist mit der Truppe durch Europa. Ab 1945 besteht das Publikum auch h├Ąufiger aus Zivilist_Innen, unter ihnen auch ├ťberlebende der Konzentrationslager. Diese Begegnungen ber├╝hren Channa zutiefst und lassen sie begreifen, welchem Schicksal sie entronnen ist.

1946 tritt Channa Maron in das neu gegr├╝ndete Cameri-Theater ein. 35 Jahre lang bleibt sie Mitglied des legend├Ąren Theaters, dessen Ensemble sich auch politisch sehr engagiert, und feiert dort ihre gr├Â├čten Erfolge. Am 10. Februar 1970 ist Channa auf dem Weg zu einem Vorsprechen in London, als ein pal├Ąstinensisches Terrorkommando im Transitbereich des M├╝nchner Flughafens einen Sprengsatz z├╝ndet, w├Ąhrend Passagier_Innen der gerade gelandeten EL AL Maschine sich dort aufhalten. Es gibt einen Toten und Schwerverletzte, unter ihnen Channa, der im Zuge einer Notoperation ein Bein amputiert werden muss. Der Weg zur├╝ck ins Leben f├Ąllt ihr nach diesem traumatischen Ereignis naturgem├Ą├č schwer. Nach einer Phase des R├╝ckzugs kehrt Channa schlie├člich doch ans Theater zur├╝ck und zwar direkt zu den Proben von "Medea". Gegen diese Titelrolle hatte sie sich vor dem Terroranschlag gestr├Ąubt, sie wusste nicht, wie sie sie anlegen k├Ânne, denn "Fanatismus, Gewalt, Blutvergie├čen sind nicht Teil meines Lebens", hatte sie immer wieder betont. Nach dem existenziell bedrohlichen Ereignis findet sie Zugang zu der Rolle. Jetzt nutzt sie sie, um ihren Hass auf alle Formen von Gewalt auszudr├╝cken und spielt mit so gro├čer Leidenschaft, dass die Auff├╝hrung ein Riesenerfolg wird. 1973 erh├Ąlt Channa die wichtigste aller israelischen Auszeichnungen, den Israel-Preis, f├╝r ihre Verdienste um die israelische Kultur. Im gleichen Jahr wird Israel an Yom Kippur von arabischen Nachbarl├Ąndern angegriffen. Wieder besch├Ąftigt Channa und ihre Kolleg_Innen die Frage, wie in Zeiten des Krieges Theater gemacht werden kann. Unerm├╝dlich nimmt Channa auch in den kommenden Jahren direkt am politischen Leben teil. Sie agiert als Wahlhelferin f├╝r die Arbeiterpartei und bezieht scharf Stellung gegen den Libanonkrieg. W├Ąhrend der ersten Intifada organisiert sie Dialoggruppen zwischen israelischen und pal├Ąstinensischen Frauen. Den Schl├╝ssel f├╝r den Frieden erkennt sie im Kennenlernen der anderen Seite.

Am 8. Mai 1995 feiert Channa Maron als Hekuba in "Die Troerinnen" Premiere ÔÇô am Schauspielhaus Wuppertal. Zuvor hatte Channa immer wieder Angebote aus Deutschland abgelehnt, sie wollte weder auf Deutsch spielen, noch dem deutschen Publikum begegnen. F├╝r diese Auff├╝hrung am 50. Jahrestag der deutschen Kapitulation macht sie eine Ausnahme. Am selben Tag wird auf die Synagoge in L├╝beck ein Brandanschlag ver├╝bt. Channa kann es nicht erwarten, nach Israel zur├╝ckzukehren. Im gleichen Jahr wird sie nach Washington eingeladen, als Ehrengast bei Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Jitzhak Rabin und Jassir Arafat.
Sie nimmt an der gro├čen Friedenskundgebung am 4. November 1995 teil, auf der Jitzhak Rabin von einem j├╝dischen Rechtsextremisten erschossen wird. Sie ist, wie so viele in Israel, fassungslos ├╝ber diese Tat. Doch statt in Ohnmacht zu verharren, wird ihr Kampf f├╝r den Frieden noch kompromissloser. Gleichzeitig steht sie bis zum Alter von 87 noch immer auf der B├╝hne. Channa Maron stirbt am 30. Mai 2014, im Alter von 93 Jahren, an den Folgen eines Schlaganfalls.

AVIVA-Tipp: Die von Barbara Yelin gew├Ąhlte Erz├Ąhlform, in der auf zehn Panelen bedeutsame Begebenheiten, meist Wendepunkte, in Channas Leben aus ihrer Sicht und der Sicht unterschiedlicher Wegbegleiter geschildert werden, ist ein Bilderbogen, welcher die wichtigsten Lebensrollen Channa Marons als Schauspielerin, als Friedensaktivistin und als Familienmensch inszeniert. Dramatische H├Âhepunkte des Comics gestaltet Yelin eindringlich durch die Wahl expressiver Mittel wie an Emotionen gebundene Variationen der Farbgebung und der Schriftgr├Â├če oder das Aufbrechen der Bildanordnung. David Polonskys Bilder sind portr├Ąthafte Zeichnungen von Channas wichtigsten B├╝hnen- und Filmrollen, in deren Hintergrund wie in einer Theaterkulisse konkrete Zeitbez├╝ge illustriert werden. Diese Einordnung verdeutlicht, wie sehr Channas k├╝nstlerische Arbeit mit ihrem Leben und den politischen Ereignissen abseits der B├╝hne in Verbindung stand. Die Arbeiten der K├╝nstler_Innen Yelin und Polonsky harmonieren inhaltlich wie ├Ąsthetisch, zeichnen sich bei der Darstellung Channa Marons durch Pr├Ągnanz und Sch├Ąrfe aus und verzichten auf Nebens├Ąchliches. So k├Ânnen auch Leser_Innen, denen Channa Maron bislang unbekannt geblieben ist, eine klare Vorstellung davon entwickeln, wer die "K├Ânigin des Theaters" tats├Ąchlich war.

Zur Autorin: Barbara Yelin , geboren 1977 in M├╝nchen, studierte Illustration an der Hochschule f├╝r Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Als Comiczeichnerin ist sie vor allem in Frankreich durch die B├Ąnde "Le visiteur" und "Le retard" bekannt geworden (beide erschienen bei Editions de l┬┤an 2 ÔÇô Actes Sud). In deutscher Sprache sind verschiedene Kurzgeschichten von Barbara Yelin in der Anthologien "Spring" und "Pomme d┬┤amour" erschienen, die von einem Kollektiv von Zeichnerinnen herausgegeben wird."Gift", die Geschichte eines historischen Kriminalfalls nach einem Szenario von Peer Meter, war der erste umfangreiche Comic von Barbara Yelin, der in deutscher Sprache bei REPRODUKT erschienen ist. 2014 legte Barbara Yelin dann ihren vielfach ausgezeichneten Comicroman "Irmina" vor: Basierend auf einer wahren Geschichte, erz├Ąhlt Yelin in atmosph├Ąrisch dichten Bildern einen Werdegang voller Br├╝che und thematisiert darin das Mitl├Ąufer_Innentum und Wegsehen im Nationalsozialismus. Gemeinsam mit dem Autor Thomas von Steinaecker gestaltete Barbara Yelin 2015 den mehrteiligen Webcomic "Der Sommer ihres Lebens". Yelin zeichnete Comicstrips f├╝r die FRANKFURTER RUNDSSCHAU (2012) und aktuell f├╝r den TAGESSPIEGEL (2016). 2015 erhielt Barbara Yelin den Bayerischen Kunstf├Ârderpreis f├╝r Literatur und 2016 den renommierten Max-und-Moritz-Preis als beste deutschsprachige Comic-K├╝nstlerin.
Barbara Yelin lebt und arbeitet ÔÇô nach knapp 20 Jahren in Hamburg und Berlin ÔÇô heute wieder in M├╝nchen. (Quelle: Verlagsinformationen und Website der Autorin).

Website der Autorin: www.barbarayelin.com

Zum Autor: David Polonsky, geboren 1973 in Kiew, ist als Illustrator f├╝r die f├╝hrenden israelischen Zeitungen sowie die New York Times t├Ątig. Er hat zahlreiche preisgekr├Ânte Kinderb├╝cher illustriert, die in mehrere Sprachen ├╝bertragen wurden. Weltbekannt wurde David Polonsky durch den dokumentarischen Spielfilm "Waltz with Bashir" (2008), in dem der Regisseur Ari Folman seine Erfahrungen w├Ąhrend des Libanonkriegs 1982 verarbeitet. Der Film, der 2009 einen Golden Globe gewann und f├╝r einen Oscar nominiert war, wurde von David Polonsky als k├╝nstlerischem Leiter visuell gepr├Ągt. In der Folge wirkte er an mehreren internationalen Animationsproduktionen mit, u.a. als Artdirector an "The Congress" (Regie: Ari Folman, 2013). David Polonsky unterrichtet Illustration an der Bezalel Academy of Art and Design in Jerusalem und der Shenkar School of Design in Tel Aviv. (Quelle: Verlagsinformationen)
Website des Autors: www.dpolonsky.com

Barbara Yelin, David Polonsky
Vor allem eins: Dir selbst sei treu. Die Schauspielerin Channa Maron

Reprodukt, erschienen am 25.09.2016
80 Seiten, farbig, Hardcover
ISBN 978-3-95640-102-2
24 Euro
www.reprodukt.com

Mehr Infos zu Channa Maron: www.imdb.com

Mehr Infos zum Cameri Theater: cameri.co.il

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Barbara Yelin ÔÇô Irmina
Irmina ist die sperrige Protagonistin in Barbara Yelins gleichnamigem Comic. Eine junge Deutsche, die sich in England verliebt, aber zur├╝ck nach Nazi-Deutschland muss und sich hier gut arrangiert. (2015)

Peer Meter, Barbara Yelin ÔÇô Gift
Die 1831 ├Âffentlich vollzogene Hinrichtung der Giftm├Ârderin Gesche Gottfried bildet die historische Grundlage f├╝r diese d├╝stere Graphic Novel. Protagonistin ist eine junge Schriftstellerin, die durch einen Zufall Zeugin der Ereignisse wird und die daraufhin die Fragen um Schuld, Verbrechen und die Verantwortung der Gemeinschaft nicht mehr loslassen. (2011)

Ari Folman, David Polonsky ÔÇô Waltz with Bashir
Die Geschichte des aufr├╝ttelnden Animationsfilms von Ari Folman ist jetzt in Buchform erschienen. "Waltz with Bashir" erz├Ąhlt von der Suche des Regisseurs nach seiner eigenen Erinnerung an den 1. Libanonkrieg. (2009)

Literatur > Graphic Novels Beitrag vom 23.02.2017 Romina Wiegemann 

   




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