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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2017 - Beitrag vom 29.03.2017

Die Romanbiographie: Sylvia Roth - Claire Waldoff. Ein Kerl wie Samt und Seide. Und: musikalische Biografie von & mit Sigrid Grajek: Claire Waldoff. Ich will aber gerade vom Leben singen am 6. Mai 2017
Ahima Beerlage

Vor 60 Jahren, am 22. Januar 1957 starb die Kabarettistin mit den feuerroten Haaren, die "Revolverschnauze" von Berlin, die mit ihrem Verbleib als Künstlerin in Nazi-Deutschland nicht unumstritten ist. Die Musikwissenschaftlerin Sylvia Roth hat ihr eine sprachmelodiöse Romanbiographie gewidmet.



"All die Geschichten, die sie sie singt, erzählen von kleinen, alltäglichen Dingen, all diese Geschichten verdichten sich zu etwas Allgemeingültigem, dass nicht nur für Berliner von Interesse ist." schreibt Sylvia Roth über Claire Waldoff. Die Sängerin mit den auffällig roten Haaren und der blechernen Stimme ist für die Berlinerinnen und Berliner der Zwanziger und Dreißiger Jahre ihre "Berolina", die Verkörperung all ihrer Ängste und Nöte, der frechen Schnauze und der immer optimistisch-hemdsärmeligen Mentalität der Großstadt. Kaum jemand aus ihrem Publikum weiß aber, dass sie am 21. Oktober 1884 in Gelsenkirchen im Schatten der rauchenden Schlote von Zeche Hibernia als Clara Wortmann geboren wurde. Ihre Eltern haben viele Kinder, doch nur die kleine Clara hat verdächtig feuerrote Haare wie der ledige Gelegenheitsdichter Friedrich Ködding. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Clara aus einer Affäre ihrer Mutter mit dem roten Fritz entstanden ist.

Die Tante is nich meine Tante

Während die Mutter ein Kind nach dem anderen bekommt, arbeitet der Vater in den Flözen, bis seine Staublunge ihn dazu zwingt, über Tage zu bleiben. Er eröffnet ein Lokal in der Nähe der Zeche und verdient gutes Geld. Um ein Lokal mit Bühne eröffnen zu können, zieht die Familie nach Oberhausen um. Dort schnuppert Clara zum ersten Mal Theaterluft. Doch noch will sie Ärztin werden. Kurzerhand schreibt sie einen Brief an den Verein Frauenbildungs-Reform in Hannover, um an einem der ersten Gymnasien für Mädchen aufgenommen zu werden, das von der Frauenrechtlerin Helene Lange gegründet wurde. Die aufgeweckte Göre aus dem Kohlenpott wird genommen. Ihre Eltern und ihr Erzeuger, der heiraten will und erleichtert ist, dass sein uneheliches Kind aus der näheren Umgebung verschwindet, zahlen die Unterhaltskosten. In einem Café in Hannover lernt die fleißige Schülerin Schauspielerinnen und Schauspieler kennen und findet immer mehr Gefallen an der Schauspielerei. Als ihre Eltern sich scheiden lassen und auch ihr Erzeuger nicht mehr zahlen will, schmeißt sie die Schule, gibt sich den Künstlerinnennamen Claire Waldoff und widmet sich der Schauspielerei. Sie tingelt durch die Provinz, immer knapp an der Pleite vorbeischrammend, und lernt ihr Handwerk von der Pieke auf.

Die Großstadtpflanze

Doch erst als sie den Sprung nach Berlin schafft, entdeckt sie ihre komische Seite. Mit einem einzigen Satz in einem Theaterstück als Liftboy Wat jeht mit Jelbsiejel an? stiehlt sie ihren MitspielerInnen die Show und kassiert Applaus. Sie verliert zwar ihr Engagement, weil die anderen SchauspielerInnen ihr den kleinen Erfolg nicht gönnen, aber sie findet ihre Rolle: die freche Berliner Schnauze. Schnell hat sie sich den Dialekt angeeignet Er wird ihr zur zweiten Heimat. Die Mentalität – rau und pampig – ist der im Ruhrpott nicht unähnlich. Und so wird sie schnell zur Stimme der kleinen Leute, nicht zuletzt, weil sie sich immer wieder unermüdlich durch Berlin bewegt, die Menschen beobachtet. Heinrich Zille, der mit seinen Skizzen die Hinterhofszenen festhält und die burschikose Claire liebevoll Karl nennt wird ebenso ihr Freund wie der vogelige Ringelnatz und der scharfe Beobachter Kurt Tucholsky.

Raus mit den Männern aus dem Reichstag

Claire geht als "kesser Vater" in Frauenclubs, trägt auf der Bühne Anzug, aller Zensur zum Trotz. Mit ihrer unerschrockenen und herzlichen Art verschafft sie sich Respekt bei TheaterbetreiberInnen und Publikum. Aber sie benutzt nicht nur das Elend der Leute als Leinwand für ihre Kunst. Sie singt auf Wohltätigkeitsveranstaltungen, um Geld für notleidende Kinder zusammen zu bringen. Sie ist großzügig und gastfreundlich. Ihr Salon ist Anlass für viele Gerüchte. Der stämmigen, kleinen und urkomischen Person wird sogar eine Affäre mit Marlene Dietrich angedichtet. Ob ein Körnchen Wahrheit daran ist, bleibt beider Geheimnis, schließlich ist Claire schon mit Olga von Roeder liiert, ihre Lebensgefährtin, die sie bis zum Tod begleiten wird. Die Freiin aus adeligem Haus wird Claire auch zur Seite stehen, als die unerschrockene Sängerin mit den Nazis aneinandergerät und sie in ein kleines Häuschen im Bayrischen fliehen müssen.

Claire versucht nach wie vor landesweit aufzutreten, um ihren Landsleuten Mut zu machen, ihre FreundInnen unterstützen zu können und auch, um die, die ihre Auftritte zu verhindern suchen, zu ärgern. Schallplatten mit ihren Liedern sind verboten und nach fast allen Auftritten protestieren örtliche Nazi-Größen gegen ihr Repertoire und ihre Art des Auftritts. Doch sie ganz zu verbieten wagen die Nazis nicht, dazu ist die "Volkssängerin" zu populär. Sie sieht ihre Auftritte als Trotzreaktion. Doch die Zweifel darüber, ob sie das Richtige tut, werden immer größer. Freundinnen und Kolleginnen sind ins Exil gegangenen, andere werden verfolgt und verhaftet, jüdische Künstlerinnen und Künstler haben Berufsverbot oder werden deportiert. "Müsste nicht auch sie, so fragt sich Claire im Angesicht von Ringelnatzens Portrait, schweigen – wie die Nachtigall? Wäre das nicht besser, als immerzu zu singen und sich ständig zu verbiegen, um weiter singen zu können?...Arrangiert sie sich zu sehr? Oder ist das Weitersingen nicht vielleicht auch ein politischer Akt? Sie weiß, wie vielen Nationalsozialisten sie ein Dorn im Auge ist – muss sie also genau deshalb weiter auftreten, um vor dem Hass der Braunhemden nicht in die Knie zu gehen? Ist das die ihr mögliche Form des Widerstands?" Der Konflikt ist für Claire immer anwesend. 1942 singt sie in einem Lazarett für verwundete Soldaten im von den Deutschen besetzten Paris und wird damit auch zu einem Teil der Kräfte, die der Wehrmacht den Rücken stärken.

Olly bleibt auch bei ihr, als der Krieg vorbei ist und Claire keinen künstlerischen Anschluss mehr an die Nachkriegszeit findet. Claire kann nur wenige Auftritte absolvieren. Beide Frauen schreiben Bittbriefe an zahlreiche Freundinnen, denen sie während des Krieges mit Päckchen geholfen haben, doch die Resonanz bleibt mager. Das Frauenpaar muss jeden Pfennig zweimal umdrehen. Nach zwei Schlaganfällen stirbt Claire 1957.

Det muss man jarnich ignorieren!

Der Dialekt oder der Slang einer Gruppe ist die Melodie der gesprochenen Sprache, die die Personen in ihrer Zeit und ihrem Umfeld lebendig werden lassen. Über Claire Waldoff gibt es großartige Biographien und ihre eigenen Aufzeichnungen, aber Sylvia Roth, Musikwissenschaftlerin und Operndramaturgin, bringt die Künstlerin sprachlich zum Klingen, indem sie ihr den wütend-wortkargen Duktus der Berliner Mundart zurückgibt. Waldoff, die es wie wenige Interpretinnen schaffte, das alltägliche Leben insbesondere von Frauen in Berlin originalgetreu wiederzugeben, hat in diesem Buch ihre literarische Entsprechung gefunden.

AVIVA-Tipp: Ob es der trotzige Zorn der kleinen Außenseiterin im Kohlenpott ist, ob es die dickköpfige Künstlerin ist, die bei der Eröffnung des "Roland in Berlin" ihren schrägen Song "Schmackeduzchen" zum Besten gibt – Sylvia Roth setzt der Kabarettistin und dem kessen Vater, die den Etonboy-Anzug auf der Bühne durchsetzte, ein zärtlich-raues Denkmal mit ihrer eigenen Sprachmelodie. Einziger Wermutstropfen: Auch in diesem Buch über Claire Waldoff wird kaum ihre zwiespältige Rolle als in Deutschland verbliebene Künstlerin aufgearbeitet, ihre Motivation, vor Soldaten der Wehrmacht zu singen, hinterfragt. Spätestens in der Darstellung der Nachkriegszeit wäre in diesem Buch Raum dafür gewesen. Trotzdem lesenswert und unterhaltsam.

Zur Autorin: Sylvia Roth, Musikwissenschaftlerin und Autorin, arbeitet als Operndramaturgin an diversen deutschen Theatern und ist darüber hinaus regelmäßig als Musikjournalistin für den Rundfunk tätig. Im Verlag Herder veröffentlichte sie bereits den Band "Ein Jahr in Lissabon". (Quelle: Verlag Herder)

Sylvia Roth
Claire Waldoff. Ein Kerl wie Samt und Seide

Romanbiografie
Herder Verlag, erschienen 8. November 2016
Taschenbuch, 275 Seiten
Euro 14,99
ISBN: 978-3451068348
www.herder.de


Veranstaltungshinweis:

Sigrid Grajek, auch bekannt für ihre Rolle als "Coco Lorès", erweckt die berühmteste Berliner Kabarettistin in ihrer musikalischen Biographie "Claire Waldoff: Ich will aber gerade vom Leben singen…" wieder zum Leben. Für Sigrid Grajek ist Claire Waldoff die Urmutter aller Kabarettistinnen. Deshalb schlüpft sie mit Enthusiasmus in die Figur der herausragenden Diseuse und singt, spielt und erzählt sie ihr turbulentes Leben.
Vorstellung am Samstag, 6. Mai 2017, 19.30 Uhr
Claire Waldoff: Ich will aber gerade vom Leben singen...
Eine musikalische Biographie von & mit Sigrid Grajek, Piano: Regina Knobel
Café Lyrik
Kollwitzstraße 97
10435 Berlin
Reservierung: 030 443 17 191

Nähere Infos und weitere Vorstellungen unter:
www.sigridgrajek.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Die wilden Jahre in Berlin. Eine Klatsch- und Kulturgeschichte der Frauen"von Birgit Haustedt
Salonnières, Rennfahrerinnen, Künstlerinnen und Provokateurinnen aus Überzeugung prägten die weibliche Topografie Berlins in den 1920er Jahren. Valeska Gert, Vicki Baum, Dora Benjamin, Claire Waldoff und andere Freigeister dekonstruierten gängige Frauenbilder - bis der Nationalsozialismus sie von der Bühne verbannte. (2013)

"Die Frau im Dunkeln. Autorinnen und Komponistinnen des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935"von Evelin Förster
Schon im Jahr 2009 brachte sie eine Text-Musik-Collage auf CD heraus, die sich den Künstlerinnen des frühen 20. Jahrhunderts widmete. Neben vielen bekannten Frauen war die Sängerin bei ihren Recherchen auch auf Namen gestoßen, die heute vollkommen vergessen sind – eben "Frauen im Dunkeln". (2013)

Interview mit Sigrid Grajek über die berühmteste Berliner Kabarettistin der 20er Jahre, Claire Waldoff"
Ein Gespräch über die berühmteste Berliner Kabarettistin der 20er Jahre. Mit ihrem Programm "Claire Waldoff: Ich will aber gerade vom Leben singen..." reist Sigrid Grajek durch die Bundesrepublik. (2012)

Ernestine Amy Buller - Finsternis in Deutschland. Was die Deutschen dachten. Interviews einer Engländerin 1934-1938"
Wie kann ein ganzes Volk in die Fänge einer extremistischen Ideologie geraten? Die Engländerin Amy Buller wollte dies in den 1930er Jahren direkt von denen hören, die in Nazi- Deutschland lebten. Sie interviewte Menschen unterschiedlichster Herkunft und Gesellschaftsschicht und gibt damit Einblick in die Hoffnungen, Nöte, Wünsche und Selbsttäuschungen derjenigen, die in Nazi-Deutschland geblieben sind.


Literatur > Biographien Beitrag vom 29.03.2017 Ahima Beerlage 

   




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