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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 18.08.2007

Ums Überleben schreiben
Anna Opel

Mit Helga Deens Tagebuch "Wenn mein Wille stirbt, sterbe ich auch" wurden bewegende Aufzeichnungen eines jungen Mädchens aus dem KZ Vught in Holland entdeckt



Schon die Vorgeschichte des Bandes ist filmreif: Nach dem Tod seines Vaters, des niederländischen Malers Kees van den Berg, findet dessen Sohn Conrad im Jahr 2003 im Nachlass eine lederne Damenhandtasche. Die Tasche enthält ein Schulheft und diverse Briefe und Postkarten aus der Feder einer jungen Frau. Weder von dieser Tasche, noch von der Frau, der Jüdin Helga Deen, deren letzte Lebenswochen hier dokumentiert sind, hatte der Finder gewußt.

Erst durch seine Entdeckung und die ausgiebigen Recherchen unter der Obhut des Archivs in Tilburg erfährt Sohn Conrad von der Liebe zwischen Kees van den Berg und der Jüdin Helga Deen im holländischen Tilburg. Das umfunktionierte Chemieheft aus der Tasche enthält einige wenige Zeichnungen und ein Tagebuch, das während der vierwöchigen Internierung im Konzentrationslager Vught (Herzogenbusch) im Juni 1943 entstanden war.

Über das Durchgangslager Westerbork, wo fast genau ein Jahr später Anne Frank auf ihrem Weg nach Auschwitz Station machen sollte, wird Helga Deen im Juli nach Sobibór gebracht und kommt dort, achtzehnjährig, wenige Tage nach ihrer Ankunft zu Tode.

Das Tagebuch, Kernstück des gerade erschienen, liebevoll ausgestatteten Rowohltbandes, dokumentiert auf eindrucksvolle Weise das Schwanken eines leidenschaftlichen, jungen Menschen zwischen Hoffen und Verzagen. Trotz eiserner Disziplin und dem festen Plan, sich im sie umgebenden Chaos keinesfalls zu verlieren, sieht Helga Deen ihre Lage mit jedem Tag deutlicher. Zunehmend entgleitet ihr das Vorhaben, sich innere Freiheit und Lebensfreude zu bewahren.
Nicht das Alltagsgeschehen ist Gegenstand ihres Schreibens. Hier und da handelt der poetische Text von Ereignissen, die, so überraschend das immer wieder ist, von einer Normalität des Lagerlebens künden. Helga Deen berichtet etwa von einem kurzweiligen Kabarettbesuch, von Streitereien zwischen den Frauen und den verlockenden Wurstpaketen ihrer Bettnachbarin.

Die Antriebskraft "Schreiben" liegt vor allem im Versuch, einerseits zu begreifen, was geschieht. Andererseits grenzt Helga Deen sich schreibend ab von der Opferrolle, die ihr durch die äußere Situation als Häftling aufgedrängt ist. Sie führt eine Auseinandersetzung mit Gott und in ihrem fast wütenden Ringen um das eigene Überleben als Mensch an einem Ort, der seiner ganzen Struktur nach seinen BewohnerInnen das Menschsein verwehrt. Helga Deen ist zum Überleben entschlossen und das Tagebuch fungiert als Rückzugsort und Rettungsinsel. Gegen das Grauen um sie herum und die Ungewissheit beschwört sie all das Schöne und Herrliche des vergangenen und zukünftigen Lebens, alles, auf das zu hoffen sich lohnt. Und sie träumt und wünscht:

"Es gibt auch einen Pfad, der mit Sträuchern und Birken gesäumt ist, und ganz in der Ferne, wo er endet, ein Kornfeld. Ich wünsche mir oft, dass du das findest und ich dich am Abend sehen würde."

Nur zwei Monate vor ihrer Internierung hatten Helga Deen und Kees van den Berg sich ineinander verliebt. An ihn, den geliebten Mann, adressiert sie all ihre Gedanken. Die Erinnerungen an das gemeinsam Erlebte, das ihr nun schon so weit entfernt ist, hält sie schreibend wach.

In den ersten Tagen noch entschlossen, ihre neue Unterkunft "halb so schlimm" zu finden, die Lage der Baracken zu loben und sogar das Essen zu würdigen, wird zwischen den Zeilen zunehmend Helgas Verstörtheit spürbar. Bis zuletzt will sie an Rückkehr glauben und so spricht sie sich selbst Mut zu. Die schrecklichen Kindertransporte, die sie während ihrer Zeit im Lager gesehen haben muss, machen sie dagegen sprachlos.
"Der Transport. Das ist zu viel. Und morgen schon wieder."
Mehr als dieser karge Widerhall des Entsetzens ist in den Aufzeichnungen nicht zu finden.

In einem Brief an ihre Freunde aus dem Durchgangslager Westerbork zieht die junge Frau zwei Wochen vor ihrem Tod Bilanz aus ihrer Zeit im Lager:
"Dieser Monat wurde zu einer Ewigkeit... Angst kenne ich keine mehr, es gibt keine schrecklichen Überraschungen mehr, das Unmöglichste ist möglich geworden. Trotzdem weiß ich, dass ich durchkomme, man hat es zum großen Teil selbst in der Hand, solange man nur will."
Es folgt noch ein letzter Brief an die Freundin Hanneke, in dem schon die Ahnung mitschwingt, sie werde ihr geliebtes Brabant vielleicht nicht wiedersehen.

Briefe des Geliebten Kees an Helga, die diese schon nicht mehr erreichten, und Briefe Helgas an ihre Freundinnen wurden dem Tagebuch dankenswerterweise beigefügt. Ein ausführliches Nachwort informiert zudem über die Stationen der Familiengeschichte und alle historischen Hintergründe, die nötig sind, um den impressionistischen Tagebuchtext zum Portrait einer willensstarken, begabten Frau zu ergänzen, der das Leben genommen wurde.

Zur Autorin: Helga Deen, geboren 1925 in Stettin. 1933 zieht die Familie Deen auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung ins holländische Tilburg, woher auch der Vater stammt. Als die Nazis 1940 einmarschieren, unternimmt die Familie Deen einen Fluchtversuch, der jedoch nicht gelingt. Helga Deen wird Anfang Juni 1943 mit ihrem Bruder und den Eltern interniert. Im Lager Vught schreibt sie ihre Gedanken in einem Chemieheft nieder.
Am 16. Juli 1943 wird die gesamte Familie im polnischen Lager Sobibór ermordet.

Mit allergrößter Sorgfalt ediert, mit einem detaillierten Fußnotenapparat und Bildmaterial versehen, hält die Leserin mit diesem Buch ein Werk von dokumentarischem und literarischem Wert in ihren Händen. "Wenn mein Wille stirbt, sterbe ich auch" ist ein wertvolles ZeitzeugInnendokument. Es bewegt und ruft, am Beispiel dieses einen Menschen, den grausamen Vernichtungsexzess des deutschen Nationalsozialismus, ein weiteres Mal in Erinnerung.

Helga Deen
"Wenn mein Wille stirbt, sterbe ich auch"
Tagebuch und Briefe

Deutsch von Annette Wunschel
Rowohlt Verlag, erschienen April 2007
Hardcover, 144 S.
ISBN 978 3 498 01325 7
12, 90 Euro

Literatur Beitrag vom 18.08.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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